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Künstliche Intelligenz:An gedankliche Grenzen stoßen

Wissenschaft und Technik sind eigentlich ganz gut darin, den eigenen Verlauf vorauszusagen. Wie sehr sie aber an ihre gedanklichen Grenzen stoßen, wenn es darum geht, die gesellschaftlichen Folgen ihrer eigenen Innovationen zu erfassen, zeigte der Kognitions- und Robotikforscher Murray Shanahan. Der hatte sich als Berater für den wahrscheinlich besten Film über künstliche Intelligenz der letzten Jahre, Alex Garlands "Ex Machina", mit den philosophischen Fallstricken der KI-Debatte auseinandergesetzt.

Shanahan zeigte ein Diagramm, in dem er das Bewusstsein des Menschen in Relation zu nicht-menschlichen Bewusstseinsformen stellte. Das Bewusstsein der Tiere, der Pflanzen, Gesteine, Planeten. Man müsse Ludwig Wittgenstein zu Rate ziehen, um exotische Formen des Bewusstseins zu erfassen, sagte er. Der habe beschrieben, wie man sich angesichts eines neuen Wesenszustandes selbst verändert. So müsse man den Bewusstseinszustand der künstlichen Intelligenz eben in das oben genannte Schema fügen und berücksichtigen, dass sich der Mensch und auch seine bewusste Sprache damit verändern. "Wir sind in Gegenwart einer gewaltigen Kreatur."

Kino Traumfrau gebaut
"Ex Machina" im Kino

Traumfrau gebaut

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Ein Beispiel habe es schon gegeben. Beim weithin analysierten Wettkampf zwischen dem menschlichen Go-Meister Lee Sedol und der KI-Anwedung Alpha-Go habe beim zweiten Spiel der 37. Zug der künstlichen Intelligenz den Meister buchstäblich aus dem Stuhl gerissen. Das sei ein Zug von strategischer Schönheit gewesen, den kein menschlicher Spieler je so vollzogen hätte. Und doch entschied er das Spiel für die KI. Deswegen solle man sich davor hüten, so Shanahan, der künstlichen Intelligenz menschliche Züge anzudichten. Das sei nur ein verzweifelter Versuch, sich um die Auseinandersetzung mit dem Unerklärlichen zu drücken.

Auch der schwedische Ökonom Carl Benedikt Frey von der Oxford University, führender Experte für die Veränderungen der Arbeitswelt im digitalen Zeitalter, sah eine neue Dimension der Veränderung. Auf die Frage, ob künstliche Intelligenz nicht lediglich eine romantisierte Form der Automatisierung sei, sagte er: "Auf keinen Fall. Maschinen, die von selbst lernen können, sind etwas vollkommen Neues."

Nun sollte man auch die Grenzen beachten, die der KI aktuell noch gesetzt sind. Oder das, was die Münchner Künstlerin Hito Steyerl als "KD", als künstliche Dummheit, bezeichnete. Diesen Aspekt brachte am Nachmittag des Marathons dann eben die Kunst am besten auf den Punkt. Der Londoner Künstler James Bridle zeigte das Video seiner Performance "Autonomous Trap" (frei übersetzt: Selbstfahrerfalle). Da zeichnet er auf einem Parkplatz unter den Gipfeln des Parnass einen Kreidekreis, den er mit unterbrochenen Linien umzieht, sodass sich Fahrbahnmarkierungen ergeben, die es einem selbstfahrenden Auto erlauben, in den Kreis hinein-, aber nicht, aus ihm wieder herauszufahren. So rollt im Kurzfilm dann auch ein Wagen in den Kreis, kommt zum Stehen, und bleibt. Schlichter Gag, klarer Punkt.

Bei allen kulturellen Umkreisungen der künstlichen Intelligenz blieb beim Marathon Zeit für Realität. Am aufschlussreichsten war die Diskussion, die John Brockman moderierte. Da traf der Chemie-Nobelpreisträger und Präsident der Royal Society, Venki Ramakrishnan, auf den Skype-Gründer Jaan Tallinn und den Direktor des Alan-Turing-Institutes, Andrew Blake.

Es gibt Netzwerke aus KI und Big Data, die um das Jahr 2011 zum Leben erwacht sind

Brockman begann das Gespräch mit der Beobachtung, künstliche Intelligenz sei das große Thema unserer Zeit, eine Geschichte, die 1956 begonnen habe und uns noch lange begleiten werde. Einig waren sich die Diskutanten nicht. Andrew Blake erzählte von Netzwerken, die im Zusammenspiel von KI und Big Data um das Jahr 2011 herum zum Leben erwacht seien. Künstliche Intelligenz sei ein unfassbar aufregendes intellektuelles Abenteuer. Man solle die Fortschritte nicht mit Horrorszenarien schmälern.

Venki Ramakrishnan dagegen erinnerte daran, dass die erste industrielle Revolution ja nicht nur Fortschritte, sondern vor allem rund hundert Jahre - also drei Generationen - enormer Armut gebracht habe. Die Menschheit habe noch gar keine Ahnung, was die Folgen der Automatisierung geistiger Tätigkeiten mit sich bringe - und ob sie je aufholen werde. Auch Jaan Taalinn, der einen guten Teil seines Vermögens in die KI-Forschung steckt, warnte: "Der Niedergang der Atomindustrie war, dass sie die Risiken herunterspielte. Wenn wir die Unwägbarkeiten der KI nicht jetzt angehen und bald in den Griff bekommen, können wir nur verlieren."

Und nein, ein neues Schlagwort erfand an diesem Tag keiner. Letztlich wollte das auch niemand. So vermessen sind nur Politiker (erinnert sich noch jemand an Al Gores "Information Superhighway"?). Doch was da vergangene Woche in London begann, war eine erste Bündelung von Gedanken, die Unverständliches umkreisen. Und die Erfahrung, dass Geisteswissenschaften, Literatur und Kunst für die Erkenntnisgewinnung immer noch mindestens so gut aufgestellt sind wie Wissenschaft und Technik.

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