Philosophie der Übersetzung:Stirn an Stirn mit der Welt

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Philosophie der Übersetzung: Übersetzung als Tanz: Tim Etchells Installation "All we have is words, All we have is worlds" in Athen, 2016.

Übersetzung als Tanz: Tim Etchells Installation "All we have is words, All we have is worlds" in Athen, 2016.

(Foto: Giorgos Georgiou/picture alliance / NurPhoto)

Man vergisst oft, was es bedeutet, zu übersetzen. Kate Briggs und Uljana Wolf denken zum Glück trotzdem darüber nach. Ihre Bücher gehören zu den großen Besonderheiten des Jahres.

Von Insa Wilke

Als Amanda Gormans Gedicht "The Hill We Climb" Anfang des Jahres in deutscher Übersetzung erschien, machte sich die halbe Republik auf zu einem beliebten Gesellschaftsspiel: Finde die Fehler. Kaum jemand fragte damals, Anfang 2021, was man eigentlich verpasst, wenn man nur auf Fehlersuche durch diese oder andere Übersetzungen schnürt, ohne jedes weitere Erkenntnisinteresse, und welche Wahrheiten sich womöglich auch in Fehlern verbergen. Antworten auf diese Frage findet man in den Büchern der britischen Übersetzerin Kate Briggs und von Uljana Wolf, einer der wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Dichtung. Es geht um Texte, die vom Übersetzen handeln. Und so überraschend das klingen mag: Sie gehören ins Umfeld der Versuche, Gesellschaft anders zu denken.

"This Little Art" ist in der deutschen Übersetzung von Sabine Voß im Independent Verlag INK Press erschienen, eine funkelnde, anregende Schrift zwischen Memoir und unterhaltendem literaturphilosophischen Essay, der Übersetzerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts würdigt. Es ist Kate Briggs' erstes eigenes Buch. Die Engländerin lebt und unterrichtet in Rotterdam. Sie hat Texte von Michel Foucault und Roland Barthes ins Englische übersetzt. Für "This Little Art" wurde sie in diesem Jahr mit dem Windham Campbell Prize ausgezeichnet, einem der weltweit höchst dotierten Literaturpreise.

Philosophie der Übersetzung: Kate Briggs: This Little Art. Essay. Aus dem Englischen von Sabine Voß. Ink Press, Zürich 2021, 368 Seiten, 23 Euro.

Kate Briggs: This Little Art. Essay. Aus dem Englischen von Sabine Voß. Ink Press, Zürich 2021, 368 Seiten, 23 Euro.

2017 in London erschienen, bezieht sich Briggs natürlich noch nicht auf Gorman und die europäischen Debatten um gute Übersetzungen und verpasste Chancen. Uljana Wolf, die mit "Etymologischer Gossip" für das andere literarische Ereignis der Saison gesorgt hat, weist im Hintergrundgespräch aber auf eine 2018/2019 geführte Auseinandersetzung um Briggs' Buch hin, in der es um Machtstrukturen und Deutungshoheit in der US-amerikanischen Übersetzerszene ging. Weiß man darum, tritt noch deutlicher hervor, dass "This Little Art" ein Essay ist, der weit über die Arbeit des Übersetzens hinausweist. Briggs plädiert für eine Lebenseinstellung, schlägt eigentlich eine Ethik des Arbeitens, Lesens und Lebens vor, und zwar schon durch die Art, wie dieser Text geschrieben ist: als Einladung, einen anderen Blickwinkel als den der Wertung einzuüben.

Briggs schreibt nicht, möchte man meinen, sie tanzt. Sie denkt in der Schreibbewegung und das nicht allein, sondern mit einer Vielzahl anderer Stimmen ihres Metiers zusammen und sie macht das als Vorgang deutlich im Text, den sie klug zwischen zwei Polen organisiert: zum einen der Geschichte von Helen Lowe-Porters Diskreditierung, der ersten Thomas-Mann-Übersetzerin ins Englische. Zum anderen dem eigenen Verhältnis zum späten Roland Barthes, mit dem sie sich das ganze Buch über unverhohlen im Zwiegespräch befindet, eine von vielen Liebesgeschichten, die "This Little Art" auch erzählt.

Briggs Buch beginnt mit einer bestechenden Szene, die den Pakt zwischen Übersetzerin und Leserin nicht nur illustriert, sondern performativ auf den Kopf stellt: Wer eine Übersetzung liest, zum Beispiel die von "This Little Art", erklärt sich einverstanden mit der Fiktion, "Kate Briggs" und nicht "Sabine Voß" zu lesen. Die Leserin überspringt das Moment der Differenz. Die Übersetzerin gebe die dienende "Kammerzofe", stehe "Stirn an Stirn mit der Welt, der sie atemlos und bitterernst ins Gesicht sagt: Schau Welt, ich mache das nur für dich."

Philosophie der Übersetzung: Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden. Kookbooks Verlag, Berlin 2021, 232 Seiten, 22 Euro.

Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden. Kookbooks Verlag, Berlin 2021, 232 Seiten, 22 Euro.

Briggs fragt: "Läuft es so?" Voß schreibt im Nachwort, Übersetzen bedeute, Gewissheiten aufzulösen. Briggs/Voß schreiben vom "rasenden Herzschlag" der Übersetzerin bei der Arbeit. Sie schreiben mit Barthes vom Begehren, sich als Lesende in eine Schreibende zu verwandeln. Und sie schreiben vom Status eines übersetzten Textes, wenn er als solcher ins Bewusstsein der Kritikerin, der Leserin tritt: Der Ausruf "Dies ist eine Übersetzung!" verändere die Leseweise, schaffe eine unhinterfragte zeitliche und hierarchische Beziehung zwischen Original und Übersetzung.

"Es ist leicht, nicht über das Übersetzen nachzudenken", heißt ein Refrain in "This Little Art". Das habe vor allem damit zu tun, wie Übersetzungen üblicherweise den Leserinnen und Lesern präsentiert werden. Im deutschsprachigen Raum sind es wenige Verlage wie mare, Guggolz und eben INK Press, die Übersetzerinnen und Übersetzer vorne auf den Umschlägen nennen. In Rezensionen wird ihre Leistung selten beschrieben. Briggs beklagt das aber weniger, sondern bemerkt, dass Übersetzerinnen offenkundig nicht als Subjekte mit einem Kontext existieren und gelesen werden. Was verpasst man dadurch?

Man verpasst eine epochale Möglichkeit. Das wird deutlich, wenn man Uljana Wolfs Buch "Etymologischer Gossip" liest. Es versammelt Essays und Reden aus den vergangenen fünfzehn Jahren, die Wolf für diese Ausgabe überarbeitet und in ihrer Gesamtheit so komponiert hat, dass sich verschiedene Formen zu einem poetisch-ethischen Buch fügen, einer subtilen intellektuellen, ästhetischen und politischen Autobiografie, einem Vorschlag, anders zu denken und anders zu handeln. Von "Übersetzung als Widerstand" schreibt Wolf in ihrem Buch und erklärt im Gespräch, beim literarischen Schreiben wie beim Übersetzen sei es nötig, "alle Sprachen der Welt im Kopf zu haben", auch wenn man sie nicht spreche, um so "eine Art poetic of relation, eine Poetik der Beziehung zu praktizieren".

Eine "Übung in Zartgefühl" nennt Briggs ihre Vorstellung vom Lesen und Übersetzen

Genau dieses Denken in Beziehungen, das sich auf die Philosophie von Édouard Glissant beruft, ist es, das man als Leser verpasst, wenn man sich nur damit aufhält, den "offensichtlichen Fehler aufzuspüren und zu untersuchen", nicht aber "das Ganze" zu beachten, wie Briggs Helen Lowe-Porter zitierend verlangt. Wer nur nach Fehlern sucht und dann triumphierend in der Buchhandlung steht, ist blind für dieses Ganze, für sich selbst im Gefüge der Beziehungen und die historischen und kulturellen Bedingungen einer Übersetzung. Eine "Übung in Zartgefühl" nennt Briggs mit ihrem Kollegen David Horton ihre Vorstellung vom Lesen und Übersetzen im Gegensatz zu solcher Blindheit.

"Zartgefühl" meine auch "die Kunst, nicht alle Gegenstände gleich zu behandeln". Uljana Wolf praktiziert dieses Zartgefühl in ihrem Buch sehr viel strenger als Kate Briggs. Der Horizont ihrer Schreibweise und Lesart ist weiter und führt doch zu so spielerischen, aber eben auch sofort erhellenden Sätzen wie diesem: "Wiegenlieder sind Arbeitslieder am Schallrand der Sprache."

"Etymologischer Gossip" setzt eine Zäsur, was das Zusammendenken von Leben und Schreiben, von Ethik und Poetik angeht. Ein eigentlich kurzes, aber zentrales Kapitel ist "Zong!" gewidmet, einem 2008 von der karibisch-kanadischen Dichterin M. NourbeSe Philip veröffentlichtes Buch, das Wolf als einen "der einflussreichsten und bedeutendsten englischsprachigen Gedichtbände der letzten Jahre" bezeichnet. "Zong!" lege Zeugnis ab von einem Massaker, das 1781 an Bord des gleichnamigen Schiffs an etwa 150 versklavten Menschen verübt wurde, um die Versicherung zu betrügen. Eine Gerichtsakte dokumentiert den Fall, in der "das unermessliche Rasen des Nichtgesagten" eingeschlossen sei. Uljana Wolf beschreibt, wie Philip versucht, durch die Anordnung der Worte auf der weißen Seite einen Atem-Raum zu schaffen, der den Toten der Zong, deren ihr Text gedenkt, verwehrt wurde.

Eine Übersetzung kann einen Text auch für eigene Zwecke instrumentalisieren

Auch Wolfs Buch, wie das von Briggs, ragt in eine weiter reichende Debatte hinein: Am 20. September veröffentlichte M. NourbeSe Philip auf ihrer Facebook-Seite einen langen Text, in dem sie ihre Anfang des Monats veröffentlichte Forderung erklärt, die italienische Übersetzung von "Zong!" zu vernichten. Der Hintergrund: Im Juni hatte der italienische Verlag Benway Series zwar rechtmäßig, aber von der Autorin unautorisiert "Zong!" in der Übersetzung der Dichterin Renata Morresi veröffentlicht. So berichtet es Philip.

In dieser Konstellation und bei einem so komplizierten und existenziellen Projekt wie "Zong!" übergangen worden zu sein, ist das eine. Schwer wiegt für M. NourbeSe Philip aber vor allem, dass Morresi die Organisation des Textes verändert habe, ihm den Atem-Raum genommen hat. Morresi gab zudem zu, "Zong!" im Kontext der Migrationsdebatte in Italien zu sehen, also das Buch für europäische Zwecke zu instrumentalisieren.

"Form hilft dem Denken sich zu erinnern", schreibt Wolf. "Nur so bleibt das Denken dringend." In ihrer Erklärung, warum sie "Zong!" nicht "einfach" übersetzt habe, schreibt Wolf: Ihr stehe, wenn sie sich ihre Position als weiße Mitteleuropäerin bewusst mache, nicht das Recht zu, die Rituale der "zungenredenden Ahnenschrift" Philips nachzuahmen. Mit anderen Worten: Es geht auch hier darum, sich in Beziehung zu setzen zum Text, zu seiner Sprache und den darin Sprechenden. Es gehe darum, einen Weg zu finden, "den Text sichtbar zu machen durch behutsames unübersetzen." Das Gegenteil von Morresis Verfahren.

Die beste Übersetzung ist immer brutal, weil sie andere Worte auslöscht

So, wie es leicht ist, nicht über das Übersetzen nachzudenken, so leicht wäre es, eine solche Genauigkeit für übertrieben zu halten. Ist sie das? Wer seine Beziehungen zu Sprachen und literarischen Werken und ihren Übersetzungen so reflektiert wie Uljana Wolf, läuft nicht Gefahr, seine Deutungshoheit an der Kasse einer Buchhandlung verteidigen zu müssen. Wer so denkt, lernt wie Wolf mit Ilse Aichinger, dass Fehler dazu führen können, dass die "Sprache Falten schlägt, die zu neuen Falten führen". Lernt, was es eigentlich heißt, die "beste" Übersetzung zu finden: "Um das Beste zu sein, muss es brutal sein - gute Worte oder Sprachen sind nur gut, weil sie andere Worte ausgelöscht haben, eben jene 'schwächeren Möglichkeiten'".

Von Uljana Wolf wiederum kann man lernen, wie "gegendefinitorische Unterwanderungsarbeiten des nomadischen Denkens" aussehen könnten. Und auch, dass "biografisch-nomadische Ereignisse" sie nicht per se möglich machen. Beide, Kate Briggs und Uljana Wolf, befragen die Bedingungen der Sprach- und Subjektwerdung auf eine Weise, dass man plötzlich zuversichtlich meint: Es wäre gar nicht so schwierig, sich gemeinsam neu zu denken. Mit Ungenauigkeit, Subjektivismus oder Qualitätsverlusten hat das rein gar nichts zu tun. Das Gegenteil ist der Fall, versteht man nach der Lektüre dieser beiden Bücher: "Let's dance!"

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