Kulturpolitik in der Türkei:So Gott will, werde das AKM abgerissen

Dann aber sollte die Sanierung des AKM zum Vorzeigeprojekt für die Europäische Kulturhauptstadt Istanbul 2010 werden. Leider wurde man wieder einmal nicht rechtzeitig fertig - weil ein Gerichtsprozess den Bau aufhielt. Am Ende gab es kein Kulturhauptstadtgeld mehr. Da half Güler Sabanci, die Chefin der zweitgrößten In-dustrieholding der Türkei. Sie spendierte im Februar 2012 eine Summe von 30 Millionen Lira (knapp 15 Millionen Euro) für das AKM. Der damalige Kulturminister Ertugrul Günay versprach, ebenso viel aus der Staatskasse dazuzulegen. Alles schien gut zu sein. Die Sanierungspläne zeichnete Murat Tabanlioglu, der Sohn des AKM-Schöpfers, der die Originalzeichnungen seines Vaters kennt. Die Wiedereröffnung war für den 29. Oktober dieses Jahres geplant, das ist der türkische Republikfeiertag.

Dann kam Erdogan und sagte: "Inshallah", so Gott will, werde das AKM abgerissen.

Murat Tabanlioglu weiß nicht, was nun werden soll. Das AKM, sagt er, sei ein "historisches Bauwerk erster Klasse", das hätten auch die staatlichen Denkmalschützer festgestellt. Ob das Erdogan interessiert? Womöglich nicht. Allerdings ist auch keineswegs gewiss, ob der Premier noch seinen Willen bekommt. Selbst in den Mainstream-Medien werden die Kommentare gegen den Regierungschef böser und das Lob für die Demonstranten lauter. Präsident Abdullah Gül nennt die friedlichen Taksim-Protestler "zivilisierte" Leute. Erdogan hatte sie als "çapulcular", als Marodeure, bezeichnet. Das Wort macht inzwischen Karriere. Im Gezi-Park gibt es jetzt eine "Çapulcu-Bücherei". Die Demonstranten malen Plakate, auf denen steht: "Weder links, noch rechts, çapulcu".

Die Fassade des AKM hat neuen Schmuck erhalten. Ein roter Stern gehört dazu, die größten Plakate aber sind symbolfrei und schlicht. "Kes sesini tayyip" steht auf einem der größten. Halt den Mund, heißt das. Die Gezi-Schützer haben in ihre Forderungen an die Regierung inzwischen die Erhaltung des AKM aufgenommen.

Kein Mut zum Experiment

Als die ersten Baumfreunde im Gezi-Park vor zwölf Tagen ihre Zelte aufschlugen, da nahmen die meisten türkischen Medien dies nicht zur Kenntnis. Gleiches galt für eine Demonstration von Opernsängern, Balletttänzern und Orchestermusikern in Istanbul, die praktisch zur selben Zeit stattfand.

Dieser Protest galt eben jenem Privatisierungsgesetz, das die Regierung damit begründet, es sei an der Zeit, sich von "Staatskunst" zu verabschieden. Es gibt ernsthafte Künstler in der Türkei, die dem durchaus zustimmen würden. Die kritisieren, dass den Staatsbühnen meist der Mut zum Experiment fehle. Aber diese Kritiker glauben auch, dass die Erdogan-Regierung mit der Neuordnung der Kunstförderung kaum mehr Freiheiten im Sinn hat. Das Misstrauen ist groß.

Das Gesetz sieht einen Rat von elf Personen vor, die das letzte Wort über die Verteilung von Kulturgeldern haben sollen. Dieser Rat wird von der Regierung bestimmt. Kunstförderung soll über einen Fonds erfolgen, der auch aus Mitteln der Staatlichen Lotterie gespeist wird. Die Regierung verweist auf die USA, wo Kunstförderung ebenfalls in den Händen privater Mäzene liegt. In der Türkei ist Mäzenatentum schon weit verbreitet. Neue Museen in Istanbul tragen die Namen prominenter Industriellenfamilien. Klassik- und Jazzfestivals, die Istanbuler Kunstbiennale - überall sind Sponsoren aus der Wirtschaft am Werk. Aber ohne die staatliche Förderung würden Opernhäuser und Orchester wohl kaum überleben.

Das fürchtet auch der türkische Pianist Fazil Say, einer der größten Klassik-Stars des Landes und bekannter Erdogan-Kritiker. "Über Popmusik, Arabesque und die Magazinkultur regt sich keiner auf, warum rührt man unsere Kunst- und Kulturinstitutionen an?" fragte Say in einem Beitrag für die Zeitung Radikal. Say erzählte schon vor einer Weile, er habe Erdogan in einer Ballett-Premiere gesehen. Der Regierungschef habe gar nicht auf die Bühne, sondern auf den Boden geschaut.

© SZ vom 07.06.2013/jspe
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB