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"Laurence Anyways" im Kino:Mit Transsexualität zur Wahrhaftigkeit

Laurence (Melvil Poupaud).

Laurence, wie auch immer - Melvil Poupaud.

(Foto: NFP)

Fanal der Selbstbehauptung: In "Laurence Anyways" von Regie-Wunderkind Xavier Dolan erfüllt sich der Literaturlehrer Laurence den Wunsch, fortan als Frau zu leben. Sein Selbstsein kostet ihn allerdings die große Liebe des Lebens und bringt ihn auf Distanz zu gerade jenen, die sich anfangs nonkonformistisch gaben.

Von Rainer Gansera

Keiner kann Disco-Zauber so grandios in Szene setzen wie Xavier Dolan: den elektrisierenden Kick beim Eintritt in den Tanz-Tempel, wenn die Soundwellen eines Duran-Duran-Songs heranrollen und die grellgrün rotierenden Laserstrahlen das Dunkel durchschneiden; das Schaulaufen, die Lust an der Selbstinszenierung, die taxierenden Blicke, die kurzen Momente des Erschreckens, wenn Gesichter ins Fratzenhafte kippen.

Disco-Besuche gehören zu den Standardszenen heutiger Filme und werden üblicherweise mit einer zwischen schemenhaften Gestalten taumelnden Kamera abgehandelt. Xavier Dolan sucht nach neuen, überraschenden und präzis komponierten Perspektiven.

"Ètonne-moi!", Jean Cocteaus berühmte Maxime gilt auch für ihn. Ihn interessieren Dinge, die in Erstaunen versetzen, er will mit seiner mise en scène verblüffen, herausfordern. Bei ihm enthält jede Wendung der Story, jede Kostümerfindung, jede Replik eine unerwartete Pointe, einen Kick euphorischer Steigerung.

Mit Effekthascherei hat das nichts zu tun. Wenn er seine von Pop-Art inspirierte Imagination ausschweifen lässt, dann schärft er zugleich den Blick auf die äußere und innere Gestalt seiner Figuren. Ähnlich wie Pedro Almodovar in seinen frühen Filmen.

Der 24jährige, in Montréal geborene Xavier Dolan wurde bei der Präsentation seiner ersten beiden Filme in Cannes - "Ich habe meine Mutter getötet" (2009) und "Herzensbrecher" (2010) - als Regie-Wunderkind gefeiert. "Laurence Anyways" beginnt spielerisch wie eine Nouvelle-Vague-Liebesgeschichte. Kissenschlachten, Küsse im Auto bei voller Fahrt. Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément) erleben inniges, wildromantisches Glück. Federleichtigkeit des Seins.

Sie ist der Punk, er der Poet

Laurence ist Literaturlehrer an einem Gymnasium im Montréal des Jahres 1989. Im Unterricht macht er flapsige Bemerkungen über Proust, der dreihundert Buchseiten benötige, um einen Blowjob zu schildern.

Die Schüler mögen ihn. Er schreibt Gedichte und gewinnt einen Literaturpreis, wozu ihm die Lehrerkollegen gratulieren. Fred arbeitet als Regieassistentin bei Fernsehproduktionen. Im Kontrast zur Sanftheit, die Laurence an den Tag legt, zeigt sie ein wildes, draufgängerisches Wesen. Sie ist der Punk, er der Poet.

Alle fühlen sich vor den Kopf gestoßen

Dann schlägt die Tonart um ins Melodramatische. An seinem 35. Geburtstag gesteht Laurence, dass er sich immer schon als Frau gefühlt habe und fortan auch als Frau leben wolle. Er zieht das konsequent durch, anfangs noch etwas unbeholfen in der Kleiderwahl.

Wenn er ein grasgrünes Kostüm anlegt, und hochhackig über den Schulflur tippelt wird daraus ein Schaulaufen. In der Kantine flüstert ihm der Kollege, der ihm wohlgesonnen ist, die Frage zu: "Ist das eine Revolte?" Laurence erwidert lachend: "Nein, eine Revolution!"

Bald wird ihm das Lachen vergehen. Sobald Laurence immer deutlicher erkennbar zur Frau wird und das auch demonstrativ zur Schau stellt, beginnen Anfeindungen und Attacken. Alle fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Auf Drängen des Elternbeirats muss Laurence den Schuldienst quittieren. Dieses Anderssein wird nicht toleriert.

Anderssein war schon Sujet des ersten Dolan-Films. Da kam eine Mutter nicht damit zurecht, dass ihr Sohn (den Dolan selber spielte) sich als schwul outete. "Ich habe meine Mutter getötet" war ein erstes Fanal der Selbstbehauptung, auch der künstlerischen. Schon hier entwickelt Dolan seinen flamboyanten Stil.

Fred ist zuerst fest entschlossen, zu Laurence zu stehen, kommt dann aber doch nicht mit dem Wandel seiner/ihrer Identiät klar. Entzauberungsprozess einer großen Liebe, erzählt über den Zeitraum der Dekade von 1989 bis1999. Melancholie zwischen Trauer und neuen Hoffnungen, in flammenden Frühlings- und gefrorenen Winterbildern. Die Transsexualität ist für Dolan ist nur eine Metapher der Forderung nach Wahrhaftigkeit und Selbstsein in einer Beziehung.

Fluchtbewegung oder Offenbarung des eigenen Wesens?

Die Reaktionen, die Laurence' körperliche Wandlung hervorruft, sind zum Teil satirisch scharf gezeichnet. Gerade jene, die sich anfangs nonkonformistisch gaben, gehen schnell auf Distanz: der Lehrerkollege, Freds Schwester, eine kämpferische Feministin. Fred wechselt bald radikal das Milieu: Nach ihrem munteren Bohème-Leben mit Laurence sucht sie sich einen arrivierten Ehemann und residiert in einer aseptisch gestylten Villa. Ist das Selbstverrat? Eine verzweifelte Fluchtbewegung, oder die Offenbarung ihres wahren Wesens?

Im Kern geht es in Dolans brillant gezeichnetem Beziehungsdrama um die selbstbewusste Inszenierung der Eigenheit, um ein Sich-Zeigen als Sich-Exponieren. Deshalb gibt so viele Szenen, in denen Laurence einen Parcours abschreitet, der ihn/sie verwunderten, überraschten, amüsierten oder abschätzigen Blicken aussetzt. Sei es in der Schule, auf der Straße, oder in der Disco.

Laurence Anyways, Can/F 2012 - Buch, Regie, Schnitt: Xavier Dolan. Kamera: Yves Bélanger. Musik: Noia. Mit: Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye, Monia Chokri. NFP, 159 Minuten.

© SZ vom 27.06.2013
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