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Kurzkritik:Rockekstase

Liam Gallagher begeistert in der Tonhalle

Das Konzert hat noch nicht einmal begonnen, als Liam Gallagher bereits die Ovationen seines Publikums entgegennimmt. Keine fünf Sekunden auf der Bühne, stolziert er im marineblauen Parka wie ein Gockel am Bühnenrand entlang und breitet triumphierend die Arme aus. Dann steht er auch schon hinterm Mikro, nimmt diese leicht gebückte Liam-Haltung ein und verkündet mit "Rock 'n' Roll Star", dem Opener des Oasis-Debüts "Definitely Maybe", direkt das Britpop-Evangelium aus dem für ihn längst tantiemenpflichtigen Buche Noel. "Tonight I'm a rock'n'roll star", singt er, und nichts könnte in diesen ersten Minuten, in denen das in Instant-Ekstase versetzte Publikum seine Bierbecher in die Luft wirft und mit überwältigender Inbrunst in den Song einsteigt, wahrer sein.

Es ist der fulminante Auftakt eines Gigs, den man sich in Sachen Hingabe seitens der Fans eher als eine Art nostalgiegetränkten Gospel-Gottesdienst denn als Rockkonzert vorstellen kann. Was primär mit den zehn Oasis-Songs zu tun hat, die hier gegenüber sieben grundsoliden, mal breitbeinig angebluesten ("Shockwave"), mal wuchtig psychrockigen ("The River"), mal als beatleesker Boogie-Woogie ("Halo") angelegten Solo-Nummern Gallaghers die Mehrheit ausmachen.

Wer braucht schon eine Reunion mit dem störrischen Bruder, wenn es doch auch so funktioniert, scheint hier das Motto zu sein, und tatsächlich geht die Rechnung vollumfänglich auf: Flankiert von einer exzellenten Band samt dem langjährigen Oasis-Weggefährten Bonehead an der Gitarre, lässt Gallagher songwriterische Großtaten seines Bruders wie das kraftvoll dahinrasende "Morning Glory", das direkt ins Herz schießende "Stand by Me", die brillante B-Seite "Acquiesce" oder das lediglich an Klavier und Drums dargebotene "Champagne Supernova" auf eine Weise strahlen, die nur zu deutlich macht, warum Oasis einst die größte und großmäuligste Band der Welt waren. Chapeau!

© SZ vom 15.02.2020
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