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"Kafkas Prozeß" am Berliner Ensemble:Jemand muss Josef K. vernebelt haben

"Kafkas Prozeß" am Berliner Ensemble

Veit Schubert (vorn) als Josef K. in "Kafkas Prozeß" am Berliner Ensemble.

(Foto: dpa)

Dicker Theaterdunst: Claus Peymann inszeniert am Berliner Ensemble Kafkas Roman "Der Prozeß" in einer Fassung von Jutta Ferbers. Ohne die monströse Prosa Kafkas verlieren die Dialoge allerdings an Abgründigkeit.

Vielleicht liegt es an dem Dunst, den ein verborgenes Gebläse über die Bühne legt. Er breitet sich in den Zuschauerraum hinein aus und mischt sich mit dem Rauch der Zigarre, die Josef K. sich angezündet hat. Einige husten. Eine schöne Dame reibt sich die Augen. Einige träumen.

Vorne auf der Bühne dreht sich die Bürouhr rasch vorwärts und wieder zurück. Der Schauspieler Veit Schubert, weiß geschminkt, mit schwarz umrandeten Augen und verstärktem Lippenrot, ist schon tief in seinen Prozess verstrickt. Aufgewacht ist er im heiteren weißen Sommeranzug, längst trägt er den schwarzen Rock des Angeklagten. Wie eine Nachricht im Telegrafenbüro oder eine Aktennotiz wurden zu Beginn die Sätze in Maschinen gehackt, die Kafkas Roman "Der Prozeß" eröffnen: "Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."

Über die mit Nummern versehenen schwarzen Stühle, die sich mal zu den Reihen eines Großraumbüros formieren, mal das Interieur im Haus der Frau Gruber, der Wirtin Josef K.s, bilden, hat der Bühnenbildner Achim Freyer ein Gestell mit Neonlampen gehängt, das herunterfahren und zur niedrigen Decke werden kann, unter die sich die Mitangeklagten ducken, während Josef K. seine vollkommen aussichtslose Rede gegen das Gericht hält.

Lange schon sind die Romanfiguren Franz Kafkas auf der Bühne und im Film angekommen, schon Max Brod hat Dramatisierungen von "Das Schloß" und "Amerika" erstellt, André Gide für Jean-Louis Barrault eine Bühnenadaption des "Prozeß" verfasst.

Sie wollen nicht nur Schatten der Romanfiguren sein

Hier, im Berliner Ensemble, lassen die Schauspieler keinen Zweifel daran, dass sie Theaterfiguren sein wollen, geschminkte Masken einer totentanzartigen Farce, nicht nur Schatten der Romanfiguren.

Sie sprechen demonstrativ theatralisch, Swetlana Schönfelds Frau Grubach ist das Klischee einer resolut-sentimentalen Wirtin, Norbert Stöß gibt als Onkel des Franz K. die Parodie eines Stationsvorstehers, Martin Schwab als Advokat Huld zelebriert im Rollstuhl seine Macht über den Angeklagten Block, und Marina Senckel als Leni drängt sich sehr leibhaftig dem Angeklagten Josef K. auf und hat sogar tatsächlich das Häutchen zwischen Ring- und Mittelfinger der rechten Hand, von dem im Roman die Rede ist. Warum wirkt, was sie im Einzelnen so gekonnt spielen, so harmlos im Ganzen, bei allem Bemühen um Moritat und Groteske so verzagt?

Häufiger Blick ins Publikum

Die Schwaden im Zuschauerraum verdichten sich in den pausenlosen zwei Stunden. Der Herr in der zehnten Reihe träumt von einer Inszenierung, die Kafkas Roman im Handstreich erobert - wie dereinst die von Andreas Kriegenburg an den Münchner Kammerspielen -, statt ihn nur nachspielen zu wollen. Man könnte zum Beispiel nur die Pantomime aus dem Roman herausziehen, ihn in ein wortloses Theater der Gesten verwandeln. Die Prügel- und Folterszenen müssten herausstechen.

Im Berliner Ensemble hat der Regisseur und Hausherr Claus Peymann, wenn er die Figuren zu Straßenlärm unter Regenschirmen choreografiert, zwar offenkundig das Bildertheater Robert Wilsons im Kopf. Aber zugleich das epische Theater Brechts. Und das versteht er ganz wörtlich.

Peymann holt die Erzählerstimme aus dem Roman auf die Bühne, lässt ihre Sätze mal vom Ensemble sprechen, mal von den Figuren selbst. Als Josef K. am späten Abend des Tages seiner Verhaftung das aus dem Theater heimkehrende Fräulein Bürstner bedrängt, sagt Veit Schubert: "Beide sahen einander das erste Mal in die Augen." Er schaut dabei aber nicht Laura Tratnik als müde-kokettes Fräulein Bürstner an, sondern ins Publikum. Er blickt überhaupt oft ins Publikum. Er ist nicht nur Kafkas Josef K., er spielt auch Brechts Verfremdungseffekt.

Der Mann in der zehnten Reihe träumt: Was, wenn das Theater den Mut hätte, den Erzähler von Kafkas Roman leibhaftig auf die Bühne zu bringen, diese rätselhafteste aller Romanfiguren, die es an Undurchschaubarkeit mit dem Gericht und den Aktenlabyrinthen lässig aufnehmen kann? Veit Schubert müsste dann am Ende nicht nur die Stühle zusammenschieben zu dem Verhau, in dem er getötet wird. Er müsste von dem Sog der Prosa umgeben sein, sich im Mäandern der bei aller Klarheit des Satzbaus schlingpflanzenhaften Wortstränge verfangen wie in einer Falle.

Ohne Prosa verlieren die Dialoge an Abgründigkeit

Jutta Ferbers hat aber ihre Textfassung unter dem Titel "Kafkas Prozeß" einer anderen Idee unterstellt: gekürzte Dialogpassagen mit knappen Zitaten der Erzählerstimme zu durchsetzen, Kapitel für Kapitel das Handlungsgerüst nachzubauen. Die Idee klingt plausibel: Ist nicht der Dialog die Brücke vom Roman zum Theater? Nein. Bei Kafka nicht. Ohne die irritierenden Seitenblicke der monströsen Prosa, in die sie eingebettet sind, verlieren die Dialoge an Abgründigkeit.

Die Schwaden haben sich ein wenig verzogen, wenn gegen Ende der große alte Jürgen Holtz als Geistlicher die Legende "Vor dem Gesetz" vorträgt. Er macht das großartig. Es wäre traumhaft, wenn die Flöhe im Pelzmantel des Türhüters dabei nicht gestrichen wären.

© SZ vom 16.06.2014

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