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Corona und Kultur:Wie man Künstlern und Kulturinstitutionen jetzt helfen kann

Coronavirus - Delphi Filmpalast in Berlin

Die Kinosessel bleiben leer im geschlossenen Delphi Filmpalast am Zoo in Berlin. Aber die meisten Kosten laufen weiter.

(Foto: dpa)
  • Für freischaffende Künstler und Kulturinstitutionen bedeutet die Coronakrise einen enormen Verdienstausfall. Viele fürchten ihre Miete nicht mehr zahlen zu können, private Kultureinrichtungen müssen trotz fehlender Einnahmen die laufenden Kosten weiter begleichen.
  • Mit Spenden und vorsorglichen Ticketkäufen für die Zeit nach Corona kann man helfen, zumindest einen Teil der Kosten von Kulturschaffenden zu decken.
  • Buchhandlungen liefern weiter Bücher und manche Filmverleihe bieten Online-Streaming mit Beteiligung kleiner Kinos an den Einnahmen an.

Mit dem Unterstützen von Künstlern in der Coronakrise ist es so ähnlich wie mit dem Händewaschen gegen die Viren: Vieles, was man tun kann, ist gar nicht besonders aufwendig, sondern im Gegenteil ziemlich banal. Schon zu Beginn der Welle von Absagen und Schließungen kursierte in den sozialen Medien zum Beispiel der Hinweis, man könne ja bereits gekaufte Tickets für Theatervorstellungen, Konzerte und Lesungen auch einfach nicht zurückgeben, damit den Künstlern und Veranstaltern zumindest ein Teil der Einnahmen erhalten bleibt - auch dann, wenn es keinen Nachholtermin für die Veranstaltung gibt.

Seit aber klar ist, dass Kinos und Theater, Konzert- und Literaturhäuser für längere Zeit geschlossen bleiben werden und besonders kleine Häuser und freischaffende Künstler und Künstlerinnen vor dem finanziellen Aus stehen, hat sich der Kulturbetrieb einiges einfallen lassen. Es gibt Spendenaktionen, bezahlte Streaming-Angebote und Solidaritätsaufrufe, von denen die SZ hier einige zusammengetragen hat. Die Liste wird fortlaufend aktualisiert.

Literatur:

Auch viele Buchhandlungen können wegen des Coronavirus nicht weitermachen. Bislang hat einzig Berlin eine Ausnahme verordnet, dort bleiben die Läden weiterhin geöffnet. In den meisten anderen Bundesländern mussten die Buchhandlungen am Mittwoch schließen. Aber die Notschließungen bedeuten nicht, dass Kunden auf Bücher verzichten müssen: Wie in anderen Branchen verlagert sich auch hier das Geschäft ins Netz, und Onlinehandel ist auch weiterhin zugelassen. Viele Buchhändler, die auch schon vor der Corona-Krise Onlineshops betrieben haben, nehmen Bestellungen telefonisch oder online entgegen. Die Auslieferung funktioniert unterschiedlich: Manche liefern im engeren Umkreis kostenfrei und stellen die Sendungen per Fahrrad zu. Alles andere läuft per Post.

Der beste Weg ist, online, aber beim kleinen Buchhändler um die Ecke zu bestellen. Eine Übersicht lokaler Buchhandlungen gibt es etwa auf genialokal.de. Der Verlag Kiepenheuer und Witsch baut dafür in sozialen Netzwerken unter #findyourbookstore ein Verzeichnis lokaler Buchhändler auf.

Klassik:

Wer freischaffende Musiker unterstützen möchte, kann das mit einer Spende an den Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung tun. Der Radiosender BR-Klassik hat bereits unter dem Motto #MusikBleibt ein Livestream-Festival mit Künstlern wie Jonas Kaufmann (Tenor) und Lang Lang (Klavier) zu Gunsten des Fonds veranstaltet.

Die drei größten Veranstalter von Konzerten in der Elbphilharmonie und der Laeiszhalle haben einen Unterstützungsfonds für freiberufliche Musiker ins Leben gerufen. Getragen wird der Fonds von der HamburgMusik gGmbH, dem NDR und der Konzertdirektion Dr. Rudolf Goette. Vom "Elbphilharmonie Hilfsfonds" sollen Künstlerinnen und Künstler profitieren, deren Konzerte wegen der gegenwärtigen Corona-Pandemie nicht stattfinden können. "Es steht bereits ein niedriger sechsstelliger Betrag zur Verfügung, mit dem wir sofort loslegen können", sagt Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie und der Laeiszhalle. Das Geld stammt von Konzertgästen, die auf eine Rückerstattung des Kaufpreises für ihre Karten verzichtet haben.

Theater:

Für Theater können die Zuschauer jetzt Gutscheine oder, noch besser, Abos kaufen und verschenken, "bevorzugt an Menschen, die das Theater noch nicht für sich entdeckt haben", rät Peter Spuhler, Generalintendant am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Ein wichtiges Signal gibt, wer auf die finanzielle Rückerstattung bereits gekaufter Karten verzichtet, wie das die Zuschauer der Komödie am Ku'damm Berlin bei der ausgefallenen Premiere von Katharina Thalbachs Inszenierung von "Mord im Orientexpress" getan haben. "Für die Privattheater ist so etwas von einer exorbitanten mentalen Bedeutung", sagt der Präsident des Deutschen Bühnenvereins Ulrich Khuon, das dürfe man nicht unterschätzen. Was der Einzelne sonst noch tun kann? Die Treue halten. Mitglied in einem Förderverein werden. Sich an Crowdfunding- und Spendenaufrufen beteiligen, zum Beispiel bei ensemble-netzwerk.de für freischaffende Bühnenkünstler. Und dann, wenn wieder gespielt wird, mit der ganzen Familie hingehen und den Theaterbesuch feiern: als kulturelles Fest.

Kino:

Der kleine Arthouse-Verleih Grandfilm aus Nürnberg bietet Filme für 9,99 Euro als Stream zum Ausleihen an - und will die Einnahmen solidarisch mit den Kinos teilen, in denen die Filme sonst gelaufen wären. Ähnliche Angebote gibt es bei den Filmverleihern eksystent Filmverleih und Rise and Shine Cinema. Einige Kinos haben auch Streamingangebote auf ihren Homepages, via "Kino on Demand", zum Beispiel die Cineplex-Kette mit "Cineplex Home".

Die Berliner Programmkinos haben sich zusammengeschlossen und eine Unterstützungskampagne mit dem Titel "Fortsetzung: Folgt." initiiert. Die Aktion startet am Freitag, 27. März. Alle erzielten Spendeneinnahmen werden an die teilnehmenden Berliner Programmkinos verteilt. Mit den Spenden werden die Kinos einen kleinen Teil ihrer Ausgaben decken können.

Die Filmgenossenschaft Dropout Cinema hat weitere Empfehlungen zusammengestellt, wie man Kinos während der Coronakrise unterstützen kann. Darunter: Spenden, denn das geht auch an gewerbliche Kinobetreiber. Zum Beispiel durch das Kaufen von Kino-Gutscheinen, um die unmittelbare Liquidität der Kinos zu sichern. Außerdem kann man Mitglied in Kinovereinen oder kommunalen Kinos werden, beziehungsweise dort Jahreskarten kaufen.

Werbung schauen für einen guten Zweck? Das geht bei der Aktion #hilfdeinemKino, die der Kinovermarkter Weischer Cinema ins Leben gerufen hat. Sie soll deutsche Kinos vor der Insolvenz retten. Wer seinem Lieblingskino helfen möchte, kann auf www.hilfdeinemkino.de Werbespots streamen, deren Erlös dem Kino zugutekommt. Innerhalb der ersten 48 Stunden riefen 66 000 Nutzer die Werbespots mehr als 290 000 Mal auf. "Außerdem gibt es einen Spende-Button auf der Seite, über den Freiwillige auch direkt an die Kinos spenden können", sagt Frank Sänger von Weischer Cinema.Der Erlös von #hilfdeinemkino geht zu gleichen Teilen an jedes teilnehmende Kino in Deutschland. Ein Teil der Einnahmen geht dabei auch an Weischer Cinema, jedoch handle es sich um deutlich weniger als die Hälfte, so die Firma.

Das International Documentary Film Festival Amsterdam (IDFA), das größte Dokumentarfilm-Festival der Welt, hat mehr als 800 Filme aus seinen Archiven online zugänglich gemacht. Sie sind kostenlos oder gegen einen geringen Betrag zu sehen. Das Geld geht direkt an die Filmemacher, Verleiher oder andere Rechteinhaber für die Filme.

Clubs:

Mit der Aktion "United we stream" übertragen Berliner Clubs seit vergangener Woche live DJ-Sets von ihren leer bleibenden Tanzflächen in die Wohnzimmer. Damit verbunden ist ein Spendenaufruf, mit dem die Clubs bereits mehr als 250 000 Euro eingenommen haben. Acht Prozent davon gehen an den "Stiftungsfond Zivile Seenotrettung". Angesichts des Erfolgs soll die Aktion über Berlin hinaus ausgeweitet werden. Von der kommenden Woche an wollen sich auch Clubs aus München, Hamburg, Leipzig, Wien oder Amsterdam an #UnitedWeStream beteiligen.

© SZ.de/dpa/khil/luch/khil
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