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"Ex Machina" im Kino:Traumfrau gebaut

Das Aussehen der Roboter-Mädchen wird auf Basis männlicher Porno-Suchprofile im Internet generiert: Alicia Vikander als künstliche Intelligenz Ava.

(Foto: Universal)

Ein Frankenstein fürs Silicon Valley: In seinem Erotikthriller "Ex Machina" philosophiert Alex Garland über die Macht der Maschinen und karikiert Männerfantasien.

Von David Steinitz

Stellen Sie sich vor, ein Internet-Unternehmen wie Google könnte Ihre Traumfrau bauen! Das Design müssen Sie dem Konzern gar nicht umständlich erklären, weil er die optischen Vorlieben längst aus Ihren Porno-Suchanfragen zusammengerechnet hat. Doch keine Angst, wir sprechen hier nicht von einer ordinären Gummipuppe für lüsterne Stubenhocker, sondern von einer High-End-Traumfraulösung für Romantiker und Feuilleton-Leser, denen neben äußeren Merkmalen natürlich innere Werte wichtig sind. Auch hierfür hat Ihr Traumfrau-Lieferant die Weiten des Internets durchforstet und analysiert, um einen klugen künstlichen Verstand zu kreieren.

Das ist die Welt, die in Alex Garlands famosem Erotikthriller "Ex Machina" kurz bevorsteht - die künstliche Traumfrau befindet sich lediglich in der Beta-Version. Die Firma, die all diese Männerfantasien wahrmachen kann, heißt im Film nicht Google, sondern Blue Book, nach Wittgensteins "Blauem Buch" - das ist natürlich eine Anspielung: Blue Book ist hier eine Suchmaschinenfirma, die nach dem Re-Design des Alltags giert, mit dem Mantra, dass Mensch und Maschine sich immer noch ein bisschen besser gestalten lassen, als es die bisherige Realität hergibt.

Der junge Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) und sein Boss Nathan (Oscar Isaac) in "Ex Machina".

(Foto: AP)

Gegründet wurde Blue Book von einem bärtigen jungen Mann namens Nathan. Oscar Isaac spielt ihn als das finstere Destillat aus allen Jungmännern, die durchs Silicon Valley spazieren und Talent, Zeit und Geld genug haben zu basteln, was immer sie wollen.

Nathan ist das Silicon Valley jedoch zu überlaufen, er hat sich in die Einsamkeit Alaskas zurückgezogen. Inmitten der wilden Natur wurde ihm eine hochtechnisierte Nerd-Burg mit unterirdischem Forschungslabor gebaut. Dort hat er sich abends besoffen, morgens am Boxsack trainiert - und zwischendurch einen sexy Homunkulus namens Ava gebaut, der von der Schwedin Alicia Vikander mit viel rehäugigem Girlfriend-Chic gespielt wird. Zumindest zu 50 Prozent. Denn dass dieses Wesen mit dem hübschen Gesicht ein Roboter ist, lässt Regisseur Garland den Zuschauer keine Sekunde vergessen: Ihr Bauch ist ein verglaster Maschinenraum.

"Ex Machina" entlüftet Männerfantasien

Damit schlägt Garland den derzeit üblichen Science-Fiction-Fantasien der Männer elegant ein Schnippchen. Denn die passen in letzter Zeit nur in eine recht monoton-menschliche Inkarnation: Da gibt es die Traumfrau als Computerstimme (Scarlett Johansson in "Her"), die Traumfrau als transzendentes Überwesen (Scarlett Johansson in "Lucy") und die Traumfrau als Außerirdische (Scarlett Johansson in "Under The Skin").

Überhaupt lässt der Brite Garland aus männlichen Fantasien ziemlich die Luft raus. "Ex Machina" beginnt mit dem jungen Blue-Book-Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson), der von seinem Boss Nathan in das Alaska-Exil eingeladen wird - gewonnen hat er den Trip in der Firmenlotterie.

Caleb soll Teil eines Turing-Tests werden, mit dem Nathan überprüfen möchte, wie brillant sein künstliches Mädchen geworden ist. Beim klassischen Turing-Test wird dem Teilnehmer der Computer verheimlicht. Es gilt herauszufinden, ob der Proband merkt, dass er es mit einer künstlichen Intelligenz zu tun hat. Regisseur Garland aber geht weiter: Er will nicht nur herausfinden, ob Menschen vergessen können, dass sie es mit einem Roboter zu tun haben, sondern ob sie trotz dieses Wissens eine emotionale und vor allem auch erotische Sehnsucht nach der Maschine spüren können. Oder anders gefragt: Sind Männer so blöd, dass sie sich auch von künstlichen Wesen in eine Amour fou locken lassen?

"Früher dachten immer alle, dass Suchmaschinen die Sammlung dessen seien, was die Menschen denken", erklärt Nathan seinem Versuchskaninchen Caleb. "Es ist aber ganz anders: Suchmaschinen offenbaren uns, wie die Menschen denken."

Nathan ist nun der Inhaber dieses Wissens, und genau das unterscheidet ihn von all den grobschlächtigen Menschenschnitzern der Marke Dr. Frankenstein, die die Kulturgeschichte bislang hervorgebracht hat. Auch wird seine Ava nicht von ordinären analogen Schaltkreisen gesteuert, sondern von einem Hirn aus "strukturiertem Gel".

Ein Roboter mit Sex-Appeal und Sexualität

Was das hervorbringt, ist erstaunlich: Ava kann flirten, wie die gefährlichsten Lolitas in französischen Filmen. Was in diesem klaustrophobischen Kammerspiel schließlich beide Männer in den Irrsinn treibt. Den Erfinder, weil er von seiner eigenen Kreation so begeistert ist, dass er sich bereitwillig von ihr blenden lässt. Und den schüchternen Probanden, weil er tatsächlich zu glauben beginnt, hier seine Traumfrau gefunden zu haben - die aber nur das künstliche Destillat seines digitalen Lebens ist. Eine hübsch verkleidete Schöpfung aus Suchanfragen, E-Mails und Handydaten. Zudem hat sie, was die offensichtlichen Roboter in der Filmgeschichte lange nicht hatten: Sex-Appeal und Sexualität.

Alex Garland führt damit weiter, was das Kino schon geträumt hat, bevor überhaupt die Eltern der heutigen Silicon Valley-Nerds geboren waren: Wesen und Emotionen so perfekt künstlich zu kreieren, dass sie gänzlich menschlich werden. Gerade im deutschen Kino war das schon in den Zwanzigerjahren eine glühende Fantasie, als sich in den Filmen des Expressionismus die künstlichen Pappe-Wesen tummelten, bei Fritz Lang, Robert Wiene oder Friedrich Wilhelm Murnau.

Nur braucht Garland für seine Ava kein Pappmasché mehr, sondern kann auf die besten Effektkünstler der Welt zurückgreifen: die Londoner Computerkünstler von Double Negative, die gerade als die absoluten Könige der Computeranimation gelten. Zuletzt haben sie die Weiten des Alls in "Interstellar" kreiert, und auch ihre halbmenschliche Ava, mit Schauspielerinnenkopf und durchsichtigem Kunstkörper, ist ein Geniestreich der Tricktechnik. Genau hier treffen sich Realität und Fiktion. Caleb fragt Nathan im Film, warum er Ava gebaut habe. Und der erwidert: "Das ist eine komische Frage. Würdest du es nicht tun, wenn du es könntest?"

Ex Machina, GB 2015 - Regie, Buch: Alex Garland. Kamera: Rob Hardy. Mit: Domhnall Gleeson, Alicia Vikander, Oscar Isaac. Universal, 108 Minuten.

© SZ vom 22.04.2015/doer

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