bedeckt München 15°
vgwortpixel

"La Gomera" im Kino:Im Netz des Verrats

Filmstill

Catrinel Marlon spielt in "La Gomera" die Gangsterbraut Gilda, die nicht zufällig ein Hauch von Rita Hayworth umweht.

(Foto: Alamode Verleih)

In Corneliu Porumboius Film "La Gomera" folgt ein Drogenfahnder aus Bukarest der Spur des Geldes, die auf die Kanaren führt. Seinerseits wird er von längst verblassten Kinomythen verfolgt.

Über's Wasser gelaufen ist Mann, der Cristi heißt, nicht. Er kommt mit der Fähre auf der Kanareninsel La Gomera an und verlässt als Letzter das Schiff. Cristi trägt einen Anzug und hat ein ernstes, verschlossenes Gesicht. Ein anderer Mann holt ihn im Wagen ab. Den Neuankömmling bittet er, sein Handy auszuschalten, "die Polizei hört mit". Cristi tut, was man ihm sagt.

Der Mann fährt Cristi (Vlad Ivanov) mit dem Wagen hinauf zu einer Villa in den Bergen. Hier wartet eine schöne Frau auf ihn, Zigarette rauchend. Ihr Name ist Gilda (Catrinel Marlon). Sie erklärt ihm, was sie will: Er soll ihr helfen, einen gewissen Zsolt zu befreien. Cristi ist einverstanden. Und dann gibt es noch eine zweite Sache, die man von ihm verlangt: das Erlernen einer Pfeifsprache, El Silbo genannt, die auf der Insel verwendet wird. Dabei ahmt man durch Pfeiflaute die Akustik der gesprochenen Sprache nach. Wieder fügt sich Cristi, auch wenn er nicht versteht, wozu das gut sein soll. Sein Lehrer ist der Chauffeur, der ihn vom Hafen abgeholt hat und ihn nach einigen kläglichen Pfeifversuchen zum Schwimmen ans Meer hinunterschickt, um Lungenvolumen aufzubauen.

Corneliu Porumboiu beginnt seinen neuen, raffiniert erzählten Film "La Gomera", der im letzten Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes lief, als würde er ein paar Punkte auf einer Leinwand platzieren. Um dann nach und nach die Verbindungen zwischen ihnen einzuzeichnen, hin und her springend zwischen verschiedenen Zeitebenen, zwischen Bukarest und der Kanareninsel.

In Rückblenden wird die komplexe Vorgeschichte erzählt, häppchenweise, so dass sich das Puzzle nach und nach zusammensetzt. Cristi arbeitet in Bukarest für die rumänische Drogenfahndung. Er wird auf Zsolt angesetzt, den Besitzer einer Matratzenfabrik, die er zur Geldwäsche benutzt - dreißig Millionen Euro in bar soll er hier irgendwo versteckt haben. Cristis Chefin will, wenngleich mit illegalen Methoden, Zsolt eine Falle stellen. Aber Cristi lässt sich längst von Zsolt schmieren. Als Zsolt verhaftet wird, bekommt Cristi Besuch von Gilda, die ihn um Hilfe bittet. Auf diese Weise gerät Cristi zwischen der Polizei und den Ganoven immer mehr zwischen die Fronten. Aber während er stets zu allen Ja und Amen sagt, verfolgt er seinen eigenen Plan.

Das Schöne und Verrückte an Porumboius Film ist, dass sich niemand auf niemanden verlassen kann. Allianzen werden geschmiedet und verraten, Abmachungen getroffen und gebrochen. Jeder arbeitet auf eigene Rechnung, alle misstrauen sich. Die Gangster überwachen sich gegenseitig - ebenso die Polizei. In Cristis Wohnung in Bukarest sind Kameras installiert. Wenn Gilda zu ihm kommt, gibt sie sich als Edelprostituierte aus und hat Sex mit ihm - aber nur, wie sie sagt, "für die Kameras". Um Cristis Kollegen zu täuschen.

Auch wenn sich die alten Filmträume abgenutzt haben, ganz losreißen kann sich niemand von ihnen

Die Kameras sind einer von vielen kleinen Hinweisen darauf, dass dieser Gangsterfilm auch vom Kino selbst erzählt - und von den Sehnsüchten und Phantasmen, die seine Bilder schon immer in den Köpfen der Zuschauer verankert haben. Gilda, das ist der Name der Hauptfigur und der Titel eines berühmten Hollywoodfilms von 1946, verkörpert von der legendären Leinwandgöttin Rita Hayworth. Eine weitere Hollywood-Referenz ist John Fords Westernklassiker "Der Schwarze Falke", in dem sich John Wayne auf eine jahrelange Suche nach seinen von Indianern entführten Nichten begibt. In der Bukarester Kinemathek trifft Cristi seine Chefin bei einer Nachmittagsvorstellung des Films. Sein Originaltitel, "The Searchers", verweist auf die Suche der Figuren nach den dreißig Millionen Euro.

Neben dem Kinosaal frequentiert der Film auch andere Orte, die mit dem Kino assoziiert sind. Auf La Gomera wird Cristi von den Gangstern in eine Fabrikhalle verschleppt, als es am Tor klopft: Draußen steht ein Filmemacher, der auf Motivsuche für seinen nächsten Dreh ist und sich für die Außenfassade der Halle interessiert. Und zum finalen Showdown kommt es auf dem Außengelände eines aufgegebenen Filmstudios.

Einerseits laufen die Figuren dem Versprechen von Glück und Reichtum hinterher, wie es einst von den großen Hollywoodfilmen inszeniert wurde. Und gleichzeitig sind die Zeiten von Rita Hayworth und John Wayne vorüber - die Studios stehen leer, das Kino ist nur noch reine Fassade, unbenutzte Kulisse. Doch auch wenn sich die alten Filmträume längst abgenutzt haben, ganz losreißen kann sich niemand von ihnen. Sie sind nach wie vor da, in der Vorstellung der Protagonisten. Und lösen eine obsessive Suche nach dem großen Geld, eine absurde Dynamik aus, die ins Leere läuft.

Was hier "vom Kino" übrig bleibt, ist vor allem ein Musikstück, das den Film durchquert wie ein Ohrwurm, der den Figuren nicht aus dem Kopf geht. Immer wieder verwendet Porumboiu die "Barcarole" aus Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen", in der von wunderschönen, rauschhaften Liebesnächten gesungen wird. Das Duett wirkt wie eine ferne Erinnerung an eine opulente Perle des alten Studiofilms: Michael Powells und Emeric Pressburgers "The Tales of Hoffmann", ein Tanzfilm und Adaptation eben jener Offenbach-Oper. Einer der letzten Filme von Porumboiu hieß "Der Schatz" und erzählte von einem Familienvater, der auf einem verlassenen Grundstück nach einem Münzschatz sucht. Der Schatz wurde am Ende dann auch geborgen, war aber ganz anders als erwartet. Auch in "La Gomera" sind am Ende andere Dinge mehr wert als Geld - zum Beispiel das fehlerfreie Beherrschen einer Pfeifsprache. Man kann nie wissen, wozu man sie mal brauchen kann.

La Gomera, Rumänien / Frankreich / Deutschland / Schweden, 2019. - Regie und Buch: Corneliu Porumboiu. Kamera: Tudor Mircea. Mit Vlad Ivanov, Catrinel Marlon, Rodica Lazar. Verleih: Alamode Film / Filmagentinnen, 97 Minuten.

© SZ vom 13.02.2020
Zur SZ-Startseite