"Kraft" von Jonas Lüscher Plötzlich lehnt sich alles in ihm auf

Als Studenten in den Achtzigerjahren hatten Kraft und sein ungarischer Freund István Pánzél, genannt Ivan, sich in der dandyhaften Pose junger Salon-Reaktionäre gefallen. Sie jubelten Ronald Reagan bei dessen Berlin-Besuch zu, fuhren nach Bonn, um die Bundestagsreden von Kohl, Geißler und Otto Graf Lambsdorff zu hören, neben Margaret Thatcher war er ihr politisches Leitbild. Sie standen "Seite an Seite in ihrem gemeinsamen Kampf für Freiheit und gegen den starken Staat, für atomare Abschreckung, niedrige Steuern, Eigenverantwortung, Investitionsanreize und Privatisierungen, aber sie erlegten sich eine strenge Arbeitsteilung auf."

István spezialisiert sich auf sicherheitspolitische Fragen und macht sich einen Namen als Nuklearstratege. Er wird als Vorzeige-Dissident herumgereicht, dabei war er 1981 bloß vergessen worden bei einem Turnier der ungarischen Universitäts-Schachmannschaft im Westen.

Im kalifornischen Restaurant werden Macaroni and Cheese in der Gourmet-Version serviert

Bei der Reagan-Demo am Nollendorfplatz dann hatte eine Friedensaktivistin Ivan mit dem Draht einer Gerbera fast das Auge ausgestochen. Als Kraft, der die Frauen in seinem Leben stets nur ins Bett bekommt, indem er sie so lange zuschwafelt, bis sie sich seiner erbarmen, ein Verhältnis mit ihr anfängt, kommt es zum Bruch zwischen den Freunden. Ivan macht Karriere als politisch einäugiger Zyklop, doch Kraft beginnt in der Tech-Community an seinen einstigen Idealen zu zweifeln. Hier, wo jene marktfromme Geisteshaltung, mit der er stets nur provokativ kokettierte, Normalität ist, bricht die Herkunft in ihm durch. Plötzlich lehnt sich alles in ihm auf: das alte Europa gegen die New Economy, Hermeneutik gegen Algorithmen, Humanismus gegen Engineering. Er fragt sich, eine Denkfigur von Isaiah Berlin aufgreifend, ob er ein Fuchs ist oder ein Igel, einer, der viele Dinge weiß oder nur eine einzige große Sache, ein starrer, aber effizienter Systemdenker oder ein flexibler Eklektiker und geschmeidiger Situationist. Und an welchem Punkt sich das eine womöglich in das andere verkehrt.

In einer Szene führt Tobias Erkner ihn in ein Gourmet-Restaurant, wo eine High-End-Version des Allerweltsessens Macaroni and Cheese serviert wird, gastronomisches Banausentum in der Millionärsvariante. Und in einer anderen halluziniert Kraft das Strafgericht eines Tsunamis herbei, der das Silicon Valley begräbt. In der Realität geht nur er selbst baden. Bei einem Ausflug kentert er mit dem Ruderboot.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Statt seiner Dissertation hat Lüscher diesen Roman geschrieben, gut so

Dieser Richard Kraft ist die Karikatur des europäischen Intellektuellen, sein Versagen spiegelt den geistigen Bankrott einer Elite wider, die dem drohenden digitalen Totalitarismus nicht das Geringste entgegenzusetzen hat. Jonas Lüschers Buch vereint Campus-Roman, Gelehrtensatire und beinharte Kapitalismus-Kritik in sich. Die Souveränität und Leichtfüßigkeit, mit der Lüscher philosophische Exkurse und ein fein gewobenes Motivnetz auf nur knapp 240 Seiten zu einer luziden Gegenwartsparabel verdichtet, ist staunenswert. Schon sein Erstling "Frühling der Barbaren" war 2014 ein echter Wurf. Die Novelle handelt von einer britischen Hochzeitsgesellschaft in einem tunesischen Luxus-Resort, die durch den Zusammenfall von Bankenkrise und arabischem Frühling buchstäblich in die Wüste geschickt wird. Aus dem Stand hatte der 1976 geborene, in München lebende Schweizer Lüscher eines der eindrücklichsten Bücher des Jahres vorgelegt.

Wie damals wählt Lüscher auch diesmal einen betont altmodisch-gediegenen, ironisch unterlegten Erzählton, der mal an W. G. Sebald, mal an Christian Kracht erinnert. Lüscher etabliert eine Chronistenstimme, für die Thomas Manns zwischen "frommer Verehrung" und "erschrockenem Zweifel" schwankender Serenus Zeitblom aus dem "Doktor Faustus" Pate gestanden hat. Auch Umberto Eco hat sich in "Der Name der Rose" diese Haltung angeeignet, "alles begreiflich zu machen durch einen, der nichts begreift". Um den Roman zu schreiben, hat Lüscher seine Dissertation sausen lassen und die Stipendien, die ihn unter anderem zu Hans Ulrich Gumbrecht nach Stanford führten, auf denkbar beste Weise zweckentfremdet.

Die kühle Intellektualität dieses Autors ist ein schöner Fremdkörper in einer Zeit, in der Reflexionsprosa nicht allzu hoch im Kurs steht. So berechtigt es auch sein mag, Literatur zu einer Hilfskraft der Einfühlung zu machen, um der Diversität der Lebenswelten gerecht zu werden, so wohltuend ist der Laserblick eines Jonas Lüscher, der unsere Gegenwart mit einem eisigen Sengstrahl analysiert.

Jonas Lüscher: Kraft. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2017. 237 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 15,99 Euro.