Islamkritik Ohne Weicheier keine Meinungsfreiheit

US-Schriftsteller boykottieren einen Preis für "Charlie Hebdo" und werden von Salman Rushdie als charakterlos beschimpft. Dabei übersieht der Bestsellerautor einen entscheidenden Punkt.

Kommentar von Johan Schloemann

Der Prophet Mohammed war ein abscheulicher Kameltreiber. Er verbreitete seinen Aberglauben mit brutaler Gewalt. Der Koran ist ein unverdauliches Buch und beleidigt den gesunden Menschenverstand.

So, das haben wir jetzt einfach mal hier hingeschrieben. Ist das nicht mutig? Und müssen nicht alle dafür kämpfen, dass man solche Sachen noch sagen darf? Diese beleidigenden Aussagen über den Islam stammen schließlich gar nicht von uns, sondern von Voltaire. Der französische Aufklärer äußerte sich so im Jahr 1740, in einem Brief an Friedrich den Großen.

Allerdings fragt sich, was mit solchen Beleidigungen eigentlich gewonnen ist. Dass herabsetzende Religionskritik und "Blasphemie" heute in vielen westlichen Ländern nicht mehr verboten ist (und möglichst nirgendwo mehr verboten sein sollte), das heißt ja noch lange nicht, dass sie immer und in jeder Form geboten wäre. Darum dreht sich der Streit, der jetzt unter Literaten und Intellektuellen in den USA ausgebrochen ist.

Sechs durchaus namhafte Schriftsteller haben es abgelehnt, an einer Gala des Autorenverbandes PEN am kommenden Dienstag in New York mitzuwirken. Bei dieser Gala soll Charlie Hebdo einen Preis für Meinungsfreiheit erhalten. Alle sechs Abweichler verurteilen den Terroranschlag auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift scharf, was unter denkenden Menschen eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Aber ihnen ist unwohl bei dem Gedanken daran, an einer standing ovation in Abendgarderobe für Darstellungen des islamischen Religionsstifters teilzunehmen, deren Aggressivität und deren bewusste Missachtung des Bilderverbots sie ablehnen.

Der australische, in Amerika lebende Schriftsteller Peter Carey warnt vor Selbstgerechtigkeit in New York sowie vor "kultureller Arroganz" in Frankreich gegenüber der großen muslimischen Minderheit.

Rushdie macht einen Fehler: Meinungsfreiheit ist nicht absolut

Prompt kam die Reaktion von Salman Rushdie: Die sechs, die nicht mitmachen wollen, seien charakterlose pussies, also "Weicheier". Der Bestsellerautor kritisiert in seiner Korrespondenz mit dem PEN "diese widerlichen Abers" in der Debatte und spricht von der "Schlacht gegen den fanatischen Islam", die es zu gewinnen gelte.

Salman Rushdie hat gute Gründe für seinen Standpunkt: Wird er doch wegen seines Romans "Die satanischen Verse" seit 1989 von Mordaufrufen bedroht. Aber er macht einen Fehler, der seit den Gesinnungsmorden von Paris wieder verbreitet ist: nämlich die Meinungsfreiheit absolut zu setzen von anderen Grundwerten liberaler Ordnungen, etwa dem Respekt gegenüber der freien Ausübung von Religion. Absolut ist das Recht auf freie Rede aber nur insofern, als natürlich keine Meinungsäußerung Gewaltanwendung und Terror rechtfertigt. Wenn aber seine Verteidiger nur noch Kriegsbereitschaft und geschlossene Fronten beschwören, drohen sie selbst in eine totalitäre Rhetorik hineinzurutschen, gegen die sie eigentlich die freiheitliche Gesellschaft verteidigen wollen.

Islamkritiker wie Islamversteher haben derzeit schnell falsche Freunde. Unter dem Klubnamen "Meinungsfreiheit" versammeln sich leider nicht wenige, die vor allem den muslimischen Einwanderern mal eine ordentliche Abfuhr erteilen wollen. In dieser Lage trifft einerseits zu: Wie weit man mit Religionskritik gehen kann, darf nicht von der Bedrohung durch radikale Islamisten beeinflusst werden.

Aber umgekehrt darf die inhaltliche Bewertung dessen, was die Charlie-Hebdo-Zeichner publiziert haben, auch nicht von der Tatsache ihrer Ermordung beeinflusst werden. Dass es Schriftsteller gibt, die auf solchen Differenzierungen beharren und vor demonstrativem Heroismus warnen, ist keine Schwäche "des Westens". Auch wenn Salman Rushdie seine Wortwahl inzwischen bereut: Ohne Pussys gibt es keinen Pluralismus.