Juden und Muslime in Frankreich:Halt in klaren Gewissheiten

Frankreich ist jenes Land Europas mit den meisten Juden (geschätzte 500 000) und den meisten Muslimen (fünf Millionen). Beide Gruppen stammen mehrheitlich aus den französischen Ex-Kolonien in Nordafrika und leben oft noch in den gleichen Vierteln. Das ging eine Zeitlang gut: Früher, als es noch wenige Halal-Restaurants gab, besuchten Muslime oft koschere Wirtshäuser, weil die jüdischen Nahrungsvorschriften denen des Islams ähneln.

In vielen Fällen haben sich unter den älteren Einwanderern Freundschaften erhalten. Und wenn es früher zu Straßenschlachten zwischen tunesischen Juden und Muslimen kam, wie während des Sechstagekriegs 1967 im Pariser Migrantenviertel Belleville, dann standen sich zahlenmäßig vergleichbare Gruppen junger Männer gegenüber, die schließlich vom Pariser Oberrabbiner und dem tunesischen Botschafter gemeinsam beruhigt wurden.

Juden sind inzwischen eine weit unterlegene Minderheit

Aber inzwischen sind die Juden in diesen Vierteln eine weit unterlegene Minderheit, ihr Einwandererstrom ist versiegt, während die Mehrheit der Muslime zusehends wächst. Die prekären Arbeitsverhältnisse und die Job-Krise haben das soziale Gefüge zerrüttet, die religiöse Radikalisierung hat einen Teil der muslimischen Jugend ergriffen. Die jüdischen Nachbarn mussten sich, wenn sie nicht wegzogen, auf Gelegenheitsübergriffe einstellen. Mal werden sie auf dem Weg zur Synagoge angespuckt, mal wird ein jüdischer Schulbus mit Steinen beworfen, mal prasseln auf einen jüdischen Kindergarten schwere Gegenstände aus umliegenden Hochbauten, sodass die Kinder nicht mehr im Hof spielen dürfen. Die Täter sind fast ausnahmslos junge Muslime.

Aber auch das nach außen hin prägende Erscheinungsbild der jüdischen Gemeinschaften hat sich gewandelt. Mit einer augenzwinkernden Mischung aus jüdischer Alltagsfrömmigkeit und mediterraner Lebensfreude hatten die ersten Generationen der Juden aus Tunesien beispielsweise Belleville zu einem pulsierenden attraktiven Viertel für junge Pariser gemacht. Die Begegnung mit diesem ungenierten Judentum war Balsam für die eher vorsichtigen europäisch-stämmigen jüdischen Familien, die den Holocaust überlebt hatten. Aber inzwischen, als Reaktion auf oder parallele Entwicklung zur Hyperkonfessionalisierung der Muslime, wurde ein beträchtlicher Teil der jüdischen Gemeinden von der ultrapietistischen Bewegung der Lubawitscher Chassiden erfasst.

Junge Juden wie auch Muslime suchen Halt in klaren Gewissheiten und strengen Regeln

Dass ausgerechnet eine Rigoristen-Bewegung, die auf eine aus der Ukraine stammende Rabbinerdynastie zurückgeht und seit dem Krieg aus New York ausstrahlt, bei jungen Juden aus nordafrikanischen Familien ungemein populär ist, mag paradox erscheinen. Es ist auch seltsam in Synagogen auf die Werke des deutschen Rabbiners Markus Lehmann zu stoßen, der sich im 19. Jahrhundert gegen das liberale Reformjudentum wandte und nach der Einführung der Orgel in der Mainzer Synagoge eine orthodoxe Separatgemeinde gründete.

Aber auch europäisch-stämmige Rituale können einen exotischen Charme ausüben, und die jungen Juden, denen die tunesischen Traditionen ihrer Eltern fremd geworden sind, suchen - wie ihre muslimischen Altersgenossen - Halt in einer übergreifenden Gemeinschaft, die Gewissheiten und strenge Anweisungen bietet.

Das hat aber auch Auswirkungen im Kern der französischen Zivilgesellschaft. Bis Ende der 90er-Jahre überwog dort Sympathie mit der jüdischen Minderheit. Aktivisten mit jüdischen Wurzeln waren und sind zahlenmäßig stark vertreten. Nun aber ist diese Szene stärker denn je irritiert durch die israelische Siedlungspolitik und die konfessionellen Sonderwünsche des sichtbarsten Teils der französischen Juden.

Viele Franzosen fürchten eine Unterhöhlung der säkularen Republik

Während muslimische Eltern fordern, man möge in Schulkantinen kein Schweinefleisch mehr servieren (was häufig de facto bereits geschieht), verweigern jüdische Studenten Prüfungen an allen jüdischen Feiertagen. Oft kommt es zu Arrangements, aber viele Franzosen, und darunter auch die nicht-orthodoxe Mehrheit der Juden, fürchten eine Unterhöhlung der säkularen Republik.

Im selben Ausmaß, wie sich junge Juden hinter strengen Ritualen verschanzten, zogen jüdische Eltern ihre Kinder aus öffentlichen Schulen ab, wo sie Angriffen ausgesetzt waren. Auch jüdische Lehrer suchten Schutz in den rund 700 konfessionellen jüdischen Schulen Frankreichs. Aber dort sind sie besonders gefährdet. Spätestens seit dem Anschlag des jungen Franko-Algeriers Mohammed Merah auf eine jüdische Schule in Toulouse 2012, bei dem drei Kinder und ein Lehrer aus nächster Nähe erschossen wurden, ist den Juden auch klar geworden, dass ihre Nahbereichs-Peiniger zu hochgerüsteten Attentätern werden können.

Die Brüder Chérif und Saïd Kouachi, die das Blutbad bei Charlie Hebdo verübten, absolvierten ihre islamistischen Lehrjahre in der Umgebung von Belleville, wo sie ursprünglich einen Angriff auf ein koscheres Restaurant geplant hatten, bevor ihr damaliger Dschihad-Rekrutierer sie überredete, stattdessen in den Irak kämpfen zu gehen.

Diese Bedrohung aus der Nachbarschaft hat nichts mit der französischen Mehrheitsbevölkerung zu tun und alles mit einer Jugendszene an der Schnittstelle zwischen Kriminalität und Dschihadismus - und sie lässt die Juden ans Auswandern denken. Nach dem Massaker im koscheren Supermarkt kam das halbe Regierungsteam zur Trauerkundgebung. Premierminister Manuel Valls improvisierte eine Rede: "Der Antisemitismus ist unerträglich. Frankreich ohne Juden wäre nicht Frankreich. Ihr seid die Seele dieses Landes." Die Menge rief "Bravo" und sang die Marseillaise. Dann sagte ein Familienvater: "Ich habe täglich Angst um meine Kinder." Valls antwortete: "Man darf keine Angst haben." Wer kann das schon?

Danny Leder, Jahrgang 1954, wuchs in Wien auf und arbeitet seit 1982 in Paris als Journalist.

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