Kino: "Harry Potter und der Halbblutprinz":Krieg und Flirten

Lesezeit: 3 min

Blutrünstig, brutal, pubertär: Der sechste Teil von "Harry Potter" ist eine Mischung aus mittelprächtigem Actionspektakel und Highschool-Melodram.

Susan Vahabzadeh

Es gibt nicht viel, was die Verfilmungen der Harry-Potter-Bücher tatsächlich über ihre Romanvorlagen erheben würde - außer dass man als Erwachsener jedesmal ein Rendezvous hat mit den großen Mimen der britischen Bühnen, der halben Royal Shakespeare Company, die man als Gelegenheits-Kinostars liebt und die die Potter-Produzenten sozusagen auf Jahre vom Markt weggekauft haben: Dame Maggie Smith beispielsweise und der wunderbare Alan Rickman als Severus Snape.

Kino: "Harry Potter und der Halbblutprinz": Es wird pubertiert auf Teufel komm raus: Harry Potter (Daniel Radcliffe) und Ginny Weasley (Bonnie Wright ) müssen nicht nur mit Todessern zurechtkommen, sondern auch mit ihren Hormonen.

Es wird pubertiert auf Teufel komm raus: Harry Potter (Daniel Radcliffe) und Ginny Weasley (Bonnie Wright ) müssen nicht nur mit Todessern zurechtkommen, sondern auch mit ihren Hormonen.

(Foto: Foto: ddp)

Diesen Severus, Professor für Zaubertränke, verdächtigt Harry, ein Jünger Voldemorts zu sein, und er kann nicht verstehen, warum der Hogwartsdirektor und Oberzauberer Dumbledore Severus vertraut. In "Harry Potter und der Halbblutprinz" tut Severus Snape Dinge, die selbst Harrys Phantasie überfordern, Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter) hat Severus zu einem Pakt überredet. Aber wie der Handlungsstrang um diesen Mann in Teil sieben sich dann auflösen wird - das hätte man eigentlich wissen müssen, als Alan Rickman, der König der noblen Gesten, die Rolle das erste Mal spielte, 2001, im ersten "Potter"-Film. Das war vier Jahre, bevor Joanne K. Rowling Band 6, den "Halbblutprinzen", geschrieben hat, gar nicht zu reden vom alles erklärenden Band 7. Das ist eigentlich eine sehr schöne Vorstellung: Dass Rickman seine Papiervorlage mit Leben und Charisma und Schicksal erfüllt hat.

Der Rest von Potter Nr. 6 ist eine Mischung aus mittelprächtigem Fantasyactionspektakel und Highschool-Melodram. Die Jung-Stars Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint sind herangewachsen, und mit ihnen ihre Figuren. Es wird pubertiert auf Teufel komm raus, blödsinnig gelitten unter der ersten Liebe. Ron Weasley schleppt die Schulschlampe ab, obwohl Hermines Herz nur noch für ihn schlägt; und auch der junge Potter folgt seinen Hormonen. "Flirty Harry" nannten die englischen Boulevardzeitungen bislang einen ihrer Prinzen, aber jetzt passt's auch hier. Ansonsten geht der Kampf zwischen guten und bösen Zauberern in die nächste Runde. Es herrscht Krieg in Hogwarts.

Harry wird von Dumbledore gebeten, sich um die Gunst des neuen - und schon früheren - Zaubertrank-Professors (Jim Broadbent) zu bemühen, da der aus seiner ersten Amtszeit Erinnerungen an den jungen Voldemort hat. Da kommt das Denkarium aus Dumbledores Trickkiste zum Zug: Kleine Fläschchen mit Erinnerungen, die man in Wasser gießt und dann sehen kann. Bahnbrechend ist dieser Effekt nicht , im Kino nennt man das Rückblende. Das mag Kinder nicht stören, aber man kann natürlich den ganzen Film für eine Denkariumsitzung halten: Die tosenden Wassermassen aus dem Computer, die Quidditch-Spiele, der junge Voldemort, der aussieht wie aus einem anderen Film ("Das Omen"), und Helena Bonham Carter, die inzwischen so oft in Filmen in ihrem viktorianischen Hexenoutfit aufgetreten ist, dass man sich fragt, ob sie es auch privat trägt. Dafür werden die Kämpfe immer brutaler, blutrünstiger und tödlicher.

Man kann immer argumentieren, dass die ganze Potter-Reihe so weltfremd ist, dass das fast nichts macht, dass die Zauberer und ihre Lehrlinge mit uns nur ihre Sterblichkeit gemein haben; nicht mal die Muggel sind so richtig menschlich. Aber das Verhältnis von Hogwarts zur Wirklichkeit wird eigentlich immer seltsamer, je weiter die Geschichte fortschreitet. Es herrscht also Krieg im sechsten Teil - ein Kampf, der manchmal merkwürdige Assoziationen zum realen Krieg gegen den Terror evoziert.

Wenn Hogwarts verriegelt und verrammelt wird und die Schülertaschen durchsucht, beispielsweise. Warum eigentlich können die Zauberlehrlinge sich selbst unsichtbar machen, aber nicht die verbotenen Gegenstände, die sie im Handgepäck mitführen? Es kommt einem vor, als spielte das alles in einem reaktionären, viktorianischen Paralleluniversum, einem Zerrspiegel, in dem einem zwar manchmal die Dinge bekannt vorkommen, die Gesetze der Logik aber außer Kraft gesetzt sind. Darüber, ob solche Verquickungen harmlos sind und kindertauglich, kann man streiten.

Die Potter-Filme öffnen sich für Zaungäste dabei immer weniger - wer im Potter-Universum mitkommen will, muss in die Materie eingearbeitet sein. Nun ist es ja durchaus möglich, Figuren so zu etablieren, dass ein Neuankömmling sie versteht und der hartgesottene Fan sich trotzdem nicht langweilt; aber so kunstvoll sollen die Potter-Filme gar nicht sein. Sie sollen in Bibeltreue J.K. Rowlings Wort verbreiten; mehr wird nicht verlangt, jedes künstlerische Eigenleben ist ihnen verboten, es schleicht sich höchstens ein. Ist auch das nicht eigentlich irgendwie reaktionär?

HARRY POTTER AND THE HALFBLOOD PRINCE, USA/GB 2009 - Regie: David Yates. Drehbuch: Steve Kloves. Nach dem Roman von Joanne K. Rowling. Kamera: Bruno Delbonnel. Mit: Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Michael Gambon, Alan Rickman, Helena Bonham Carter, Maggie Smith. Warner, 153 Minuten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB