Kritik an "Je suis Charlie" in Frankreich Lasst uns in Ruhe mit euren Religionsproblemen!

Was ist hier geschehen?, fragt Todd und findet eine originelle Antwort. Im religiösen Leerraum des "Zombie-Katholizismus" eines weitgehend entchristianisierten Frankreich sei das Bedürfnis nach Spott und Kritik stellvertretend nachgeholt worden, gegenüber einer anderen Religion: dem Islam. Hinter den Solidaritätsmärschen für "Charlie" stehe nicht nur das Bekenntnis zu Toleranz und Meinungsfreiheit, sondern auch verkappter, oft unbewusster Fremdenhass: Lasst uns im endlich aufgeklärten Westen in Ruhe mit euren Religionsproblemen!

Eher als von den republikanischen Idealen der Égalité und des gegenseitigen Verständnisses sei der Aufstand der Anständigen im Januar von Gefühlen wie Identitätsangst, Egoismus und dem Verlangen nach Ausgrenzung getrieben worden, die an dunkle Kapitel der französischen Geschichte erinnerten.

Meinung statt Argumente

Auf die scharfe Kritik an dieser These reagiert Todd mit einer beleidigten Virulenz, die an das empörte Aufbegehren Pierre Bourdieus erinnert: Er sei Soziologe, nicht Intellektueller, er wolle mit Argumenten, nicht mit Meinung widerlegt werden. Gerade Meinung ist neben dem in der Tat ausgiebigen Fakten- und Kartenmaterial aber bei Todd selbst üppig vorhanden. Wenn er schreibt, das kollektive Pochen auf das Recht zur Blasphemie sei gegenüber einer Religion, die im Land insgesamt nur fünf Prozent ausmache, hoch problematisch, dann steht hinter den Zahlen eine persönliche Meinung - jene, dass Minderheiten eine Sonderbehandlung verdienen.

Emmanuel Todd ist überzeugt, das laizistische Frankreich habe mit der Religion ein Problem und könne die entstandene Lücke nicht mehr mit verlässlichen Grundwerten schließen. Das stellen seine Kritiker in Abrede.

Er glaube nicht, dass eine "religiöse Krise" heute das Hauptproblem der Republik sei, sagte Laurent Joffrin, Chefredakteur der Zeitung Libération, in einem Streitgespräch mit Todd: Die Staatsbürger könnten die einstigen religiösen Werte durch andere gemeinschaftsbindende Werte ersetzen, wie ja gerade der Solidaritätsmarsch für Charlie Hebdo im Januar gezeigt habe.

Kritik, die übers Ziel hinausschießt

Diesen "esprit de janvier" möchten seine Wortführer sich nicht durch provozierende Auslegungen verderben lassen. Ihr Argument, westliche Selbstzensur in Kritik und Satire gegenüber dem Islam käme einer umgekehrten Diskriminierung gleich, hat Gewicht. Es steht für das aufklärerische Prinzip allgemeiner Kritikwürdigkeit. Manche Publizisten schießen aber mit ihrer Forderung nach Solidarität ihrerseits übers Ziel hinaus. Caroline Fourest etwa, Redaktionsmitglied bei Charlie Hebdo, rückt in ihrem Buch "Éloge du blasphème" (Lob der Gotteslästerung) alle, die "nicht Charlie sein mochten", tendenziell in die Nähe des Front National und jenes Jean-Marie Le Pen, der erklärte, lieber als "Charlie" Charles Martel sein zu wollen, der Herrscher, der den Muslimen bei Poitiers eins aufs Dach gab.

Zum tieferen Verständnis des kategorischen Imperativs, sich im Namen der Meinungsfreiheit vorbehaltlos hinter die Redaktion des Satiremagazins zu stellen, ist Todds Studie hilfreich. Sie gibt der provozierenden Frage nach den Motiven, die neben Freiheitsliebe und Toleranz hinter der Massensolidarität gestanden haben könnten, faktische Substanz. Todds Schlussfolgerung jedoch, Blasphemie solle im modernen demokratischen Staat nicht weniger, aber auch nicht besser garantiert werden als die Kritik an der Blasphemie, hätte des langen Umwegs über die Theorie von der Dominanz einer Mehrheit über eine Minderheit nicht bedurft. Die Trumpfkarte Voltaire sticht an dieser Stelle nicht mehr.

Kommentar
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