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Karl Ove Knausgårds Roman "Kämpfen":Reklame findet überall statt, und jeder tut, als wäre sie unwichtig

Und es ist ein eigenes Gefühl, zu erleben, wie das weiße Pulver Marke Ajax, benässt, gelb wird. Speziell dieses letzte Detail geht Knausgård mit einer Furchtlosigkeit an, die sich erst auf den zweiten Blick offenbart: Denn es heißt indirekt, die Macht der Reklame einzugestehen, die uns was davon vorfabelt, dass sich hier die Kraft der Zitrone oder der Zauber eines Felds im Frühling entfalte. Wie kann Reklame funktionieren, wo doch jeder weiß, dass sie uns bloß was vormacht? Knausgårds Antwort: so.

Damit aber rührt er, so unscheinbar der Ort sein mag, wo es geschieht, an eine unausgesprochene Konvention der Gesellschaft. Sie besteht darin, dass zwischen wirklichen und unwirklichen Bereichen unterschieden wird, genauer gesagt, zwischen Dingen, deren Wirkung man anerkennt, und solchen, deren Wirkung man auf symbolische Bezirke eingrenzt, wo sie angeblich keinen Schaden anrichten.

Reklame findet überall statt, und jeder tut, als wäre sie unwichtig, als hätte sie keinerlei Einfluss auf sein Fühlen und Handeln. Aber das stimmt nicht. Damit ist der Übergang angebahnt vom Scheuerpulver zur Propaganda der Nazis, die angeblich auch niemand ernst genommen hat, von der Werbung zur Gewalt.

Statt sich über die Gewaltexzesse in Computerspielen und Actionfilmen aufzuregen, merkt Knausgård an, was für eine erstaunliche Leistung der Gesellschaft es sei, dass sie solche Gewalt wie einen Flaschengeist ins Vakuum der virtuellen Welten bannt, eine Leistung, die mit geradezu schizophrener Energie aufrecht erhalten wird, da sie nicht die Ebene der Bewusstheit erreichen darf.

So nimmt die Fassungslosigkeit, die Knausgård wie alle seine Landsleute angesichts des Anschlags von Utøya empfindet, eine verblüffende Wendung: Vielleicht war der Massenmörder Anders Breivik, hinter all seiner Verblendung, letztlich bloß ein Mensch, der diese Schizophrenie nicht mehr aushielt und infolgedessen nicht so sehr etwas tat, als dass er jenem Sog erlag, der die Druckverhältnisse der beiden getrennten Räume ausglich.

Pharisäischer, als es Gesellschaften im allgemeinen zu sein pflegen

Auf solchen Wegen gelangt das Projekt der Wahrhaftigkeit zu einer Originalität des Denkens und Fühlens, die Knausgård so wenig anstrebt wie literarischen Stil, die sich aber dank seiner Beharrlichkeit wie von selbst ergibt.

Immer wieder passiert es, dass die bequem vorausgesetzten Grenzlinien bei genauer Betrachtung zu verschwinden beginnen und ein weit komplexeres und ambivalenteres Bild entsteht.

Die norwegische und die schwedische Gesellschaft, zwischen denen Knausgård pendelt (er lebt heute in Schweden), sind offenbar noch pharisäischer, als es Gesellschaften im allgemeinen zu sein pflegen. Der Pharisäer scheidet scharf zwischen sich und den anderen, zwischen gut und böse - eine Scheidung, durch die sich vorab das Böse ins Gute einschreibt.

Verschiedene Bedeutungen des Wortes "gut"

Auch Knausgård selbst möchte zu den anständigen Menschen gehören, etwas, das in Skandinavien niemandem erlassen wird, und verzweifelt daran, wenn er sich die wütenden Attacken der von ihm porträtierten Familienmitglieder und Weggenossen anhören muss.

Doch eben in seiner Zerknirschung wird spürbar, dass es jenseits solchen Anstands noch etwas anderes gibt. In geradezu rührender Weise ruft er aus (es geht um seinen Vater): "Es war kein guter Roman, aber er hatte auch kein gutes Leben geführt."

Hier gehen verschiedene Bedeutungen des Wortes "gut" durcheinander: Das Leben des Vaters, der als Alkoholiker eines hässlichen Todes starb, war ein missratenes: es ist ihm nicht gut gegangen. Das Buch jedoch, das es festhält, hat in seiner Schonungslosigkeit gegen das Gute als moralisches Prinzip verstoßen. Dass es gerade darin ein gutes Buch geworden sein könnte, nämlich im Gegensatz zu einem schlechten, scheint seinem Verfasser - und das ist gewiss sein sympathischster Zug - gar nicht einzufallen.

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