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"Kafkas Prozeß" am Berliner Ensemble:Häufiger Blick ins Publikum

Die Schwaden im Zuschauerraum verdichten sich in den pausenlosen zwei Stunden. Der Herr in der zehnten Reihe träumt von einer Inszenierung, die Kafkas Roman im Handstreich erobert - wie dereinst die von Andreas Kriegenburg an den Münchner Kammerspielen -, statt ihn nur nachspielen zu wollen. Man könnte zum Beispiel nur die Pantomime aus dem Roman herausziehen, ihn in ein wortloses Theater der Gesten verwandeln. Die Prügel- und Folterszenen müssten herausstechen.

Im Berliner Ensemble hat der Regisseur und Hausherr Claus Peymann, wenn er die Figuren zu Straßenlärm unter Regenschirmen choreografiert, zwar offenkundig das Bildertheater Robert Wilsons im Kopf. Aber zugleich das epische Theater Brechts. Und das versteht er ganz wörtlich.

Peymann holt die Erzählerstimme aus dem Roman auf die Bühne, lässt ihre Sätze mal vom Ensemble sprechen, mal von den Figuren selbst. Als Josef K. am späten Abend des Tages seiner Verhaftung das aus dem Theater heimkehrende Fräulein Bürstner bedrängt, sagt Veit Schubert: "Beide sahen einander das erste Mal in die Augen." Er schaut dabei aber nicht Laura Tratnik als müde-kokettes Fräulein Bürstner an, sondern ins Publikum. Er blickt überhaupt oft ins Publikum. Er ist nicht nur Kafkas Josef K., er spielt auch Brechts Verfremdungseffekt.

Der Mann in der zehnten Reihe träumt: Was, wenn das Theater den Mut hätte, den Erzähler von Kafkas Roman leibhaftig auf die Bühne zu bringen, diese rätselhafteste aller Romanfiguren, die es an Undurchschaubarkeit mit dem Gericht und den Aktenlabyrinthen lässig aufnehmen kann? Veit Schubert müsste dann am Ende nicht nur die Stühle zusammenschieben zu dem Verhau, in dem er getötet wird. Er müsste von dem Sog der Prosa umgeben sein, sich im Mäandern der bei aller Klarheit des Satzbaus schlingpflanzenhaften Wortstränge verfangen wie in einer Falle.

Ohne Prosa verlieren die Dialoge an Abgründigkeit

Jutta Ferbers hat aber ihre Textfassung unter dem Titel "Kafkas Prozeß" einer anderen Idee unterstellt: gekürzte Dialogpassagen mit knappen Zitaten der Erzählerstimme zu durchsetzen, Kapitel für Kapitel das Handlungsgerüst nachzubauen. Die Idee klingt plausibel: Ist nicht der Dialog die Brücke vom Roman zum Theater? Nein. Bei Kafka nicht. Ohne die irritierenden Seitenblicke der monströsen Prosa, in die sie eingebettet sind, verlieren die Dialoge an Abgründigkeit.

Die Schwaden haben sich ein wenig verzogen, wenn gegen Ende der große alte Jürgen Holtz als Geistlicher die Legende "Vor dem Gesetz" vorträgt. Er macht das großartig. Es wäre traumhaft, wenn die Flöhe im Pelzmantel des Türhüters dabei nicht gestrichen wären.

© SZ vom 16.06.2014

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