Anthologie der Gedichte von John Clare:"Ich bin, doch was, weiß niemand"

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Einsam ruht hier manches, nicht nur der Wald: Gemälde aus der Lebenswelt des Dichters John Clare, eine "Cottage Scene" in Mittelengland von William P. Cartwright (1870).

(Foto: mauritius images / Alamy / Artok)

Einen, der aus solcher Not kam wie John Clare, kannte die deutsche Romantik nicht: Einiges über das dramatische Leben des proletarischen Naturlyrikers und seine Gedichte gibt es jetzt in einer kommentierten Übersetzung.

Von Thomas Steinfeld

Als John Clare das Gedicht "I am" ("Ich bin") schrieb, war er 54 Jahre alt und zum zweiten Mal in ein "lunatic asylum" eingewiesen worden, in eine Anstalt, wie man sie auf Deutsch zu jener Zeit ein "Irrenhaus" nannte. Wer er tatsächlich war, muss für John Clare zur Zeit der Niederschrift im Frühsommer 1847 eine vieldeutige Angelegenheit gewesen sein: Zuweilen hielt er sich für Shakespeare, zuweilen für Lord Byron, was so weit ging, dass er Gedichte des Letzteren in der Überzeugung redigierte, es wären die eigenen. Dass es ein "Ich" gab, stand für ihn jedoch außer Zweifel: "I am - yet what I am none cares or knows", lautet die erste Zeile dieses dreistrophigen Gedichts, das zu den bekanntesten lyrischen Werken englischer Sprache gehört. "My friends forsake me like a memory lost". In der jüngsten deutschen Übersetzung wird daraus: "Ich bin, doch was, weiß niemand, kümmert keinen / Die Freunde fliehen mich, wie man Erinnertes verliert".

John Clare, geboren im Juli 1793 in Helpston, einem Dorf in Mittelengland, war das Kind eines Tagelöhners. Er selbst blieb ein Land- und Gelegenheitsarbeiter, bis sich die Ärzte um ihn kümmern mussten. Er schlug sich als Gärtner durch, verdingte sich bei der Landwehr, arbeitete als Kalkbrenner. Im deutschen Sprachraum gab es, den vielen Armutskindern und Hungerleidern zum Trotz, keinen romantischen Dichter, der in solcher Not aufwuchs und den dieses Elend, einiger buchhändlerischer Folgen ungeachtet, auch nie verließ. Clares Schulbildung war fragmentarisch, die Sprache auch seiner Gedichte von seiner Herkunft aus dem ländlichen Proletariat geprägt, die Grammatik zumindest persönlich. Dennoch schrieb er, zum Erstaunen schon der Zeitgenossen, mehr als dreitausend Gedichte (neben einigen Prosaarbeiten), in denen sich oft selbstreflexive Betrachtungen der Natur mit archaisch wirkenden Schilderungen des Landlebens mischen: "Er liebte des Baches murmelnden Mund / Die Schwalbe in steilem Flug / Er liebte Maßliebchen auf grünem Grund / Den Himmel voll Wolken genug."

Auf festen Füßen schreiten diese Verse daher, im Englischen, der kürzeren Wörter wegen, mehr noch als in der deutschen Übersetzung, und die Endreime machen aus jeder Strophe eine kompakte Sache. Die meisten Gedichte John Clares sind von dieser Art: Ebenso wie sie offenbar an einen Anfang aller Poesie zurückstreben, in eine Situation, in der ein Mensch der Natur überhaupt erst begegnet und dafür eine Sprache zu finden sucht, tritt der Dichter darin mit beträchtlichem Selbstbewusstsein auf.

Man glaubte und glaubt an den Dichter, in dem das Landleben zu sich finde

Einer seiner Pfleger im "lunatic asylum" berichtete, von John Clare sei im täglichen Umgang vor allem Wirres zu vernehmen gewesen. Sobald er indessen dichtete, habe er sich klar und konzentriert ausgedrückt. In dieser Wandlung kehrt nicht nur die romantische Überzeugung wieder, am Anfang aller Sprache habe die Poesie gestanden, sondern auch eine altertümelnde Vorstellung vom Dichter als Medium, in dem das Dorf- und Landleben zu seinem Ausdruck finde. Im England des frühen 19. Jahrhunderts glaubte man offenbar gern an solche Figuren der Inspiration, insbesondere in den Städten, und längst tut man es wieder.

Die Gedichte John Clares gelten der Lerche, die "im Himmel oben als Staubfleck dann hängt", sie sprechen vom Moor, "in verfließendem Schatten Grün und Braun und Grau", und sie grüßen das heimatliche Dorf "mit Kirchturm in seiner Bescheidenheit / Dem Größenwahn und Ruhmsucht unbekannt". Anrufungen gibt es viele ("Oh, hol mich aus dem Trubel raus"), Bekenntnisse auch ("Fand auf den Wiesen mein Gedicht, / Schriebs hin wie's mir gefällt"), und einsam ruht hier manches, nicht nur der Wald. Außerdem wird geliebt, getrunken und getanzt, vielleicht wie im wirklichen Leben John Clares.

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Eine frühe Fotografie von 1862 zeigt den späten John Clare. Seine letzten Jahre verbrachte er in einem "lunatic asylum" und starb 1864 mit 70 Jahren.

(Foto: mauritius images / Alamy / Pictorial Press)

Naiv und in einem elementaren Sinn eigenwillig klingen manche Verse. Aber der Leser kann sich darauf verlassen, dass der Dichter weiß, was er tut: Er ist nun einmal ein Romantiker, einschließlich gelegentlicher Übergänge in Ironie und Satire. Die Natur erscheint ihm als etwas Bedrohtes, insbesondere im Hinblick auf das "Enclosure Movement", auf die Auflösung der dörflichen Allmenderechte zugunsten einer vom britischen Adel beherrschten, rationalisierten Agrarwirtschaft. Der Berliner Anglist Manfred Pfister, Herausgeber und Übersetzer des nun vorliegenden Bandes, erklärt John Clare deswegen zum Ökologen. Man sollte ihn eher einen ländlichen Konservativen nennen.

Das Gedicht "I am" endet in einer Vision, in der sich das "Ich" bei Gott befindet: "Nicht störend und selbst ungestört zu liegen. / Mich zwischen Gras und Himmelsrund zu schmiegen". Erlösung und Selbstauflösung finden in diesen Zeilen zueinander. Mit John Clare nahm es ein anderes Ende: Er starb im Mai 1864, nachdem er die letzten 27 Jahre seines Lebens fast ausschließlich in der Psychiatrie verbracht hatte. Sein landesweiter Ruhm als "peasant poet" ("Bauerndichter"), den er in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts genossen und der ihn vorübergehend in die literarischen Kreise Londons geführt hatte, war zu jener Zeit längst verblasst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er wiederentdeckt: Im Jahr 1935 erschien eine erste Gesamtausgabe in zwei Bänden, Lyriker wie Robert Graves, Seamus Heaney und John Ashbery erklärten sich zu seinen Nachfolgern, und an Anthologien fehlt es ebenso wenig wie an literaturwissenschaftlichen Studien.

Anthologie der Gedichte von John Clare: John Clare: A Language That Is Ever Green. Gedichte Deutsch/Englisch. Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Manfred Pfister. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2021. 272 Seiten, 28 Euro.

John Clare: A Language That Is Ever Green. Gedichte Deutsch/Englisch. Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Manfred Pfister. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2021. 272 Seiten, 28 Euro.

Eine Anthologie ist auch der Band "A Language Is Ever Green", der gut fünfzig Gedichte John Clares im Original und in einer deutschen Übersetzung versammelt, gegliedert nach den Lebensstationen des Dichters und jeweils mit einem Kommentar zu Entstehung und Kontext versehen. Manfred Pfisters Ausgabe ist das erste Unternehmen, die Gedichte im deutschen Sprachraum bekannt zu machen, nachdem die Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky zuvor zwei Bände mit autobiographischen Skizzen John Clares veröffentlicht hatte. An der Entscheidung Manfred Pfisters, Versmaß und Reim ins Deutsche zu retten, lässt sich zwar zweifeln: In der Übersetzung geht einiges von der Leichtigkeit und Präzision des Originals verloren; stattdessen wird die Anstrengung zur Poesie sichtbar. Doch betreffen solche Fragen nur Details. "I am" sagt ein merkwürdiger Dichter, der dem Dachs in seiner Lebensart und der Todesangst eine Ballade von geradezu fataler Einfühlsamkeit widmete. Und wie der Dichter dazu kam, und was er noch geschrieben hat: Das erfährt man in diesem Buch, und es ist nicht wenig.

© SZ
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