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Kultur im Teil-Lockdown:Theater im Vorbeigehen

Coronavirus · Aktion für Theater in München

Eine Mitarbeiterin der Kammerspiele protestiert in München - am Theater wird auch im November und Dezember weiter geprobt, allerdings im Stillen. Also, fast.

(Foto: dpa)

Die Münchner Kammerspiele probieren eine Art "Theater to go", die Berliner Staatlichen Museen bieten Online-Erkundungen an. Eine laufend aktualisierte Auswahl für Kultur von zu Hause aus.

Weil Corona-Infektionen drohen, müssen Konzerte, Theateraufführungen und Lesungen abgesagt werden. Aber man muss deshalb nicht komplett auf Live-Events verzichten. Nachfolgend eine laufend aktualisierte Auswahl.

Kunst:

Das Essener Museum Folkwang zeigt Teile seiner Sammlung Online. Auf der Website würden nun mehr als 80 000 Werke in der "Sammlung online" präsentiert, teilte das Museum am Mittwoch mit. Das Haus besitzt Arbeiten von Malern wie Vincent van Gogh, August Macke, Paul Gauguin und vielen anderen. Online zu sehen sind auch Teile der großen Sammlung von Plakaten und Fotografien; außerdem gibt es einen virtuellen Rundgang.

Ob Corona-Pandemie oder nicht, die "Mona Lisa" kann man eigentlich nie in Ruhe betrachten, weil immer irgendjemand davorsteht. Laut Statistiken des Louvre hat ein Museumsbesucher durchschnittlich 30 Sekunden vor da Vincis Gemälde - dann drängeln ihn die anderen Menschen auch schon wieder weg. Diesem Problem begegnet das Museum jetzt mit virtueller Realität. Eine neue App macht das eigene Smartphone zur VR-Brille: Man kommt dem Gemälde näher als dies selbst im leeren Louvre jemals möglich wäre, kann einer dreidimensionalen "Mona Lisa" gegenübersitzen und bekommt den neuesten Stand der Forschung zum berühmtesten Bild der Welt erklärt.

Schriftstellerin, Regisseurin, Performance-Künstlerin - Miranda July ist ein Universaltalent. Für das SZ Magazin hat sie die diesjährige "Edition 46" gestaltet und über ihre Arbeit gesprochen. Vergangene Woche war Miranda July live im Interview mit dem SZ Magazin zu Gast, auf dem Instagram-Account kann man das Ansehen des Videos nachholen.

Die Hamburger Kunsthalle hat die Ausstellung "Fremdbesitz" Online gestellt. "Vermutlich beherbergen viele Kunstmuseen Kunstwerke, die ihnen nicht gehören und die nie in ihren eigentlichen Bestand aufgenommen bzw. inventarisiert worden sind", heißt es auf der Website. Darunter befinden sich auch Werke, die während des Zweiten Weltkriegs der Kunsthalle übergeben wurden. Die Ausstellung macht auf diese und andere Werke aufmerksam und versucht, aufzuklären.

Auch das Pergamonmuseum in Berlin bietet verschiedene Ausstellungen Online sowie einen virtuellen Rundgang an. Außerdem gibt es auf der Website einen 3D-Scan des mehr als 2.000 Jahre alten Pergamon-Altars.

Das Münchner Haus der Kunst hat sich ebenfalls wieder auf Online-Besucherinnen und Besucher eingestellt. So gibt es den gesamten Audioguide zu den Ausstellungen "Franz Erhard Walther" und "Michael Armitage" online kostenfrei als Digitalen Audiorundgang mit den entsprechenden Ausstellungs- und Werkansichten. Außerdem werden Worskshop-Tutorials zum Mitmachen angeboten.

Musik:

Der Radio-Sender BR-Klassik überträgt am Mittwoch, 25. November 2020, unter dem Titel "Fernes Licht" ein Live-Konzert aus seiner Reihe "Paradisi Gloria" mit Musik der baltischen Komponisten Arvo Pärt und Pēteris Vasks. Das Konzert findet im Münchner Herkulessaal ohne Publikum statt und ist von 20.05 Uhr an im Radio und online zu hören. Das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks spielen Pärts berühmtes "Stabat Mater" für gemischten Chor und Streichorchester, das Pärt 1985 zum Gedenken an Alban Berg komponiert hat. Außerdem wird der rein instrumentale "Silouan's Song" für Streichorchester zu hören sein. Dem Stück von 1991 liegen Verse des russischen Mönchs und orthodoxen Mystikers Siluan von Athos zugrunde: "Meine Seele sehnt sich nach dem Herrn und unter Tränen suche ich ihn." Der estnische Komponist vor allem spiritueller Musik Arvo Pärt feiert in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag. Zwischen den Pärt-Kompositionen wird "Fernes Licht" von Pēteris Vasks zu hören sein, ein Violinkonzert von 1997, das lettische Volksmusik anklingen lässt. Das Konzert wird im Anschluss für 30 Tage online auf der Website von BR-Klassik abrufbar sein.

Die Elektronik-Songwriterin Imogen Heap ist Grammy-Gewinnerin und hat mit Pop-Größen wie Taylor Swift und Jon Bon Jovi zusammengearbeitet. Ihre eigenen Stücke erbastelt sie in einem englischen Landhaus aus Alltagsklängen und elektronischen Sounds. Jeden Dienstag von 22 Uhr an streamt Heap von ihrem Zuhause aus ein Konzert. Gegen eine Spende für ihr Start-up "The Creative Passport", eine Plattform für Musiker, erfüllt sie auch Songwünsche.

Igor Levit hat seine Hauskonzerte wieder aufgenommen. Jeden Abend spielt der Pianist ein kleines Konzert von zu Hause aus, wie er es auch schon im Frühjahr getan hat. Levit schrieb am Wochenende auf Twitter: "Momente, so kurz sie auch sein mögen,die einfach Schönes geben,sind wichtig". Das Programm für heute Abend, 19 Uhr wolle er noch bekannt geben, Levit streamt die Konzerte über seinen Twitter-Account.

Auch die berühmte Elbphilharmonie hat geschlossen. Passend zum Motto "Sang- und klanglos" kann man sich auf Youtube und über die Website der Elbphilharmonie eine Aufführung des Stückes "4'33'' von John Cage aus dem Jahr 2017 von Sasha Waltz & Guests ansehen.

#UnitedWeStream meldet sich mit täglichen Musikübertragungen aus den coronabedingt geschlossenen Clubs zurück. Arte Concert streamt ab sofort unter arte.tv/unitedwestream den ganzen November über täglich zwischen 21 Uhr und Mitternacht Konzerte und DJ-Sets aus Berlin, Europa und der Welt. Die Organisatoren zählen inzwischen gut 2000 Künstlerinnen und Künstler, die ihr Programm aus knapp 430 Locations in weltweit fast 100 Städten gespielt haben.

"Hope@Home" ist zurück. Der Geiger Daniel Hope wird in den kommenden Wochen erneut Konzerte mit Gästen in seinem Berliner Wohnzimmer geben. Täglich um 19 Uhr überträgt Arte Concert das im Livestream. Unter dem Motto "Next Generation" möchte Hope ganz besonders junge und freischaffende Künstlerinnen und Künstler fördern. Unter anderem haben Popsänger Max Mutzke, Hornistin Sarah Willis und Pianist Christoph Eschenbach zugesagt.

Theater:

Die Münchner Kammerspiele bieten vom 25. bis 27. November eine Art Theater to go an. Jeden Tag zwischen 18 und 19 Uhr sollen die Schaufenster des Gebäudes in der Innenstadt den zufällig vorbeilaufenden Passantinnen und Passanten einen Blick ins "pochende Herz der Kammer" ermöglichen. Unter dem Titel "Covivid Theatre" (grob übersetzt: "Theater des gemeinsamen Lebendigseins") werde hinter den Schaufenstern an der Hildegardstraße, Ecke Falckenbergstraße geprobt. Das geplante Programm gibt es unter www.muenchner-kammerspiele.de.

Im Youtube-Kanal des geschlossenen Wiener Burgtheaters ist eine Ausgabe der Diskussionsreihe "Kollektivsalon" zu sehen, die am 9. November stattgefunden hat. Sie steht unter dem Titel "Radikale Vielfalt denken - Das Gegenmittel". Ausgehend von dem jüngsten terroristischen Angriff in Wien diskutieren drei Vertreterinnen pluralistischer Ansätze: die Wiener Philosophin Isolde Charim, die deutsche Politologin Naika Foroutan und die aus Kärnten stammende Sozialwissenschaftlerin Gudrun Perko. Sie sprechen darüber, wie das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft gelingen kann und wie die demokratische Öffentlichkeit mit Angriffen umgehen soll, die das Zusammenleben belasten.

Das Londoner Globe Theatre bietet seine Produktionen im Livestream an, darunter etwa die Aufführung von "Romeo und Julia" aus dem vergangenen Jahr.

Das Berliner Ensemble wühlt gemeinsam mit dem Bertolt-Brecht-Archiv in alten Beständen. Das Theater zeigt auf seiner Website bis ins neue Jahr hinein historische Brecht-Inszenierungen. Bis Ende dieser Woche ist DDR-Theater zu sehen: "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" in einer Inszenierung von Manfred Wekwerth und Peter Palitzsch aus dem Jahr 1974 mit dem Schauspieler Ekkehard Schall. Vom 4. Dezember an wird die Aufzeichnung von Brechts und Erich Engels Inszenierung von "Mutter Courage und ihre Kinder" aus dem Jahr 1949 vier Wochen lang online stehen. Im neuen Jahr folgen Aufnahmen von Brechts "Die Tage der Commune" und "Coriolan".

Das Münchner Lenbachhaus macht laufende Ausstellungen ebenfalls digital erlebbar. "Entdecken Sie zum Beispiel Maria Franck-Marcs 'Tanzende Schafe' und weitere Neuerwerbungen rund um den Blauen Reiter", heißt es im Newsletter des Hauses. Das Projekt "Sammlung Online" soll regelmäßig um Videos und Bilder aus den Ausstellungen erweitert werden.

Das Stuttgarter Ballett zeigt am 27. November, 19 Uhr, Roland Petits zeitloses Psychodrama "Le jeune homme et la mort" zusammen mit zwei Evergreens von Jiří Kylián: "Petit Mort" und "Fallen Angels" - ein Kurzprogramm vom Feinsten und kostenlos.

Blick in die Zukunft - per Digitalprojekt: Seit 21. November ist das künftige Pina Bausch Zentrum im Schauspielhaus Wuppertal online. Vorerst mit Talks, Lectures und Installation statt Performance, darunter die die live gestreamte Rekonstruktion von "Stück mit dem Schiff".

"Sheherazade" meets Farah Diba: 2019 bebilderte der Choreograf Alexei Miroshnichenko die Komposition von Nikolai Rimski-Korsakow mit der Geschichte der letzten iranischen Kaiserin und besetzte die Hauptrolle mit der Starballerina Diana Vishneva. Zu sehen ist die Aufführung - kostenpflichtig - auf Vishnevas Festivalseite seit 18. November.

3Sat bietet Alexander Giesches Inszenierung von "Der Mensch erscheint Holozän" am Züricher Schauspielhaus in der Mediathek an.

Die Berliner Schaubühne hat ihre Online-Archive wieder geöffnet. Bis Freitag, den 27. November um 18:00 Uhr kann man auf der Website "Trust" ansehen, in der Inszenierung von Falk Richter und Anouk van Dijk. Premiere war 10. Oktober 2009.

Das Residenztheater in München bietet für Theatervermissende im November das dramatische Gesamtwerk von Georg Büchner an. In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk werden unter dem Titel "Georg Büchner - Dichter, Mediziner, Revolutionär" Büchners Stücke auf der Webseite des Residenztheaters gestreamt, außerdem auf der Seite der BR Kulturbühne. Alle Streams werden zunächst bis 30. November 2020 online verfügbar sein. Zudem legt das Resi seine Reihe "Tagebuch eines geschlossenen Theaters" erneut auf, in der Ensemblemitglieder das leere Theater bespielen oder Videos von zu Hause schicken.

Mittwochs und freitags bietet das Gorki Theater aktuelle Produktionen im Livestream an. Am 25. November gibt es ab 19.30 Uhr für 24 Stunden das Projekt "Death Positive - States of Emergency" unter der Regie von Yael Ronen zu sehen.

Die Berliner Volksbühne hat den Vorstellungsbetrieb bis 30. November eingestellt und bietet stattdessen wieder ein umfassendes Digitalprogramm, die "Volksbühne Digital". Den Spielplan gibt es hier.

Film:

Das E.O.F.T. BASECAMP zeigt die besten Filme aus zwei Jahrzenten European Outdoor Film Festival kuratiert zu vier Teilen Abenteuer. Tickets gibt es ab 9,99 Euro über www.eoft.eu oder auf www.outdoor-cinema.net

Das Filmfestival Kino Asyl präsentiert Beiträge von jungen Erwachsenen mit Fluchterfahrung im Netz. Sie laufen von 29. November bis 13. Dezember, darunter etwa der jemenitische Film "10 Days Before the Wedding".

In einer Online-Ausstellung zeigt das New Yorker Brooklyn Museum Kostüme aus The Crown und The Queen's Gambit neben Stücken aus der eigenen Sammlung. Besucher können die zusammen mit Netflix kuratierte Show "The Queen and The Crown" bis zum 13. Dezember kostenlos im Internet anschauen.

Und zum Vormerken während des Teil-Lockdowns: Das Londoner Old Vic Theatre will im Dezember die komplette Aufführung des Klassikers "A Christmas Carol" live im Netz übertragen, berichtet der Guardian.

© SZ.de/cag/tmh/khil

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