John Mair: "Es gibt keine Wiederkehr":Blinzelt nicht einmal

John Mair: "Es gibt keine Wiederkehr": Im London der Zwischenkriegszeit wühlen die politischen Umbrüche auch die Liebesbeziehungen auf.

Im London der Zwischenkriegszeit wühlen die politischen Umbrüche auch die Liebesbeziehungen auf.

(Foto: Alamy / Linda Sole/mauritius images / Alamy / Linda)

Ein unbekanntes Meisterstück des Politthrillers, zum ersten Mal auf Deutsch: John Mairs "Es gibt keine Wiederkehr" spielt in London am Anfang des Zweiten Weltkriegs.

Von Fritz Göttler

Ein Thriller vom Anfang der Vierziger in Großbritannien, man spürt darin, wie Gewissheiten sich zersetzen, die politische Situation immer undurchsichtiger wird. Was dem Genre einen neuen Drive gibt und auch dem zwiespältigen Helden dieser lustlosen Affäre: Desmond Thane, Redakteur bei der Agentur International Features. Er hat eine Frau in einer Kneipe in London angesprochen, sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung, es wird ein Spiel, von dem keiner weiß, welche Regeln dafür gelten, eine Gefühlsperversion.

Sie äußert das eher ungewöhnliche Verlangen, eine Leiche zu sehen, er reagiert ziemlich nüchtern - denn "wie die Dinge heutzutage liegen, werden bald überall in Europa Leichenberge herumliegen, du brauchst dir also keine Sorgen zu machen - warte einfach ab, bis die Luftangriffe beginnen".

Als sie dann nach kurzer Zeit eine Leiche zu sehen bekommt, auf einer Polizeiwache, ist sie nicht wirklich befriedigt: "Er war zu alt und schien zu friedlich gestorben zu sein." Desmond reagiert überraschend heftig, er schlägt ihr ins Gesicht und beginnt sie zu hassen. Nach ein paar weiteren Wochen teilt sie ihm mit, sie werde London verlassen, es sei besser, sie würden sich nicht wiedersehen. Er küsst ihre Hand, reagiert distanziert mit dem Zitat "Sprach der Rabe: Nimmermehr." Und plant, sie zu ermorden.

Mit einer wichtigtuerischen Organisation hat er sich angelegt, die ihn jetzt verfolgt

Anna Raven heißt die Frau, und wenig später bringt Desmond sie wirklich um - er reißt ihr ein Büchlein aus der Hand, das er für ihr Tagebuch hält, sie zieht eine Pistole und verlangt es zurück, im Handgemenge erdrosselt er sie mit ihrem Schal. Diese Affäre mit ihrem absurd-schaurigen Abschluss ist ein düsterer Prolog zu einem vertrackten Spionageroman, der seinerzeit nur wenig Aufmerksamkeit erlangen konnte und nun erst auf Deutsch vorliegt. Im Original erschienen ist er 1941, ein Jahr später, im April 1942, ist der Autor John Mair gestorben. Er war 29 Jahre alt.

Die Ziellosigkeit der Zwischenkriegszeit und die Unruhe, die der Kriegsbeginn auslöst, erzeugen ein pathetisches, pathologisches Klima, in dem Desmond aus seiner trägen Existenz gerissen wird. Anna Raven war Agentin, die wichtigste Frau in einer ominösen wichtigtuerischen Organisation, in der lauter Männer bestimmen, denen die radikalen politischen Entwicklungen der Zeit nicht radikal genug scheinen, weder die faschistischen noch die sozialistischen. Ihr Tagebuch ist in Wirklichkeit die Kontaktliste dieser Organisation, die nicht in falsche Hände gelangen darf, fortan wird Desmond Thane von den Schergen der Organisation gejagt, gefangen, gefoltert, versucht sich herauszureden, entkommt, tötet erneut.

John Buchan und Eric Ambler, Graham Greene und Geoffrey Household etablierten mit ihren Romanen jenes britische Thrillergenre, das nichtsahnende Privatleute in politische Intrigen verwickelte, der Politthriller erwies sich als sensibel für Momente von Totalitarismus und Oppression, die Tücken rigider Moralsysteme und bedrohter Laisser-faire-Gesellschaften. Der verfolgte Desmond ist ein Dandy, der kühne, skrupellose Fantasien aus dem Stegreif produziert, um seine Verfolger zu narren.

John Mair: "Es gibt keine Wiederkehr": John Mair: Es gibt keine Wiederkehr. Hrsg. Martin Compart. Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg. Elsinor Verlag, Coesfeld 2021. 164 Seiten, 18 Euro.

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr. Hrsg. Martin Compart. Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg. Elsinor Verlag, Coesfeld 2021. 164 Seiten, 18 Euro.

Martin Compart hat in seinem Nachwort ein lebendiges Bild des unbekannten Autors John Mair und seines verlorenen Meisterwerks skizziert. Tagsüber schrieb Mair Rezensionen oder las im Lesesaal des British Museum, nachts betätigte er sich als leidenschaftlicher Spieler, in Wetten jeder Art. "Er behauptete, er habe ein System für Hunderennen entwickelt, das ihm ein regelmäßiges Einkommen bescherte. Seine Besuche der Rennbahnen von White City und Harringay nannte er 'zur Arbeit gehen'." 1940 schrieb er seinen Roman, nach Kriegsausbruch wollte er sich zum Wehrdienst bei der Royal Air Force verpflichten. Im April 1942 verunglückte er tödlich bei einem Trainingsflug.

George Orwell war sehr angetan von Mairs unkonventionellem Buch. "Sämtliche Verbrechen bleiben ungesühnt, nirgends ist eine schöne Jungfrau zu retten, und keiner handelt aus Patriotismus", schrieb er in seiner Besprechung im New Statesman am 4.Januar 1941, die außerdem Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" behandelt.

Die politische Oppression schafft immer wieder merkwürdige Zwischen- und Freiräume. In John Mairs Roman wird Desmond schließlich gefangen gehalten von ein paar dubiosen Figuren der Organisation, tagelang. Sie wollen wissen, was er mit der Kontaktliste gemacht hat: "Er spürte den Zugriff einer Macht, von der er nichts wusste und die außerhalb seiner Kontrolle lag, und er empfand beinahe ein Glücksgefühl, weil ihm erstmals seit frühester Kindheit die Entscheidungsgewalt vollkommen aus der Hand gerissen war ... Desmond blinzelte nicht einmal, er lag einfach ganz still und spürte, wie die Wirklichkeit davontrieb."

© SZ/masc
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