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Künstliche Intelligenz:"Wir sind in Gegenwart einer gewaltigen Kreatur"

North Shore Surfing in Oahu, Hawaii

Die Euphorie der Aufbruchsstimmung zu den neuen Ufern des Internets trifft "Surfen" viel besser als etwa Graben, Wühlen oder Navigieren.

(Foto: Getty Images)

Künstliche Intelligenz verändert Wissenschaft und Technik. Klar. Aber was macht sie mit der Gesellschaft? Ingenieure, Künstler und Wissenschaftler kommen zu einer unausweichlichen Erkenntnis.

Von Andrian Kreye, London

Es ist gar nicht so verkehrt, in den "Märchen aus 1001 Nacht" nach Erkenntnissen über die künstliche Intelligenz zu suchen. Der Schriftsteller Adam Thirlwell und die Literaturwissenschaftlerin Marina Warner, derzeit Präsidentin der Royal Society of Literature, taten das vergangene Woche im großen Saal des Londoner Rathauses. In der mächtigen Spiralkuppel mit Blick auf Themse und Tower Bridge trafen sich ein paar Dutzend Wissenschaftler, Ingenieure, Künstler und Schriftsteller, um nach schlüssigen Bildern für die künstliche Intelligenz zu suchen.

Da saßen die beiden also im architektonisch hochwertig gleißenden Herbstlicht und machten sich öffentlich Gedanken darüber, ob der morgenländische Märchengeist Dschinn, dieser dienstbare Wunscherfüller aus rauchlosem Feuer, nicht das perfekte Sinnbild für jene digitalen Kräfte sei, die derzeit überall entfesselt werden. Nicht nur könnte man das digitale Lodern als zeitgenössisches Bild für das rauchfreie Feuer sehen, es stellt sich auch die Frage nach der Beherrschbarkeit dieses eigentlich aufmüpfigen Flaschengeistes. Wer ihn aus seiner gottgewollten Gefangenschaft befreit, ahnt erst einmal nicht, was Dschinns Zauberkräfte alles anrichten könnten.

Der Ansatz ist gerade deswegen so richtig, weil die zweite Ära der digitalen Technologien, die gerade in eine dritte mündet (ohne zu Ende zu gehen, aber diese Parallelentwicklungen machen es ja auch gerade so kompliziert) durch zwei so einfache wie schlüssige Metaphern begreifbar wurde, die beide aus der Welt der Literatur stammten. In dieser zweiten Ära verknüpften sich die Rechenmaschinen zu einem weltweiten Netz, in dem sich Gedanken und Informationen frei oder in Bahnen bewegen. Was heute selbstverständlich ist, war vor 25 Jahren noch eine gewaltige gedankliche Überforderung.

Die eine Metapher, mit der das begreifbar wurde, war der Cyberspace, das kybernetische Universum. Das hatte sich der Schriftsteller William Gibson 1982 im letzten Band seiner "Neuromancer"-Trilogie ausgedacht, einer literarischen Weiterführung der Gedanken, die sich der Mathematiker Nobert Wiener gemacht hatte.

Wir sollten uns davor hüten, der künstlichen Intelligenz menschliche Züge anzudichten

Die zweite Metapher, mit der sich die Menschen im Netz zurechtfinden konnten, war das Surfen. Die stammt von der Mediävistin und Bibliothekarin Jean Armour Polly aus der New Yorker Industriestadt Syracuse. Sie verfasste Anfang der Neunzigerjahre als eine der ersten Autorinnen Bücher und Essays über den Einfluss des Internets auf Kinder und Familien. 1992 schrieb sie für eine Fachzeitschrift einen Text über die Informationssuche im Netz.

Damals, drei Jahre vor der Einführung des World Wide Web mit seinen eleganten Benutzerführungen und farbenfrohen Oberflächen, beschrieb man die Benutzung des Internets noch mit Analogien wie Graben, Wühlen oder Navigieren, allesamt mühsame Verfahren. Der kalifornische Jugend- und Freizeitglamour des Surfens traf die Euphorie der Aufbruchsstimmung zu den neuen Ufern des Internets schon sehr viel besser.

Hans Ulrich Obrist hatte eingeladen, um die künstliche Intelligenz aus den Nischen der technologisch-wissenschaftlichen Diskurse ins Leben zu holen. Obrist ist der Schweizer Chef der Serpentine Galleries, den sie in der Fachpresse hin und wieder als "Supercurator" betiteln, was gar nicht so weit hergeholt ist, weil er mit seiner Plexiglas-Brille und dem bunt karierten Flanellanzug durchaus in einem Pixar-Film auftreten könnte. Wobei man diese comicheldenhafte Berufsbezeichnung inhaltlich durchaus ernst nehmen kann. Deswegen funktionieren seine "Marathons" oft so gut, die er alljährlich in London zu einem großen Thema veranstaltet und dazu jedes Mal sehr kluge Menschen einlädt, die erst einmal noch keinerlei Verbindung zueinander haben, dann aber zwölf Stunden lang jeweils ein großes Thema diskursiv umkreisen. Und weil er nicht nur so ziemlich die gesamte Welt der zeitgenössischen Kunst in seinem Kurzwahlverzeichnis hat, sondern auch mit dem Wissenschaftsimpresario John Brockman und der hypervernetzten DLD-Gründerin Steffi Czerny befreundet ist, haben diese Marathons in der Regel eine Relevanz, die weit über Kunst und Kultur hinausgeht.

Nun kamen Adam Thirlwell und Marina Warner bei ihrer Suche nach einem Bild für die künstliche Intelligenz nicht weit. "Der Dschinn ist weder Dämon noch Engel", sagte Warner, was man über so ziemlich jede Technologie sagen könnte. Warners kulturwissenschaftliche Arbeiten drehen sich oft um die Metapher an sich. In ihrem Buch "Phantasmagoria (Geistvisionen, Metaphern und Medien)" hat sie schon vor Jahren Linien vom Frühchristentum zur modernen Medientechnologie gezogen. Aber sie warnt auch davor, Metaphern mit Prophezeiungen zu verwechseln - das sei eine Manie der Gegenwart, die Hälfte der Nachrichtensendungen bestehe inzwischen aus Voraussagen.

An gedankliche Grenzen stoßen

Wissenschaft und Technik sind eigentlich ganz gut darin, den eigenen Verlauf vorauszusagen. Wie sehr sie aber an ihre gedanklichen Grenzen stoßen, wenn es darum geht, die gesellschaftlichen Folgen ihrer eigenen Innovationen zu erfassen, zeigte der Kognitions- und Robotikforscher Murray Shanahan. Der hatte sich als Berater für den wahrscheinlich besten Film über künstliche Intelligenz der letzten Jahre, Alex Garlands "Ex Machina", mit den philosophischen Fallstricken der KI-Debatte auseinandergesetzt.

Shanahan zeigte ein Diagramm, in dem er das Bewusstsein des Menschen in Relation zu nicht-menschlichen Bewusstseinsformen stellte. Das Bewusstsein der Tiere, der Pflanzen, Gesteine, Planeten. Man müsse Ludwig Wittgenstein zu Rate ziehen, um exotische Formen des Bewusstseins zu erfassen, sagte er. Der habe beschrieben, wie man sich angesichts eines neuen Wesenszustandes selbst verändert. So müsse man den Bewusstseinszustand der künstlichen Intelligenz eben in das oben genannte Schema fügen und berücksichtigen, dass sich der Mensch und auch seine bewusste Sprache damit verändern. "Wir sind in Gegenwart einer gewaltigen Kreatur."

Ein Beispiel habe es schon gegeben. Beim weithin analysierten Wettkampf zwischen dem menschlichen Go-Meister Lee Sedol und der KI-Anwedung Alpha-Go habe beim zweiten Spiel der 37. Zug der künstlichen Intelligenz den Meister buchstäblich aus dem Stuhl gerissen. Das sei ein Zug von strategischer Schönheit gewesen, den kein menschlicher Spieler je so vollzogen hätte. Und doch entschied er das Spiel für die KI. Deswegen solle man sich davor hüten, so Shanahan, der künstlichen Intelligenz menschliche Züge anzudichten. Das sei nur ein verzweifelter Versuch, sich um die Auseinandersetzung mit dem Unerklärlichen zu drücken.

Auch der schwedische Ökonom Carl Benedikt Frey von der Oxford University, führender Experte für die Veränderungen der Arbeitswelt im digitalen Zeitalter, sah eine neue Dimension der Veränderung. Auf die Frage, ob künstliche Intelligenz nicht lediglich eine romantisierte Form der Automatisierung sei, sagte er: "Auf keinen Fall. Maschinen, die von selbst lernen können, sind etwas vollkommen Neues."

Nun sollte man auch die Grenzen beachten, die der KI aktuell noch gesetzt sind. Oder das, was die Münchner Künstlerin Hito Steyerl als "KD", als künstliche Dummheit, bezeichnete. Diesen Aspekt brachte am Nachmittag des Marathons dann eben die Kunst am besten auf den Punkt. Der Londoner Künstler James Bridle zeigte das Video seiner Performance "Autonomous Trap" (frei übersetzt: Selbstfahrerfalle). Da zeichnet er auf einem Parkplatz unter den Gipfeln des Parnass einen Kreidekreis, den er mit unterbrochenen Linien umzieht, sodass sich Fahrbahnmarkierungen ergeben, die es einem selbstfahrenden Auto erlauben, in den Kreis hinein-, aber nicht, aus ihm wieder herauszufahren. So rollt im Kurzfilm dann auch ein Wagen in den Kreis, kommt zum Stehen, und bleibt. Schlichter Gag, klarer Punkt.

Bei allen kulturellen Umkreisungen der künstlichen Intelligenz blieb beim Marathon Zeit für Realität. Am aufschlussreichsten war die Diskussion, die John Brockman moderierte. Da traf der Chemie-Nobelpreisträger und Präsident der Royal Society, Venki Ramakrishnan, auf den Skype-Gründer Jaan Tallinn und den Direktor des Alan-Turing-Institutes, Andrew Blake.

Es gibt Netzwerke aus KI und Big Data, die um das Jahr 2011 zum Leben erwacht sind

Brockman begann das Gespräch mit der Beobachtung, künstliche Intelligenz sei das große Thema unserer Zeit, eine Geschichte, die 1956 begonnen habe und uns noch lange begleiten werde. Einig waren sich die Diskutanten nicht. Andrew Blake erzählte von Netzwerken, die im Zusammenspiel von KI und Big Data um das Jahr 2011 herum zum Leben erwacht seien. Künstliche Intelligenz sei ein unfassbar aufregendes intellektuelles Abenteuer. Man solle die Fortschritte nicht mit Horrorszenarien schmälern.

Venki Ramakrishnan dagegen erinnerte daran, dass die erste industrielle Revolution ja nicht nur Fortschritte, sondern vor allem rund hundert Jahre - also drei Generationen - enormer Armut gebracht habe. Die Menschheit habe noch gar keine Ahnung, was die Folgen der Automatisierung geistiger Tätigkeiten mit sich bringe - und ob sie je aufholen werde. Auch Jaan Taalinn, der einen guten Teil seines Vermögens in die KI-Forschung steckt, warnte: "Der Niedergang der Atomindustrie war, dass sie die Risiken herunterspielte. Wenn wir die Unwägbarkeiten der KI nicht jetzt angehen und bald in den Griff bekommen, können wir nur verlieren."

Und nein, ein neues Schlagwort erfand an diesem Tag keiner. Letztlich wollte das auch niemand. So vermessen sind nur Politiker (erinnert sich noch jemand an Al Gores "Information Superhighway"?). Doch was da vergangene Woche in London begann, war eine erste Bündelung von Gedanken, die Unverständliches umkreisen. Und die Erfahrung, dass Geisteswissenschaften, Literatur und Kunst für die Erkenntnisgewinnung immer noch mindestens so gut aufgestellt sind wie Wissenschaft und Technik.

© SZ vom 14.10.2017/cag
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