Kultur im Lockdown:"Haltet euren Unterricht bei uns ab!"

Weg vom PC, Museen und Feriencamps locken

Kunstvermittlung für Schüler im Museum – hier in der Kunsthalle Hamburg.

(Foto: dpa)

Die Bielefelder Kunsthalle ist pandemiebedingt geschlossen. Ihre Direktorin Christina Végh hätte da eine Idee - und erklärt, warum die Schließung der Kultureinrichtungen Kinder genauso treffen könnte wie Erwachsene.

Interview von Catrin Lorch

Zum zweiten Mal in diesem Jahr müssen auch die Museen - von den Behörden als "Freizeiteinrichtungen" klassifiziert - ihre Türen für das Publikum schließen. Und es ist noch keinesfalls sicher, ob sie im Dezember wieder öffnen dürfen. Die Direktorin der Bielefelder Kunsthalle, Christina Végh, möchte sich mit diesem Zustand nicht abfinden. Sie akzeptiert zwar die Schließung ihrer Ausstellungen - möchte aber die Säle offen halten. Ihre Ansage ist durchaus als Einladung zu verstehen.

Theater, Konzerthäuser, Museen und Ausstellungshallen fallen jetzt unter die gleichen Bedingungen wie Spaßbäder und Zoos und müssen bis Dezember geschlossen bleiben. Wie empfinden Sie das?

Dass wir leider schließen müssen, würde ich der Politik grundsätzlich nicht vorwerfen. Obschon wir sichere Orte sind - die Politik muss schnell handeln und kann derzeit auch keine langfristigen Prognosen abgeben. Es ist nach den bisherigen Erfahrungen zu verstehen, dass wir während diesem "Lockdown light" weiterhin arbeiten und konsumieren und auch die Bildungseinrichtungen - Schulen, Kitas, Universitäten - offen halten. Wobei ich es schon bemerkenswert finde, dass bei der Begründung der Akzent auf die Eltern gelegt wird, die auf die Betreuung der Kinder angewiesen sind, um zu arbeiten. Und nicht so sehr auf die Kinder, die lernen und sich entwickeln sollen. Das ist ein Paradigmenwechsel in der Argumentation.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Dass die Museen bei der Verkündung der Maßnahmen lapidar unter "Freizeiteinrichtungen" klassifiziert wurden, treibt im Kulturbereich viele um ...

Kultur ist in meinen Augen ein Ort der Begegnung, mit Werken wie auch mit Menschen. Es geht nicht nur um die Theateraufführung oder den Museumsbesuch, sondern genauso um die Diskussion über das Erfahrene, vor Ort oder in den unterschiedlichen Medien. Wir verhandeln Werte und stärken zivilgesellschaftliche, demokratische Kräfte. Ein Staat, der mit viel Geld so sichere, weitläufige, klimatisierte Flächen unterhält wie die Museen, Opernhäuser und Theater, der sollte diese Orte nicht einfach als Freizeitangebot abwerten. Das finde ich skandalös. Sie sollten als Bildungseinrichtungen anerkannt und genutzt werden. Auch wenn der eigentliche Betrieb gerade vielleicht nicht stattfindet.

Wie meinen Sie das? Sollen die Kinder und Jugendlichen jetzt statt zur Schule zu Ihnen zur Kunstpädagogik kommen?

Die Vermittlungsangebote sind in den letzten Jahren - angeregt durch die Politik - überall ausgebaut worden. Parallel sind Fächer wie Musik oder Kunst in den Schulen abgebaut worden. Der Wert dieser Fächer für Persönlichkeitsbildung, Integration und soziale Kompetenz wurde immer weniger beachtet. Jetzt, in der Zeit der Krise, könnten die Orte der Kultur wenigstens die Schulen, die unter sehr erschwerten Bedingungen arbeiten, unterstützen. Besondere Zeiten erfordern besondere Aktionen!

Christina Végh

Christina Végh, die Direktorin der Kunsthalle Bielefeld, beharrt auf dem Bildungsauftrag der Museen - gerade in der Pandemie.

(Foto: Veit Mette/Kunsthalle Bielefeld)

Sie würden den Schlüssel zur Kunsthalle aus der Hand geben?

Natürlich würde ich zuerst daran denken, unsere Vermittlungsprogramme weiterzuführen. Aber daneben sind doch auch unsere - jetzt leer stehenden - Räume sehr viel sicherer als die engen, schlecht gelüfteten Klassenzimmer. In Abstimmung mit Lehrern oder Schulleitern könnte man diese umfunktionieren und andere Formen des Unterrichts installieren. Ich würde den Schulen gerne zurufen dürfen: Wir sind da! Kommt in unsere Vermittlungsprogramme. Oder - wenn euch damit gedient ist - haltet euren Unterricht bei uns ab!

Mathematik vor Joseph Beuys? Oberstufenschüler, die in der Ausstellung von Monica Bonvicini über Feminismus diskutieren?

Warum nicht? Ist es nicht eine tolle Vorstellung, was da für Erlebnisse entstehen würden? Es wäre eine Chance, gesellschaftliche Prozesse neu zu denken. Dabei würde die Relevanz von Bildung und die Kompetenz und Wirkkraft von Kultur anerkannt und entsprechend genutzt. Im Ausnahmezustand würde sichtbar, dass Ökonomie und Politik auf Kräfte angewiesen sind, die in Bildung und Kultur ausgebildet werden.

© SZ vom 04.11.2020
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