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Kino in der Corona-Krise:"Wir machen weiter, solang es geht"

Film

Der Trickfilm "Trolls World Tour" zählt zu den ersten Blockbustern, die das Filmstudio Universal parallel zum Kinostart als Stream anbieten will.

(Foto: © 2019 DreamWorks Animation L; Universal)

Was macht die Kinobranche ohne Kinos? Hollywood setzt nun auf Streaming. Doch Deutsche Filmschaffende fürchten um ihre Existenz - und streiten, ob jetzt noch gedreht werden darf.

Die Corona-Pandemie bietet Hollywoodstudios die Möglichkeit zu einem Experiment, das sie schon lange ausprobieren wollten, sich aber bislang nicht getraut haben: große Kinofilme parallel zum Kinostart sofort auch als "Video on Demand" fürs Heimkino anzubieten.

Das Studio Universal verkündete am Montag als erster großer US-Verleih, in nächster Zeit Kinoblockbuster wie "Trolls World Tour" als Stream anzubieten. Andere Universal-Produktionen wie "The Hunt", "Emma" und "Der Unsichtbare", die erst kürzlich gestartet sind, werden ebenfalls umgehend online gestellt. Der Preis für die 48-Stunden-Ausleihe eines Films soll in den USA 19,99 Dollar betragen. Die Frankfurter Niederlassung von Universal wusste auf Nachfrage am Dienstag noch nicht, wie die Konditionen in Deutschland aussehen sollen. Die Filme werden voraussichtlich über Plattformen wie iTunes, Google Play und Amazon zugänglich gemacht.

"Wir dürfen nicht zulassen, dass die Krise den endgültigen Durchbruch für Netflix bedeutet"

Die Aktion ist eine Reaktion auf die Kinoschließungen weltweit, die Hollywood zuletzt das schwächste Einnahmenwochenende seit zwanzig Jahren beschert haben. Sie ist aber auch ein Tabubruch, weil die Filmstudios sich bislang immer noch an feste Verwertungszeitfenster hielten, die einen Abstand zwischen Kino- und Heimauswertung herstellten. Zeitfenster, die besonders die Kinobetreiber verbissen verteidigt haben, deren Spielstätten jetzt geschlossen sind.

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Auf den ersten Blick ist das Streamen von Filmen eine attraktive Option, auch in Deutschland. Der kleine Arthouse-Verleih Grandfilm aus Nürnberg bietet zum Beispiel Corona-bedingt Filme für 9,99 Euro als Stream zum Ausleihen an - und will die Einnahmen solidarisch mit den Kinos teilen, in denen die Filme sonst laufen. Das ist aber vor allem eine sympathische Geste und zumindest jenseits von Hollywood vorerst keine ernsthafte Alternative zum Geldverdienen, wie deutsche Branchenvertreter finden.

Björn Hoffmann von der AG Verleih, dem Verband unabhängiger Filmverleiher, sagt, man müsse sich mit den Kinos solidarisch zeigen. Man dürfe "aufgrund kurzfristiger Umsätze nicht voreilig langfristige und funktionierende Geschäftsmodelle infrage stellen, wie das jetzt zum Teil schon geschieht, siehe Universal".

Hoffmann betreibt den Pandora-Filmverleih, der unter anderem Filme von Terrence Malick, Fatih Akin und Andreas Dresen in die deutschen Kinos gebracht hat. "Im Einzelfall kann man Streaming als Alternative natürlich diskutieren. Aber an sich stehen die Erlöse auf dieser Auswertungsform in überhaupt keinem Verhältnis zu einer vernünftigen Kinoauswertung." Zudem stünde in Deutschland, wo die staatliche Filmförderung auch für Verleiher zur Lebensgrundlage zählt, die Streamingoption auch rein rechtlich nicht immer zur Verfügung: "Auf dem Papier sieht es ganz klar so aus, dass wenn ich einen Kinostart nicht in dem Umfang durchführen kann, wie das in der Förderung vertraglich vereinbart ist, die Förderung anteilig wieder zurückfließt." Besonders hart betroffen seien jetzt Verleiher, die kurzfristig Starts absagen mussten und schon viel Geld für Werbung ausgegeben hätten.

Aber auch für Filmemacher, deren Produktionen schon gestartet sind, ist die Lage desaströs. Der Produzent Stefan Arndt von X-Filme hat mit den "Känguru-Chroniken" derzeit seinen größten Hit seit Jahren - oder besser gesagt: hatte. "Jetzt wurden wir auf einem Sechstel der Strecke ausgebremst. Aktuell hatten wir 500 000 Besucher, aber ich habe das Gefühl, drei Millionen wären vielleicht drin gewesen."

Auch für ihn ist Streaming keine Alternative, sondern eher eine Gefahr: "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Krise den endgültigen Durchbruch für Netflix, Amazon und all die anderen Plattformen bedeutet. Wenn die Leute sich erst einmal daran gewöhnt haben, dass sie das Kino nicht brauchen, könnte es hart für uns werden."

Die Zeit nach der Pandemie macht vielen in der Branche sogar noch mehr Sorgen als die Gegenwart. Arndt befürchtet, dass sich nach der Krise "alle Filme gegenseitig erschlagen werden".

Im Kino, findet auch Björn Hoffmann, starteten ohnehin viel zu viele Filme. "Und wenn dann im zweiten Halbjahr statt 350 Filmen 500 anlaufen, macht es die Situation nicht leichter." Auch das Folgejahr bereitet ihm Sorgen: "Was ich gar nicht einschätzen kann, ist, ob dieses Jahr die Filme gedreht werden können, die wir 2021 ins Kino bringen wollen. Konkret geplant hatten wir den neuen Film von Andreas Dresen und den neuen Film von Hans-Christian Schmid. Schauspieler und Crew sind ja für einen ganz bestimmten Zeitraum verpflichtet und haben danach wieder andere Engagements, das können Sie nicht einfach mal so eben hin und her schieben. Produktionen sind in der Regel nicht gegen Pandemien versichert, da entsteht schnell ein Schaden in Millionenhöhe."

Dreharbeiten abbrechen? Schauspielern, die das fordern, drohen Vertragsstrafen

Derweil gehen die Absagen von Dreharbeiten weiter. Nachdem Nordrhein-Westfalen und Bayern am Montag alle Drehgenehmigungen auf öffentlichem Gelände widerrufen haben, also außerhalb von Studiogeländen, folgte Montagabend Berlin. Wie erwartet haben die US-Studios außerdem ihre Dreharbeiten im Studio Babelsberg verschoben. Das betrifft das Großprojekt "The Matrix 4" mit Keanu Reeves, das Anfang März von San Francisco nach Berlin umgezogen ist, und die Videospiel-Adaption "Uncharted" mit Tom Holland und Mark Wahlberg.

"Wir haben vollstes Verständnis für die Entscheidung der Produzenten, die Dreharbeiten vorerst um einige Wochen zu verschieben", heißt es in einer Stellungnahme der Studios. "Wir sind es in unserem Projektgeschäft gewohnt, flexibel auf solche Situationen wie Verzögerungen, Verschiebungen oder Abbrüche zu reagieren. Das Personal auf den Projekten wird zum Teil weiterbeschäftigt. Bei einem Teil der Crew handelt es sich um Freelancer, zum Beispiel Handwerker, die auch nicht filmbezogene Aufträge annehmen, bei denen wir nur hoffen können, dass sie uns bei der Wiederaufnahme der Produktion noch zur Verfügung stehen."

Viele deutsche Filmproduzenten bangen indessen ums wirtschaftliche Überleben und nutzen alle behördlichen Spielräume, um weiterzudrehen. So lässt etwa der Münchner Produzent Christian Becker von Ratpack Film seine Produktion "Hui Buh 2", die derzeit in Prag gedreht wird, weiterlaufen - "natürlich unter allen denkbaren Sicherheitsvorkehrungen", wie er sagt. Schauspieler und Teammitglieder wurden am Wochenende noch hektisch über die Grenze geschafft, bevor diese geschlossen wurde. "Wir machen weiter, solang es geht", sagt Becker.

Dabei hört man von anderen Projekten, dass Schauspielern und Teammitgliedern, die dringend abbrechen wollen, mit massiven Vertragsstrafen gedroht wird. Noch gibt es deshalb keinen öffentlichen Aufstand, aber Zeichen von Unruhe. Der Schauspieler Trystan Pütter postete auf Instagram das Bild eines Schutzanzugs und schrieb, am Set von "Ku'damm 63" würde weitergedreht "bis zum bitteren Ende". Auf derselben Plattform teilte die Schauspielerin Katja Riemann einen dringenden Aufruf des Berufsverbands Kinematografie, dass alle Dreharbeiten "sofort einzustellen" seien und die Produzenten ihre "Fürsorgepflicht" wahrnehmen sollten.

Der Schauspieler Hanno Koffler wiederum gab via Instagram bekannt, mit dem gesamten Team des ARD-Films "Zielfahnder - Das arabische Abenteuer" in Marrakesch festzuhängen. Während andere ausländische Kollegen ausgeflogen würden, tue sich seitens der Bundesregierung "außer vollmundiger Pressemeldungen" nichts. Er spreche auch für Kollegen wie Connie Walther, Ulrike C. Tscharre, Benno Fürmann und Lea van Acken wenn er sage: "Wir wollen nach Hause, zu unseren Familien. Jetzt."

© SZ vom 18.03.2020/luch
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