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Jazzkolumne:Eine Art unerklärlicher Vertrautheit

Nduduzo Makhathini kann wie nur wenige Musiker offensiv mit Pausen und Backbeats umgehen

(Foto: Siphiwe Mhlambi)

Die Hochspannung, die der Pianist Nduduzo Makhathini erzeugt, kann jeden aus seinem Kaninchenbau in die Wirklichkeit zurückreißen.

Von Andrian Kreye

Wenn der Pianist Nduduzo Makhathini eine Ballade spielt, wird jede Note zum Thriller. Man ahnt, dass sie jetzt gleich fällig wäre. Aber dann kommt sie erst ein paar Sekundenbruchteile später. Oder sie löst sich in einen Akkord auf, den man nicht erwartet hätte. Und wenn dann eine Note wieder auf den Punkt kommt, steht man schon so unter Strom, dass auch das eine Überraschung ist.

Es gibt nur wenige Musiker, die so offensiv mit Pausen und Backbeats umgehen können. Miles Davis, Bill Evans und Dexter Gordon waren die ersten. Das ist keine Tradition, in die man sich selber stellt, die man einfach lernen kann, es ist eher eine Fähigkeit wie das absolute Gehör. Nduduzo Mhakhatini hat sie. Eigentlich war der Pianist aus der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal auf dem besten Weg, in diesem Sommer ein Weltstar zu werden. Sein neuntes Album "Modes of Communication: Letters from the Underworlds" erschien auf Blue Note, einem der wenigen Jazzlabel, die in der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts den Modern Jazz begründeten und nun mit dem Wiedererwachen ihres Genres auch eine Art Gütesiegel für den Nachwuchs sind.

Corona hat dem Jazz abrupt den Schwung geraubt

Als hätte dieses vermaledeite Seuchenjahr nicht schon genug Schaden angerichtet, hat es im Jazz auch noch dafür gesorgt, dass der Schwung der letzten Jahre plötzlich weg war. Ja, man erleidet schon beim Hinschreiben ein mentales Schleudertrauma. Endlich trauten sich die Traditionslabel, auch ein paar Risiken einzugehen und Künstler zu lancieren, die nicht unmittelbar ins Schema passen. Concord etwa veröffentlichte Butcher Brown mir ihrer Glut aus Funk und Hip-Hop. Und das Debüt von Nubya Garcia, die gerade dabei ist, sich als eine der großen Stimmen auf dem Tenorsaxofon zu etablieren. Auf den Sommerfestivals hätten nicht nur die beiden das Publikum von den Sitzen gerissen. Und das hätte sich herumgesprochen.

Oder das Label Blue Note. Hier hatte man vor, die Weltkarriere des Vibrafonisten Joel Ross anzustoßen. Und die des Trompeters Ron Miles. Und des furiosen neuen Septetts Artemis. Aber nur Makhathini hat es geschafft, sich durchzusetzen. Vielleicht, weil er aufgrund seines geografischen Nachteils immer schon digitale Kanäle nutzte.

Drei Jahre ist es her, dass er das Video von den Aufnahmen zu seinem Trio-Album "Matunda Ya Kwanza" auf Youtube stellte. Da spielte er die Ballade "Lakutshon'ilanga", die Miriam Makeba in den Fünfzigerjahren zum Klassiker des südafrikanischen Jazz gemacht hatte. Auch wenn es ein Algorithmus war, der dieses Video in den Feed spülte, so konnte doch diese Hochspannung, die er da erzeugte, jeden aus dem Kaninchenbau des Videoportals in die Wirklichkeit zurückreißen.

Man findet fast alle seiner ersten acht Alben im Netz - aber auch nur da. Und wenn man sich einmal in seinem Weltdebüt "Modes of Communication" festgehört hat, was aber spätestens beim dritten, vierten Durchhören passieren wird, wenn man die hymnische Melodieführung, die Polyrhythmen, die Freiheiten für die Bläser und ungewohnten Strukturen im eigenen Kopf zusammengeführt hat, dann wird man neugierig, hört mehr und stellt fest, dass sich die Beschäftigung mit den Alben lohnt, die an diesen Punkt geführt haben. Denn Makhathini ist nicht nur als Virtuose und Komponist eine Figur von beeindruckendem Format, er erinnert auch daran, dass Jazz immer die Musik der afrikanischen Diaspora war und die Odyssee des "Black Atlantic" ihren Anfang an den Westküsten des Kontinents im Süden von Europa nahm. Für Makhathini geht diese Verbindung sogar sehr viel tiefer als die Musik. Immer wieder erzählt er, dass er sich nur als Medium für eine Spiritualität versteht, die sich dann in seiner Musik ausdrückt.

Kein Wunder also, dass er den Jazz über John Coltrane entdeckte: "Ich lernte Trane durch sein Album ,A Love Supreme' kennen, das ich während meines Studiums am Technikon Natal in der Bibliothek entdeckt hatte. Das war die erste Jazz-Platte, die ich mir bis zum Ende anhörte, ohne mich verloren zu fühlen. Es fühlte sich an, als ob Trane mein Volk verstand, mein Dorf, unsere Gesänge und Tänze kannte. In vielerlei Hinsicht brachte mich die Erfahrung, diese Platte zu hören, zurück zu den verschiedenen Zeremonien und Ritualen, an denen ich in meiner Erziehung teilgenommen hatte, es war eine Art unerklärlicher Vertrautheit damit verbunden. Es war eine transzendentale Erfahrung, die das Konzept von Zeit und Raum überlagerte."

© SZ/beg/biaz
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