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Konzert:Stille als Stil

Die "Candelilla"-Sängerin Mira Mann stellt ihre erste Solo-EP vor

Mira, das kann im Spanischen "Blick" oder "Visier" heißen oder als direkte Aufforderung "schau!". Und auch wenn es am Ende vielleicht nur ein schöner, interkultureller Zufall ist: Vom Schauen, Anschauen, in die Augen blicken ist auf der Solo-Debüt-EP "Ich mag das" der Münchner Musikerin Mira Mann tatsächlich viel die Rede. Ums Hören und Berühren geht es auch, ganz elementare Dinge, um "Fehler, Träume, Angst und Liebe", wie es im Chorus des abschließenden Stückes "Einfach" heißt. Wenn man von einem Chorus wirklich sprechen kann. Klassische Popsongs gibt es nämlich nicht auf der EP, welche die als Sängerin und Bassistin der Münchner Noise-Band Candelilla bekannt gewordene Mann an diesem Mittwoch im Blitz im Rahmen des Theaterfestivals "Spielart" vorstellt, zusammen mit Ludwig Abraham, DJ Mira Sacher und weiteren Gästen.

Was es stattdessen gibt, sind Stimme und Computer, klackernde Beats und experimentelle Elektroniksounds, die zuweilen den Klang von Schlagzeug, Keyboard oder Synthesizer evozieren, aber dann doch wieder ins Unbenennbare ausbüxen. Ausgetüftelt hat sie Ludwig Abraham, der als Regisseur und Komponist am Staatstheater Darmstadt, dem Theater Bremen und den Münchner Kammerspielen gearbeitet hat und seit diesem Sommer Mitglied des neuen Ensembles am Schauspielhaus Zürich ist. Freie Rundfunk- und Theaterarbeiten hat er ebenfalls gemacht. Mira Mann wiederum ist nicht nur Musikerin, sondern auch DJ, Herausgeberin des Magazins Ultra Soft, Journalistin und Autorin und hat fünf Jahre lang als Bookerin in der Milla gearbeitet und dafür gleich dreimal den wichtigen deutschen Spielstätten-Programmpreis "Applaus" bekommen.

Ich mag das | Mira Mann © Thomas Gothier

Bei den leisen Tönen angekommen: Multitalent Mira Mann.

(Foto: Thomas Gothier)

Darüber hinaus hat die Münchnerin im Januar dieses Jahres beim Verlag Parasitenpresse den Band "Gedichte der Angst" veröffentlicht, mit Texten, in denen sie ihre im Sommer 2017 erhaltene Diagnose Multiple Sklerose verarbeitet. Von diesen Gedichten der Angst ist die beim österreichischen Label Problembär Records erschienene EP "Ich mag das" inspiriert. Aber nicht im Sinne einer direkten musikalischen Vertonung. Eher ist es so, dass die insgesamt sechs Stücke in Text und Musik auf Situationen, Stimmungen und einzelne Satzfragmente aus den Gedichten reagieren. Entwickelt wurden sie von Mann und Abraham in einem Studio in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs. Und obwohl sie dort teures Equipment um sich hatten, haben sie, so Mira Mann, ganz bewusst nur ein Mikrofon und den Computer von Abraham verwendet.

Reduktion heißt also die Devise. Einfachheit und Klarheit in der Form. Und tatsächlich heißt es im Stück "Ich spür' die Vibration": "Eigentlich will ich alles, das ist klar, ich bin groß verzweifelt und will den ganzen Aufbau nicht mehr." Mit Aufbau könnten Bass, Gitarre, Schlagzeug und die Verstärker bei Candelilla gemeint sein, aber vielleicht doch auch noch etwas mehr. Was die Lieder ebenfalls von Candelilla unterscheidet ist, dass Mira Mann die Texte nicht mehr wie früher in Noise-Punk-Manier schreit, sondern in relativ nüchternem Ton spricht oder wie bei "Alles wird gut" auch mal flüstert. Ansonsten sind die minimalistischen Texte den Candelilla-Lyrics gar nicht so unähnlich, und da sich Strukturen und Sätze wiederholen, könnte man durchaus von Strophen und Refrains sprechen. Andererseits hat das Wiederholen auch etwas von einem Vor und Zurück, einem sprachlichen Herantasten.

Die neue Stille, Reduktion, die konzentrierte Textarbeit, das sei, so Mira Mann, jedenfalls etwas, was sie aktuell sehr mag. Das Laute, das Schreien wie bei Candelilla vermisse sie dagegen nicht, und tatsächlich steht laut Mann aktuell noch immer nicht fest, ob und wie es mit der Münchner Noise-Band weitergehen wird. Seit etwa zwei Jahren machen Candelilla eine Kreativpause und die vier Musikerinnen gehen alle eigenen Projekten nach. Für Mira Mann folgen nach dem Auftritt im Blitz und den bereits vergangenen Konzerten mit Andreas Spechtl in Berlin und der Münchner Band Fazer beim Überjazz Festival in Hamburg zunächst noch mal zwei Auftritte am 23. und 24. November in Nürnberg und in Wien. Darüber hinaus hat sie im Sommer einen neuen Gedichtband fertig gestellt, der, so hofft sie, im nächsten Jahr herauskommt. Und alles andere wird man dann sehen.

Mira Mann: Ich mag das (Problembär Records), live am Mittwoch, 6. Nov., 21 Uhr, Blitz, Museumsinsel 1