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"Steirischer Herbst" im Netz:Per Pizzabote

Intendantin Ekaterina Degot und ihre Stellvertreterin Henriette Gallus sprechen über Europas ältestes Festival für zeitgenössische Kunst, den "Steirischen Herbst".

(Foto: Mathias Voelzke, Clara Wildberge)

Ekaterina Degot und Henriette Gallus vom Kunstfestival "Steirischer Herbst" erzählen, wie sie Werke trotz Corona präsentieren. Und warum sie es nicht wiederholen können.

Interview von Theresa Hein

Wie viele Festivals in diesem Jahr musste sich auch der "Steirische Herbst" neu erfinden, das älteste Festival für zeitgenössische Kunst in Europa. In diesem Jahr wurde pandemiebedingt eine Streamingübertragung für Kunstfilme, Online-Games und Live-Shows ins Leben gerufen, "Paranoia TV" nennen die Macherinnen das Angebot. Die Intendantin Ekaterina Degot und ihre Stellvertreterin Henriette Gallus erklären, wie sie Werke auch sonst unter die Leute bringen und warum es eine Chance sein kann, wenn die Kunst an ihrem Image schraubt.

SZ: Frau Degot, "Paranoia TV" war so erfolgreich, dass man sich die Videos der Künstlerinnen und Künstler noch bis Dezember im Netz ansehen kann. Wäre das Konzept im Jahr 2021 für den "Steirischen Herbst" wieder denkbar?

Ekaterina Degot: Nein. Paranoia TV ist einzigartig, wie alle unsere Festivalausgaben. Wir müssen aber etwas von diesem Medium für die Zukunft mitnehmen. Ich glaube, Kulturinstitutionen müssen lernen, der virtuellen Dimension zu vertrauen. Da stehen wir aber gerade erst am Anfang. Es war wichtig für uns, eine fiktive Erzählung zu entwickeln, sodass das Festival zu einem Gesamtkunstwerk wird, einer eigenen Geschichte. Wir haben also einen Fernsehsender erfunden, ein Hybrid aus Kunst-Netflix und Kunst-ORF. Wir dürfen aber nicht aus dem Blick verlieren, dass der digitale Raum ein öffentlicher Raum ist, ein politischer Raum sogar.

Hat die zeitgenössische Kunst durch das Digitale gewonnen?

Henriette Gallus: Was wir gesehen haben, ist, dass die Online-Inhalte von Paranoia TV aus mehr als 120 Ländern abgerufen wurden und werden - das Interesse und auch die Sichtbarkeit war und ist also klar da. Es ist wichtig, sich für die Zukunft zu fragen: Wie können wir die künstlerischen Arbeiten in anderen Medien abbilden, damit sie international genauso zugänglich und sichtbar sind? Das heißt nicht, einen Film, der für eine Ausstellung konzipiert wurde, abzufilmen und online zu stellen: Es muss speziell für das Medium produziert und gedacht sein.

Degot: Vielleicht ist das Virtuelle sogar die einzige Möglichkeit, in dieser Zeit international zu bleiben - wegen des Reiseverbots, das aber wiederum nur ein Symptom bereits existierender Tendenzen ist. Alles, was global ist, steht seit einiger Zeit unter Verdacht, weil es elitär erscheint oder unserem Planeten schadet. Seit der Pandemie geht der Trend dahin, dass wir alle Brot backen und daheim Tomaten züchten sollen. Nur das, was klein ist, bringt uns Glück, so die Vorstellung. Kunst hat aber nichts mit Glück zu tun, sondern mit Sinn.

Kunst hilft auch dabei, aus dem Kleinen und Isolierten herauszufinden. Aber wie geht das, wenn sie nicht stattfinden kann?

Degot: Kunst ist nie eindimensional. Selbst realistische Kunst stellt immer den Zwiespalt zwischen unserer Welt und etwas anderem dar. Der digitale Raum ist aber eine Möglichkeit, die kleinbürgerlichen Ideale, die sich gerade breitmachen, mit Orten oder Ideen zu verbinden, die eigentlich weit weg wirken. Das kann Kunst leisten.

Gallus: Die zeitgenössische Kunst steckt in einer Rechtfertigungskrise, jetzt mehr denn je, vor allem öffentlich geförderte zeitgenössische Kunst. Dazu kommt eine Sichtbarkeitskrise, die an sich nicht neu ist. Durch das Virus hat sie sich aber ins Unermessliche potenziert. Anders als Museen, die auf eine Sammlung zurückgreifen und diese pflegen und mit ihr arbeiten, hat neu produzierte Kunst es schwerer, ihr Dasein zu behaupten und wird immer wieder gegen andere Bereiche des öffentlichen Lebens ausgespielt.

Die da wären?

Gallus: Zum Beispiel der Bildungs- oder Betreuungssektor. "Das Geld sollte lieber in Kindergärten investiert werden" ist ein übliches "Argument". Die Prämisse, dass wir etwas für die Öffentlichkeit tun und dort wichtige Diskussionen erzeugen, ist jetzt viel stärker infrage gestellt. Denn wo ist diese Öffentlichkeit, wenn man sie nicht sehen kann?

Sie haben ein Streamingangebot ins Leben gerufen und so eine sichtbare, digitale Öffentlichkeit geschaffen. Wie haben die Leute auf die Veranstaltungen reagiert, die noch in Graz stattfanden?

Degot: Unser großes Standbein war online. Aber wir wollten den Zuschauer auch direkt dort mit der Kunst erreichen, wo er ist. Wenn ich weiß: Unsere Besucher können gerade nur in den Supermarkt gehen, weil der systemrelevant ist, und die Kunst ist es offensichtlich nicht, wie erreiche ich sie dort? Also haben wir verschiedene Kunstwerke in Serie entwickelt, zum Beispiel zwei künstlerische Stadtpläne, und diese direkt verteilt: mit Pizzalieferdiensten, über eine Buchhandlung, in einem Krankenhaus, in zwei Supermärkten. Allein damit haben wir 25 000 Menschen erreicht.

Gallus: Bei den konventionelleren Performances, die unter Corona-Auflagen stattgefunden haben, haben wir deutlich eine neue Soziologie gespürt: Man möchte eigentlich nicht mehr länger als eine Viertelstunde mit anderen in einem geschlossenen Raum sitzen. Eine wahnsinnige Herausforderung.

Degot: Gerade macht sich die Realität zwar rar. Die Dimension, etwas "in echt" zu schaffen, ist aber nach wie vor wichtig. Die Realität hat eine Erotik, die eigentlich nicht imitiert werden kann. Aber wenn wir eine neue Situation des Alltäglichen haben - und die haben wir - interessiert mich: Wie bringen wir Kunst in diese neue Situation? Dazu kommt: Auch das Publikum muss sich umstellen.

Warum das?

Degot: Es gibt diese Annahme: Kunst ist, wenn man seinen besten Anzug anzieht, irgendwo hineingeht, und dann geht es los. Das Publikum muss verstehen, dass Kunst auch passiert, wenn man nicht schick gekleidet ist oder es nur ein kurzes Zusammentreffen gibt. Es muss nicht immer das Ansehen von isolierten Meisterwerken sein, vielleicht gehört das sogar der Vergangenheit an. Ich persönlich glaube, dass diese Krise dem Kunstbetrieb eine interessante Chance zur Veränderung gibt. Wenn Oper nicht möglich ist, weil alle depressiv werden, weil sie so weit auseinander sitzen müssen - muss Oper dann im öffentlichen Raum stattfinden? Kann man das irgendwie anders machen?

Das Konzept von Paranoia TV hat Angst zu einem seiner Grundthemen gemacht. Lässt sich aus Angst oder Sorge besser Kunst machen als aus anderen Emotionen?

Degot: Seit es ein Wort für Neurosen gibt, waren sie interessant für Kunst. Das Interessante an Neurosen ist aber: Es gibt sehr viele Dinge, vor denen man sich fürchten kann und sehr viele verschiedene Arten, damit umzugehen. Im Vergleich dazu ist das, was gerade passiert, eher uninteressant - weil wir alle dieselbe Angst haben. Ziemlich flach: Alle haben Angst vor dem Coronavirus. Ich hoffe schon, dass irgendwann mal wieder Platz für andere Ängste sein wird.

Gallus: Angst ist eine Kraft, und die wird vor allem in Krisen gern instrumentalisiert. Ich wäre vorsichtig damit, die Angst als guten Motor zu verklären.

Degot: Ja, da stimme ich völlig zu. Natürlich ist Corona auch politisch benutzt und missbraucht worden.

Gerade gibt es in vielen europäischen Ländern wieder einen Kulturlockdown, man hat das Gefühl, die Geschichte wiederholt sich. Haben Sie überlegt, Paranoia TV zu verlängern?

Gallus: Der Gedanke kam uns, und sollten die Maßnahmen über das Ende des Jahres hinaus verlängert werden, dann wird das mit den Künstlern gemeinsam diskutiert. Die Rechtsfragen sind aber nicht immer unkompliziert, das ist also ein größeres administratives Unterfangen.

Welche Alternativen kann es zum kostenlosen Streamen von Kunst geben - da muss doch noch mehr möglich sein?

Degot: Wir haben die Alternativen bereits dieses Jahr erforscht, mit einer Audioperformance für das Publikum in fahrenden Taxis, mit hybriden interaktiven Online-Filmen und -Spielen, mit Interventionen in lokalen Zeitungen und vielen anderen Formen. Die Kunst sollte alle ihr zur Verfügung stehenden Plattformen erkunden, einschließlich Radio, Werbung, Interventionen im Alltagsleben und Internet, das ebenfalls zum Alltag gehört. In Zeiten wie unseren muss es für Kunst darum gehen, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen - auch dann, wenn wir getrennt sind.

Gallus: Ekaterinas Spezialgebiet ist, dass die von ihr konzipierten Projekte stets den Nerv der Zeit treffen. Das kann man nicht vorhersehen, es ist schwer darüber zu spekulieren. Aber die administrativen Herausforderungen, mit denen wir uns schon jetzt für die nächsten Produktionen konfrontiert sehen, sind enorm.

Und sehr teuer.

Gallus: Die Auflagen schlagen sich deutlich im Budget nieder, das gilt für den gesamten Kunstbetrieb. An jedem Ort, an dem sich eine Schlange bilden könnte, muss zum Beispiel eine Aufsicht stehen. Das heißt, obwohl wir dieses Jahr insgesamt nur drei Ausstellungsorte in Graz hatten, haben wir genauso viel Aufsichtspersonal gebraucht, wie im vergangenen Jahr bei mehr als zwölf Orten. Das ist der vierfache Personalbedarf, der natürlich auch finanziert werden muss. Von regelmäßigen Testungen und Kosten für Präventionskonzepte und deutlicher Raumkapazitätsreduktion mal ganz abgesehen. Das wird leicht vergessen, weil dieser Aufwand für die Besucher nicht sichtbar ist.

Degot: Vielleicht braucht man mehr Roboter. Wir gehen online, brauchen aber trotzdem so viel Personal, das ist doch absurd.

Gallus: Es geht ja darum, die Verantwortung so weit wie möglich an die Veranstalter abzugeben. Aber Roboter kann man am Ende für nichts verantwortlich machen.

Degot: Noch nicht.

ParanoiaTV.de, noch bis Dezember

© SZ vom 07.11.2020
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