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Sturm auf das Kapitol:Die Spur der Hörner

´QAnon"-Anhänger bei Kongress-Sturm

Jake Angeli, der selbsternannte "QAnon-Schamane", bei seinem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar.

(Foto: Manuel Balce Ceneta/dpa)

Das Internet weiß jede Menge über Jake Angeli, dessen Bilder als Fellmützen-Vandale im Kapitol um die Welt gingen.

Von Andrian Kreye

Es dauerte nicht lange, bis die Netzgemeinde den Büffelmann identifiziert hatte, jene Figur, die das Markenzeichen für den Sturm aufs Kapitol in Washington wurde. Jake Angeli heißt er, in seiner Heimatstadt Phoenix, Arizona, schon seit einiger Zeit als "QAnon-Schamane" bekannt. 1988 geboren. Auf der Branchenwebseite Backstage.com suchte er vor einiger Zeit nach Arbeit als Schauspieler, Synchronsprecher oder Sänger. In Phoenix tritt er schon seit einiger Zeit in seinem Kostüm mit den Büffelhörnern, den Kojoten-Schweifen, der Fransenhose und dem nackten Oberkörper mit den Wikinger-Tattoos auf. Meist am Rande rechtsnationaler Proteste.

Noch während des Sturms wurde Angeli zum Meme. Nicht zuletzt, weil sein Kopfputz an die Bühnenkleidung des Sängers Jay Kay der britischen Acid-Jazz-Band Jamiroquai, erinnert. Der am Donnerstag dann auch mit einem Twittervideo klarstellte, dass er nicht in Washington gewesen sei, sondern wie alle anderen Engländer daheim im Lockdown.

Wühlt man etwas weiter im Netz, stößt man auf allerlei esoterischen Wahnsinn, mit dem sich Jake Angeli beschäftigt. Er betreibt eine Webseite mit dem Namen Star Seed Academy, auf der er unter anderem Kurse wie "spirituelle Selbstverteidigung", "Karmabereinigung" oder "Eintritt in die göttliche Matrix" anbietet. Ein Buch über den "Deep State" hat er auch geschrieben, jenen ominösen "tiefen Staat", um den seit dem 18. Jahrhundert die meisten Verschwörungsmythen kreisen.

"Traveler 0001" erzählt dann, dass man mittels einer KI-Quantumsuchmaschine Ereignisse der Zukunft abfragen kann

Auf Youtube gibt es ein paar weitere Interviews mit ihm. Da erklärt er (kostümiert) beispielsweise einem ORF-Reporter am Rande einer Wahlveranstaltung der Republikaner in Phoenix die Grundzüge der QAnon-Lehre. Er beschreibt sich da auch als Heiler und einen, der sein drittes Auge geöffnet habe und nun verstehe, warum nur Donald Trump die Menschen vor der "Neuen Weltordnung" retten könne. Und dann gibt es da noch eine Zoom-Konferenz mit Gleichgesinnten, die fast vier Stunden dauert. Da geht Angeli (in Zivil) noch etwas mehr ins Detail seiner Erzählungen über die Weltverschwörung der Kinderschänder und Kabbalisten. Ein militärisch gekleideter Teilnehmer mit dem Handle "Traveler 0001" erzählt dann, dass man mittels einer KI-Quantumsuchmaschine Ereignisse der Zukunft abfragen kann.

Das wäre alles sehr lustig und man würde diese Männer gerne als esoterische Witzfiguren weglächeln. Wäre da nicht diese in sich geschlossene Gedankenwelt. Angeli beschreibt selbst, wie er sich die Einzelteile der QAnon-Lehre aus dem Netz zusammensuchte, wie es irgendwann Klick gemacht und er plötzlich den Lauf der Welt verstanden habe, der bis dahin hinter dem Schleier der Verschwörung verborgen war. In den Tiefen des Internets und der hermetischen Zirkel haben diese Menschen Erweckungserlebnisse, die an die Bekehrungsmechanismen von Sekten erinnern. QAnon ist handfester Aberglaube, der in der Mischung mit esoterischen Praktiken und einem veganen Lebensstil eine wahnwitzige Variation der Hippie-Utopien ergibt. Am Mittwoch schaffte es der Wahnsinn mit Jake Angeli aus den Randbereichen des Internets ins Innerste der amerikanischen Demokratie. Und in den Blick der Weltöffentlichkeit.

Bis Freitagnachmittag war Jake Angeli übrigens noch auf freiem Fuß. Ein Reporter sprach kurz mit ihm, da war er mit einem Auto auf dem Weg zurück nach Arizona.

© SZ/kni
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