Isabelle Huppert in "Elle":Jeder ist mit seinem eigenen Schwachsinn beschäftigt

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Immer klarer wird, dass sie auch nach dieser Vergewaltigung auf fast beängstigend nüchterne Weise alles unter Kontrolle hat - ihr Leben allein in ihrem großen Haus, ihren Sohn, ihr Geld, ihren Job als Besitzerin einer Softwarefirma, die grausame Videospiele programmiert, ihre schamlos altersgeile Mutter, ihren verwirrten Ex-Mann und ihren absurd sexbesessenen Lover, von dem niemand wissen darf, weil er der Mann ihrer Firmenpartnerin und besten Freundin ist. Wie sie all diese Elemente jongliert, ist manchmal sogar lustig - und zugleich merkt man, dass sie tatsächlich auf sich allein gestellt ist. Jeder um sie herum ist komplett mit seinem eigenen Schwachsinn beschäftigt.

Aber sie ist keine schwache Frau. Sie fühlt sich nicht als Opfer. Sie sagt erst einmal niemandem etwas. Als ihr Vergewaltiger Signale schickt, dass er wiederkommen wird, und anfängt, sie mit unfassbaren Textbotschaften zu quälen ("Für dein Alter bist du extrem eng"), kauft sie zwar Pfefferspray und ein kleines Beil, bleibt aber auf eine Weise gelassen, die atemberaubend ist.

Dieselbe abgrundtiefe Gelassenheit strahlt auch Isabelle Huppert aus, wenn man sie nach den "Schwierigkeiten" einer solchen Rolle fragt. Welche Schwierigkeiten? Man entscheidet sich für einen Part, und dann spielt man ihn. Mit allem, was dazugehört. Man darf sich also auf keinen Fall eine Schauspielerin vorstellen, die von einem genialischen alten Kinowüstling hier zu irgendwelchen Dingen getrieben wird. Paul Verhoeven hat freimütig eingeräumt (SZ vom 7. Februar), dass er alle Kontrolle über die Figur der Michèle vollständig an Isabelle Huppert übergeben hat, gleich nach Beginn der Dreharbeiten. Weil sie offenbar so viel besser wusste, was sie tat. Isabelle Huppert aber sagt, dass sie ihre Figur bis zum Schluss nicht verstanden hat - und genau das spannend fand.

Jetzt hat sie den Golden Globe für diese Performance gewonnen - und ist für den Oscar nominiert. Zwar als Außenseiterin im "La La Land"-Fieber, doch es gab auch schon andere französische Außenseiterinnen, die am Ende gewonnen haben. Vor allem aber zeigt diese Würdigung in den liberalen Filmzirkeln der USA, dass es dort neben dem Klammern an politische Korrektheit offenbar eine starke Faszination für die Dunkelheit gibt, die Hollywood selbst nicht mehr so recht hinkriegt. Und für die ja doch gewagte Idee, dass sich Menschen in Extremsituationen manchmal selbst nicht mehr verstehen, wobei man ihnen dann mit interessiertem, aber irgendwie auch ratlosem Blick zuschauen kann.

Wie sehr sich Michèle ein Rätsel ist, sieht man etwa an der Geschichte aus ihrer Kindheit, die sie immer noch verfolgt. Offenbar ist ihr Vater ein berühmter französischer Massenmörder. Er sitzt noch immer im Gefängnis, jetzt ein Greis. Im religiösen Wahn hat er einst 27 Menschen umgebracht und danach sein Haus verbrannt - sie half ihm mit dem Feuer.

Das Gefühl, ebenfalls auf der dunklen Seite zu stehen, erklärt vielleicht Michèles Gelassenheit

Das Bild der Zehnjährigen in Unterwäsche, mit leeren Augen vor den rauchenden Trümmern, ging damals um die Welt. Und im Blick der sensationshungrigen Öffentlichkeit wurde Michèle damit selbst eine Täterin, eine Art kindliche Hexe. Stammt daher ihre Weigerung, zur Polizei zu gehen? Sie sei selbst Opfer ihres Vaters geworden, sagt sie einmal sehr bestimmt. Aber glaubt sie heimlich vielleicht doch etwas anderes? Das Gefühl, ebenfalls auf der dunklen Seite zu stehen, könnte zumindest ihre Selbstbestimmtheit, Entschlossenheit und Gelassenheit im Blick auf den Triebtäter erklären, der sie bedroht. Und später dann auch die seltsamen Dinge, die sie tut, als er tatsächlich wieder in ihr Haus eindringt - und es ihr im Kampf gelingt, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen.

Ihre beste Freundin gesteht Michèle einmal, dass sie ihren Mann einer Affäre verdächtige, deshalb an seiner Unterwäsche geschnüffelt habe und sich nun sehr dafür schäme. Michèle, die selbst diese Affäre ist, bewahrt ihr Pokerface und sagt nur: "Kein Schamgefühl ist so stark, dass es uns an irgendetwas hindern würde. Glaub mir." In der Welt dieses Films trifft dieser Satz vollkommen zu, und er wirkt erstaunlich befreiend. Es ist schon wirklich ein sehr französischer Film.

Elle, F/D/B 2016 - Regie: Paul Verhoeven. Buch: David Birke. Kamera: Stéphane Fontaine. Mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Cosigny, Charles Berling. Verleih: MFA, 130 Minuten.

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