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Krieg und Alltag:Näher kann man dem ganzen verdammten Syrien nicht kommen

Mehr als nur Krieg: Facebook-Postings aus Syrien.

Mehr als nur Krieg: Facebook-Postings aus Syrien.

(Foto: Facebook)

Kinder zwischen Ruinen, Bärtige auf Raketenwerfern, aber auch feiernde Menschen im Klub: Selbst in Syrien gibt es noch einen Alltag. Und der ist viel bunter als wir glauben, wie ein neuer Fotoband mit Facebook-Postings belegt.

Es gibt die Bilder von blutenden Kindern, von Straßen voller Ruinen und Toyotas voller Bewaffneter. Aber auch: Wasserpfeifenschläuche, bunt wie ein Regenbogen, Popcorn-Türme, Granatäpfel, Joghurteis. Der Krieg in Syrien wird auch mit diesem Jahr wieder etwas entsetzlicher, aber noch immer leben dort Menschen, denen es ein Anliegen ist, Essen zu fotografieren und die Bilder auf Facebook zu posten.

Die gebürtige Syrerin Dona Abboud hat für ihr Buch "Out of Syria, inside Facebook", herausgegeben von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, Bilder von Facebook-Seiten aus Syrien zusammengestellt.

Von 2011 bis 2016 studierte die Künstlerin an der Grafik-Hochschule in Leipzig. Ihr Kontakt zu Familie, Freunden, ihrem Land, war Facebook. Schließlich wählte sie zehn Frauen und Männer aus, deren Fotos sie zeigt.

Es dauert nur wenige Seiten, und das Buch entfaltet eine eigentümliche Sogwirkung, gerade weil Abboud nicht unterscheidet zwischen Regime- und Rebellen-Propaganda, Familienfesten und Historischem, Quatschbildern und nackter Not.

Man sieht die Zerstörung der antiken Stätten durch den IS und Baschar al-Assad, der jauchzende Kinder umarmt oder - schlank und elegant - in Dandy-Pose vor einem Brunnen posiert. Es gibt Kinderbilder, eine Frau an einer Bushaltestelle, Disco-Besuche, Geburtstagstorten.

Menschen mit sehr unterschiedlichen Biografien

Syrien ist seit Jahren geteilt und jede Einflusszone bringt ihre eigenen Bilder hervor - diffamierend für den Gegner, glorreich für die eigene Sache. Aber wie jedes Land im Krieg kennt auch dieses zwischen Gefechten und Bomben und Terror einen Alltag, in einigen Regionen des Landes mehr, in anderen fast gar nicht.

Und so ist dieser Strom aus Bildern und Momenten voller Untiefen und Wirbel, dass man bald begreift: Näher kann man Syrien, dem ganzen verdammten Syrien nicht kommen.

Der Eindruck verstärkt sich noch dadurch, dass Dona Abboud Menschen mit sehr unterschiedlichen Biografien ausgewählt hat. Einige, wie der in Duma, der Wiege des Aufstands geborene Salem Sattof oder die Sozialarbeiterin Lina Danama, leben in Damaskus, andere inzwischen im Ausland, in der Türkei, im Libanon, in Deutschland.

"Ein Moment wird der Zeit gestohlen"

Von einigen weiß sie kaum mehr als den Namen. Mohammed Darbel, geboren 1980, hat die schwarze Flagge des Islamischen Staates gepostet, Bärtige mit Raketenwerfern - und ein Katzenbild. Sein Account existiert nicht mehr, und er hat nie auf jenen Fragenkatalog Dona Abbouds geantwortet, den sie allen Kontaktpersonen vorgelegt hat: Was ist Facebook für Dich? Was ist Krieg für Dich? Kannst Du schlafen?

So unterschiedlich die Antworten ausfallen, sie dokumentieren eine hoch reflektierte Auseinandersetzung nicht nur mit der Wirkung des Krieges auf den einzelnen Menschen (Salem Sattof: "Natürlich habe ich mich verändert. Ich fühle mich von Menschlichkeit erfüllt, seit ich all die Szenen von Tod und Zerstörung gesehen habe"), sondern auch mit der Wirkung von Bildern: Ein Foto ist "eine Erinnerung, eine Halbwahrheit. Ein Moment wird eingefroren, der Zeit gestohlen", schreibt der Lichttechniker Shadi Marine.

Der Regisseur Joud Said aus Damaskus wird noch grundsätzlicher: "Nur das Kino kann uns etwas geben, ohne etwas zurückzuverlangen."

Facebook, anderenorts durchaus in der Kritik, ist in Syrien eine Insel: Ausdrucksmittel, Archiv, Forum und vor allem einer der wichtigsten Kanäle, über den die Überlebenden sich ihrer Existenz versichern. Unter den wenigen Argumenten, die es noch für Facebook gibt, ist dieses ein unschlagbares.

Dona Abboud, "Out of Syria - inside Facebook", 224 Seiten, Institut für Buchkunst, 20 Euro.

© SZ.de/pak/mane

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