Der letzte Roman von Javier Marías:Der unbekannte Mann

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Der letzte Roman von Javier Marías: Sein Leitmotiv war die Unmöglichkeit, den anderen wirklich zu kennen: der spanische Schriftsteller Javier Marías.

Sein Leitmotiv war die Unmöglichkeit, den anderen wirklich zu kennen: der spanische Schriftsteller Javier Marías.

(Foto: J. P. GANDUL/EPA)

Der jüngste Roman von Javier Marías ist durch den unerwarteten Tod des Autors plötzlich auch sein letzter. Er bewährt sich trotzdem: "Tomás Nevinson" ist ein würdiger Abschluss eines großen Lebenswerks.

Von Sigrid Löffler

Da ist er wieder, Bertram Tupra, der böse Geist vom Londoner Secret Service, der Mann vieler Decknamen, vieler dubioser Umtriebe und vieler schmutziger Tricks - so undurchsichtig, faszinierend, charmant und ruchlos, wie wir ihn aus den früheren Geheimdienst-Romanen von Javier Marías kennen. In der Roman-Trilogie "Dein Gesicht morgen", dem Opus Magnum dieses Autors, sind wir Tupra zuerst begegnet und wurden Zeugen der Vielfalt seiner manipulativen Talente, von subtiler Verführung bei der Anwerbung von Agenten über Seelenfolter seiner Unterworfenen bis hin zu archaischer Gewalt. In der aberwitzigen Schlüsselszene des Romans drohte Tupra einem Mann den Kopf abzuschlagen, mit einem "Katzbalger", einem antiken Landsknecht-Schwert.

Und vor fünf Jahren, in dem Roman "Berta Isla", geriet erstmals der Anglo-Spanier Tomás Nevinson, Bertas Ehemann, in Tupras Fänge. Als Student in Oxford wurde er von Tupra als Undercover-Agent für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 rekrutiert, vielmehr: zur Mitarbeit erpresst. Mit einer aufwendigen Mordinszenierung hatte Tupra den arglosen Studenten in eine Falle gelockt und durch Täuschung gefügig gemacht.

Seither sieht sich Nevinson zu einem quälenden Doppelleben gezwungen, das er vor seiner Frau im Madrid geheim halten muss, während er auf jahrelangen Undercover-Einsätzen im Ausland unterwegs ist und zuletzt für zwölf Jahre in der englischen Provinz untertauchen musste. Der Quälgeist Tupra lässt es sich nicht nehmen, Berta persönlich die falsche Nachricht vom Tod ihres Mannes zu überbringen.

Es liegt nahe, den Roman als Schlussstein eines großen Erzählgebäudes zu betrachten

Jetzt also "Tomás Nevinson", das Gegenstück und eine Art Fortsetzung zu "Berta Isla", dem vornehmlich aus der Perspektive der Ehefrau erzählten Roman über Betrug, Täuschung und einen großen Liebesverrat. Hier nun wird der Titelheld abermals von Bertram Tupra heimgesucht und arglistig zu einem Spionage-Einsatz genötigt. Diesmal wird er für längere Zeit in ein nordspanisches Provinzstädtchen beordert. Getarnt als Englischlehrer soll er unter drei namentlich bekannten Frauen, die dort ganz biederbürgerlich leben, als Lehrerin, als Gastwirtin, als Politikergattin, diejenige identifizieren und womöglich ermorden, hinter der sich angeblich eine gefährliche Terroristin der baskischen Untergrundbewegung Eta verbirgt.

Javier Marías präsentiert hier die komplementäre Variante zu Bertas Eheerzählung, jetzt aus der Sicht ihres streunenden, heimlichtuerischen Ehemannes. Dass dieser jüngste Marías-Roman durch den unzeitigen Corona-Tod des Autors nun auch sein letzter geworden ist, erhöht noch die Bedeutung des Buches. Es liegt nahe, den Roman als eine Art Schlussstein eines großen Erzählgebäudes zu betrachten.

Überblickt man die sechzehn Romane von Marías' Gesamtwerk, so fällt auf: Für den bilingualen, zwischen der spanischen und der englischen Sprachwelt pendelnden Autor gibt es zwei geistige Brennpunkte - die Pole Spanien und England, Madrid und Oxford/London - und zwei literarische Genres, den bürgerlichen Eheroman und den Geheimdienst-Thriller. Der Eheroman (von "Mein Herz so weiß" bis zu "Die sterblich Verliebten" und "So fängt das Schlimme an") gravitiert bei ihm stets zum Schauplatz Madrid, der Geheimdienstroman hat als Setting meist die Schauplätze Oxford und London.

Gern konfrontiert er seine Figuren gleich am Anfang direkt und unmittelbar mit dem Tod

Seine Eheromane sind weltläufige Metropolengeschichten von heute, elegante Erzählungen aus dem gebildeten, gut situierten, lebens- und redegewandten spanischen Bürgertum. Marías beschreibt dessen Mentalitäten, Verhaltenscodes, Lebens- und Denkweisen und spielt seine charakteristischen Themen und Motive durch: die endlosen Missverständnisse zwischen Mann und Frau; die Fragwürdigkeiten, Täuschungen und Selbsttäuschungen in der Liebe; die Mühsal, Ungewissheiten und Waghalsigkeiten beim Versuch, heute eine Ehe zu führen.

Gerne rüttelt er seine wohlerzogenen Figuren gleich eingangs gründlich durch, indem er sie sofort und unvermittelt mit dem Tod konfrontiert. Auf den ersten Romanseiten liegt bei Marías zumeist ein Toter oder eine Tote herum. Gewaltsamer Tod, Suizid oder Mord, ist das Leitmotiv, das seinen Ehe- und Spionageromanen gemeinsam ist. Auch im Eingangssatz von "Tomás Nevinson" geht es unverzüglich um Mord: "Ich wurde nach alter Schule erzogen und hätte nie gedacht, dass man mir eines Tages auftragen würde, eine Frau umzubringen."

Doch egal, ob Eheroman oder Spionage-Geschichte: Stets erweist sich Marías als Meister des literarischen Framing. Er bedient sich dieser herkömmlichen Erzählformate, um sie zu sprengen und spielerisch miteinander zu vertauschen, besonders deutlich im Roman-Diptychon über die Eheleute Berta Isla und Tomás Nevinson. Im Erzählmuster des Spionage-Thrillers wird hier eine Ehe erzählt, die von Anfang an auf Lüge, Täuschung, Betrug und Selbstbetrug beruht und nur auf Entfremdung hinauslaufen kann.

Die Frau fragt sich, wer der Unbekannte ist, der Nacht für Nacht neben ihr im Bett liegt

Es geht um die Unmöglichkeit, den anderen wirklich zu kennen - bei Tomás das Gefühl zunehmender Entwirklichung der Realität und des Selbstverlusts hinter all den Rollen und falschen Identitäten, die er beruflich annehmen muss; und bei Berta das Gefühl der zunehmend gespenstischen Schattenhaftigkeit ihres Mannes, der für sie immer unkenntlicher wird, bis sie sich fragt, welcher Unbekannte neben ihr im Bett liegt. Toms Doppelleben und Bertas Argwohn vergiften und zerfressen diese Ehe. Das Äußerste, das diesem Paar am Ende noch möglich ist, ist ein freundlicher Umgang in vorsichtiger Distanz, mit zwei Wohnungen in fußläufiger Entfernung.

Immerhin bricht Tomás erstmals die Verschwiegenheitspflicht und weiht Berta ein in das, was sein Agentenführer Tupra ihm alles zumutet. Und zum ersten Mal seit seiner verhängnisvollen Anwerbung damals in Oxford lehnt er sich gegen seinen Dämon Tupra auf, leistet Widerstand, verweigert sich und scheut vor seinem Auftrag zurück. Vielleicht hat er durch seine eingestandene Schwäche und sein Versagen den bösen Geist endlich ausgetrieben. Wie es scheint, wird er mit Tupras Verachtung künftig ganz gut leben können.

Aber sind die Geheimdienstgeschichten dieses Autors überhaupt zünftige Spionage-Thriller? Marías hat für seine Thriller eine eigentümliche und ganz persönliche Erzählform entwickelt. Er hebt die Spannungsdramaturgie auf, indem er die Erzählzeit extremen Zeitdehnungen unterwirft, das Erzähltempo radikal verlangsamt und die Handlung immer wieder fast zum Stillstand bringt, ohne jedoch - und das ist kein geringes Kunststück - Suspense und Spannkraft zu beeinträchtigen und sein Hauptgeschäft aus den Augen zu verlieren.

Allen Abschweifungen zum Trotz bleibt die ganze Erzählmaschine immer in Schwung

Immer wieder wird die Handlung durch allerhand Abschweifungen, Rückblenden, Exkurse und Einschübe unterbrochen, die erzählte Zeit wird gestreckt durch Überlegungen, Erinnerungen und Reflexionen des Erzählers (oft ist es die eigene Stimme des Autors, die dahinter grübelnd hörbar wird). Doch allen Abschweifungen zum Trotz bleibt die ganze Erzählmaschine immer in Schwung, arbeitet gleichzeitig digressiv und progressiv. Diese Poetik der Abschweifung verdankt Marías natürlich einem ganz anderen Meister, nämlich Laurence Sterne, dessen "Tristram Shandy", eines seiner Lebensbücher, er ins Spanische übersetzt hat.

Gewiss: "Tomás Nevinson" ist nichts für ungeduldige Leser. Man muss sich einlassen wollen auf das rhizomartige Verweissystem dieses emblematischen Erzähluniversums, auf den ganzen Reichtum an Beziehungen, Anspielungen, Motivspiegelungen und versteckten Zitaten, von Shakespeare bis T. S. Eliot, von John Milton bis Hölderlin. Die Romane dieses großen europäischen Autors sind hybride Gebilde - zugleich metaphysische Epen und moralische Tiefenbohrungen über das Böse, über die Grausamkeit des Menschen und seine Freiheit.

Reflexionen über die abgründige Menschennatur verbinden sich mit dem Nachdenken über Moral, Geschichte und Politik. Im Ganzen gesehen, bündeln sich die Werke zu einer Jahrhunderterzählung über Macht, Gewalt und Schuld, Spionage und Verrat, Lüge und Manipulation, Gewissen und Reue, immer vor dem Hintergrund der Nachwirkungen der lange verdrängten und nicht aufgearbeiteten Franco-Diktatur. Und "Tomás Nevinson" erscheint als die Krönung dieses Œuvres.

Javier Marías: Tomás Nevinson. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2022. 736 Seiten, 32 Euro.

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