Nachruf "Es ist mir eigentlich egal, wer unter mir Feuilleton-Chef ist"

Joachim Kaiser führte seine Leserschaft mit einer Eleganz in neue Höhen der Kultur, die ans Missionarische grenzte. Es war ihm ein innerstes Anliegen, die wahren Qualitäten der Musik, des Theaters und der Literatur zum allgemeinen Kriterium zu machen. Weil er aber den Kanon bestimmte, konnte er bald auch Karrieren lancieren. Oder auch beenden.

Er war nie ungerecht. Aber er konnte grausam sein. Vor allem, wenn er den Gegenstand seiner Betrachtung, seien es das Werk oder die Interpreten, wirklich liebte. Eine Konzertkritik der Pianistin Maureen Jones begann er mit den Worten: "Es müßte ein Gesetz erlassen werden, das mit härtesten Strafen denjenigen bedroht, der in Klavierabenden Mozart zum Einspielen benutzt. Mehrere Jahre Gefängnis wären dann der Pianistin Maureen Jones sicher, die Mozarts D-Dur-Rondo derb, willkürlich und unter Hinzufügung vieler falscher Töne hinrichtete. Dabei ist sie, der weitere Verlauf des Konzertes lehrte es, nicht nur eine recht gute, sondern auch eine gescheite Pianistin." Eine Besprechung eines Konzerts des noch jungen, kaum bekannten Alfred Brendel schloss er 1965 mit der scharfen Beobachtung: "Der Umstand, daß viele andere geistloser, schlechter und uninteressanter spielen als er, darf ihn nicht beruhigen."

Viele große Musiker begleitete er über die Jahre

Für das aufblühende Bildungsbürgerpublikum fand er oft die Worte, die das gerade Erlebte nicht nur in den kulturwissenschaftlichen Kontext setzten, sondern auch der Leidenschaft einen Rahmen gaben. Als Karl Böhm das "Rheingold" in Bayreuth dirigierte, war der Auftakt seines Textes deutlich sowohl für die, die dabei waren, als auch die, die den Abend versäumt hatten, geschrieben: "Als das tiefe Es aus dem Grunde des Rheins herauftönte ins Bayreuther Parkett, sich nach einem Augenblick des Zögerns mit einer Quinte verband, dann summend und brausend in langsame Bewegung geriet, so daß das Festspielhaus erfüllt war von leisem, bedächtigem Rauschen: da wußte man, daß man sich nicht umsonst auf den neuen Bayreuther Ring gefreut hatte. Denn wie kein anderer Dirigent weiß Karl Böhm, was Ruhe ist, weiß er, daß die Gewalt des wagnerischen Forte nicht nur von der Stärke des Blechs abhängt, sondern davon, daß vorher wirklich ein reines, erfülltes Piano war."

Viele große Musiker begleitete er über die Jahre, Pianisten vor allem wie Alfred Brendel, Vladimir Horowitz, Arthur Rubinstein, Friedrich Gulda. Aus seiner Radiosendereihe "Die großen Pianisten unserer Zeit" beim Bayerischen Rundfunk wurde ein Buch, das wiederum zum Bestseller und Grundlagenwerk wurde. Er konnte aber nicht nur den musikalischen Kontext herstellen. Stardirigent Herbert von Karajan etwa war für Kaiser immer auch ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Phänomen.

Seine Funktion als Feuilleton-Chef gab er 1977 auf, um in Teilzeit als Professor an der Hochschule für Musik und darstellende Künste in Stuttgart zu lehren. Seine Rolle in der Zeitung behielt er. Oder wie er es später mal ausdrückte: "Es ist mir eigentlich egal, wer unter mir Feuilleton-Chef ist."

Sein Kosmos blieb ansonsten Zeit seines Lebens in erster Linie München mit seinen Satelliten der Festspielorte Salzburg und Bayreuth. Hier waren seine Stammleser, die er so souverän durch ein ganzes Leben voller Kultur führte. Hier lebte er in einem wunderschönen Haus am Rande des Englischen Gartens, von dem er mit dem Fahrrad bis ins hohe Alter in die Redaktion fuhr.

Bis fast zuletzt eroberte er sich mit seiner missionarischen Leidenschaft immer neue Menschen. Er unterrichtete an der Volkshochschule. Er sprach im Radio, im Fernsehen. Seine Stimme mit dem rollenden R und den feinen Nachsilben seines ostpreußischen Dialekts verliehen seinen Worten schon vom Klang her ein Gewicht, das er mit seiner Formulierungskunst erdete. Das hatte auch etwas Verführerisches. Die CD-Box "Der Klavier-Kaiser" von 2004 und seine Videokolumne auf der Webseite des SZ-Magazins, die er von 2009 bis 2011 führte, brachten ihn noch einmal einer jungen Generation nahe.

Dann wurde es ruhiger um ihn. Krankheiten machten es ihm immer schwerer, Vorträge zu halten, Texte zu schreiben. Vor einigen Jahren ist er verstummt. Lange noch erreichten das Feuilleton fast täglich Briefe und Anrufe, wo die Texte Joachim Kaisers blieben, wann er wieder schreiben, wenigstens im Netz sprechen würde.

Am Donnerstagnachmittag ist Joachim Kaiser nach längerer Krankheit in München gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.

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