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"Kajillionaire" im Kino:Das häusliche Glück in der Schaumfabrik

Kajillionaire Miranda July Kino

Die Hauptfigur von "Kajillionaire" ist einsam, aber von Tristesse ist dank Miranda Julys Hang zur Exzentrik wenig zu spüren.

(Foto: dpa)

Nach neun Jahren kommt endlich ein neuer Film der Künstlerin Miranda July ins Kino: "Kajillionaire" ist ein Coming-of-Age-Movie für Erwachsene.

Von Doris Kuhn

Es ist eine seltsame Truppe, die man hier kennenlernt. Finstere Mienen, zu große Klamotten, Haare unberührt von Menschenhand stehen drei Personen an einer Bushaltestelle in Los Angeles, wie alle, die zu wenig Geld haben. Die Bushaltestelle allerdings ist Tarnung. Ziel ist die dahinterliegende Post, dort räumen sie, mit ausgeklügeltem Zeitplan, ein Postfach unauffällig aus. Die Beute: ein Kuscheltier und eine Krawatte.

Viel Aufwand, wenig Erfolg - das wird das Merkmal dieses Trios bleiben, das sich als Familie von Trickbetrügern entpuppt. Debra Winger und eine extrem langhaarige Evan Rachel Wood spielen Mutter und Tochter, den Vater gibt der umwerfende Richard Jenkins. Alles machen diese drei zusammen. Sie klauen, wo man klauen kann, sie fälschen Schecks mit geringen Beträgen, sie legen diejenigen rein, die auch kaum Geld haben, aber mehr Gutgläubigkeit. Wobei die Eltern ihre Zusammenarbeit interessant interpretieren: Es ist die Tochter, die jedes Mal losziehen muss, um die riskanten oder die demütigenden Betrügereien durchzuführen. Das fällt ihr schwer, denn sie hat Mitgefühl - aber sie gehorcht, den Eltern gern zu Willen.

"Abschöpfen" nennt das der Vater. Er glaubt nicht an die große kriminelle Idee, sondern an Faulheit, getarnt als antikapitalistisches Lebensmodell. Er wolle sich nicht zum Konsum verführen und dann lebenslang ausbeuten lassen, tönt er einmal, er stehe jenseits der Gesellschaft. Passend dazu wohnt die Familie auch in einer Schaumfabrik, in der feuchte rosa Blasen die Wand hinunter rinnen. Immer muss jemand wischen. Aber selbst für dieses Loch ist Miete fällig, und mit der sind sie im Rückstand.

Natürlich ist es wieder die Tochter, die das Geld beschaffen muss. Sie ist 26 Jahre alt und kennt nichts anderes als Hartherzigkeit. Bei jedem Gesprächsversuch schüchtern sie ihre Eltern ein, will sie sprechen, winkt Richard Jenkins nur zackig ab. Das reicht, um ihr das Wort zu verbieten. Diese junge Frau ist nie allein, aber ihre Einsamkeit füllt den ganzen Film. "Kajillionaire" ist auch eine Studie über Isolation und Liebesentzug. Wenn man so will, lässt sich die Wirkung von Lockdown oder Social Distancing an diesem Film ablesen, bis in die Details.

Andererseits ist von Tristesse wenig zu spüren. Mit größter Unschuld hofft die, den Eltern doch irgendwann eine Gefühlsregung abzuringen und jubelt dem Film damit einen widersinnigen, mitreißenden Optimismus unter. Sie denkt nicht daran, aufzugeben, stattdessen arbeitet sie am jeweils nächsten Coup - denn vielleicht wird es nach dem endlich Zuneigung geben. Gerade plant sie eine einträgliche Sache, die tatsächlich einen gemeinsamen Auftritt erfordert - schon glaubt sie an einen Ausflug ins Glück. Dazu kommt Miranda July als Regisseurin, deren ausufernde Fantasie dafür sorgt, dass die Story in Exzentrik abschwenkt, nicht in Depression.

Julys Filme sprechen Dinge aus, die Filme über Liebe sonst verschweigen

Zudem ist July Expertin für die Rettung aus Gefühlskatastrophen. Ihr Thema sind die Pannen der Kommunikation, egal ob zwischen Fremden oder zwischen Paaren, aber man lernt von ihr zuverlässig, dass der Schmerz vorbeigehen wird. Niemand sonst spendet so viel Trost im Independentkino, deshalb braucht man ihre seltenen Filme unbedingt. Sie hat bisher zwei gedreht, im Jahr 2005 "Ich und du und alle, die wir kennen", ein Debüt, das gleich die Goldene Kamera in Cannes abräumte, und "The Future" im Jahr 2011. Der erste versammelt vier problematische Beziehungen, der zweite mindestens drei, in beiden werden fast nur Dinge ausgesprochen, die Filme über Liebe sonst verschweigen, weil sie peinlich sind, oder zu schmerzhaft, oder eigentlich albern.

Solche Authentizität war schon immer das Geheimnis von Miranda July. Sie nimmt nur das Selbsterlebte, um das Publikum zu berühren. "It has to connect", sagt sie in einem Interview, man muss glauben können, was sie zeigt, weil man es von sich selber kennt. Dabei beschränkt sie sich nicht auf bewegte Bilder sondern schreibt Shortstories, Bücher, macht Performance-, Musik- oder Modeprojekte, sofort bereit, bei der nächsten Unternehmung ein anderes Format auszuprobieren.

Film war immerhin ihr Anfang, mit 21 in Portland, Oregon, weit weg von daheim. July sortierte sich zum Post-Punk-Feminismus der lokalen Riot Grrrls, hatte langweilige Jobs und eine Videokamera. Damit drehte sie kurze Stücke aus ihrem Leben, sie verteilte Zettel in der Stadt um andere Frauen anzustiften, das auch zu tun. Aus diesem "Big Miss Moviola" Projekt entstanden Sammel-Tapes voller Filme, mal mehr, mal weniger radikale Zeitzeugnisse, die später unter dem Namen "Joanie4Jackie" firmierten und mittlerweile im Getty Research Institute liegen. Außerdem führte die Idee zur Kommunikation mit Gleichgesinnten, die Einsamkeit nahm ab, die Langeweile ebenfalls.

Bizarr genug, dass man dauernd lachen oder weinen will

Die Kunst nahm zu. Miranda July wurde auf die Filmfestspiele von Venedig geholt, veröffentlichte im New Yorker, arbeitete für die Modehäuser Miu Miu oder Uniqlo. Auch ihre autobiografische Vorlage hat sich verändert, sie lebt inzwischen in Los Angeles, ist verheiratet, hat einen Sohn. Was vielleicht dazu führt, dass "Kajillionaire" kompakter ist als ihre früheren Filme. Bizarr genug, dass man dauernd lachen oder weinen will, aber man verpasst es jedes Mal, weil schon die nächste unerhörte Szene kommt.

Das härteste Kapitel führt mitten ins amerikanische Vorstadtklischee: Die Gauner haben eine neue Kumpanin, eine Frau im Alter ihrer Tochter, mit ihr verschaffen sie sich Zutritt zu den Häusern einsamer Menschen. In einem liegt ein Greis im Sterben, der durchaus merkt, dass neben seinem Schlafzimmer irgendetwas Ungutes passiert. Da er jedoch sowieso nichts ändern kann, bittet er die Eindringlinge, ihm einen familiären Alltag vorzuspielen. Die stellen bei der Suche nach Beute bereitwillig einen Soundtrack aus Klavierüben, Sportschau und Geschirrklappern her, der den alten Mann von jeder Furcht erlöst. So leicht lässt das häusliche Glück sich fälschen.

Melanie, der Neuzugang, verändert die Situation der ursprünglichen Truppe. Melanie will nur ein schnelles Abenteuer, sie steigt dann wieder aus. Aber sie ist der Beweis für eine Realität, in der die Menschen sensibel miteinander umgehen, das sprengt die Machtstrukturen innerhalb der Gaunerfamilie. Mit ihr weckt "Kajillionaire" nicht bloß Vergnügen, sondern Hoffnung - Miranda July bleibt ihren Prinzipien treu. Zum Glück.

Kajillionaire, USA 2020. Regie und Buch: Miranda July. Mit Evan Rachel Wood, Richard Jenkins, Debra Winger, Gina Rodriguez. Verleih: Universal. 104 Minuten.

© SZ/khil

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