Internet-Hype Die neue Lust am Stillstand

Auch Hillary Clinton und Jon Bon Jovi stehen für die Challenge still. Genützt hat es der Präsidentschaftskandidatin nichts.

(Foto: oh)

Was steckt hinter dem viralen Hype der "Mannequin Challenge"? Sehnsucht nach Entschleunigung - oder doch Donald Trump?

Von Jan Kedves

Menschen werden gruppenweise zu Standbildern und bewegen sich minutenlang nicht. Sie tun so, als würden sie sich mit stumm aufgerissenen Mündern anschreien, einen Rucksack vom Boden heben oder einem Verkehrspolizisten ihren Führerschein durchs Fenster reichen. Sie versuchen dabei nicht zu blinzeln, nicht zu wackeln und nicht zu grinsen. Währenddessen läuft jemand mit einem Smartphone zwischen ihnen hindurch und filmt das Ganze. Das ist der neue virale Video-Hype im Internet namens "Mannequin Challenge". Übersetzt etwa: Schaufensterpuppen-Herausforderung. Gemeint ist jedenfalls eine riesige Lust am Stillhalten.

Zum Beispiel stoppen die Turnerinnen der Brigham Young University in Utah mitten im Training. Während die Kamera zwischen ihnen hindurchfährt, liegen die Mädchen, wie von Geisterhand gehalten, schräg über der Reckstange, als würden sie gerade zum Felgumschwung ansetzen (4,5 Millionen Klicks auf Youtube). Oder: Popsängerin Adele feiert eingefroren mit Cowboys in einer Country-Bar, im Hintergrund läuft Johnny Cash (1,1 Millionen Aufrufe auf Instagram).

Tja, was soll man sagen? Ist doch schön, wenn Menschen endlich mal wieder etwas zusammen machen, statt immer nur Selfies von sich zu posten. Oder: endlich mal ein viraler Video-Hype, der ethisch und ökologisch unbedenklich ist. Es werden ja keine Ressourcen verschwendet wie bei der "Ice Bucket Challenge", für die sich im Sommer 2014 Millionen Menschen Eiswürfel aus Eimern über die Köpfe kippten. Auch werden keine sensiblen kulturellen Praktiken verhohnepipelt. Als 2013 die halbe Welt wie doof herumzappelte, mit dem Hintern wackelte und das Ganze "Harlem Shake" nannte, war man in Harlem, New York, nachvollziehbarerweise ziemlich sauer, weil der dort von Afroamerikanern erfundene wahre Harlem Shake viel koordinierter aussieht. Das ist ein hochraffiniertes Zusammenspiel von asymmetrischem Schulterzucken und komplizierten X-Bein-Schritten.

Die Kunstgschichte gehört den Vorläufern. Das Spektakelkino aber auch

Mannequin Challenge also. Viele, die gerade so gerne dem Kommando "Freeze!" folgen, wissen vielleicht nicht, dass es einen historischen Vorläufer dazu gibt, das Tableau Vivant. Im 19. Jahrhundert vertrieb sich die europäische Aristokratie und Bourgeoisie die Langeweile mit lebenden Bildern, die Meisterwerke aus der Kunstgeschichte nachstellten. Der morbide Thrill lag einerseits darin, normalerweise Animiertes (Menschen) zum Bild gefrieren zu lassen, andererseits tote Bilder in die Nähe des Lebendigen zu rücken. Ob die Stillstehenden dabei interessante neue Zeiterfahrungen machten? Wir können sie nicht mehr fragen, es ist ja lange her. Ohnehin enden hier die Parallelen, denn die Tableaux Vivants wurden frontal betrachtet, es lief niemand in ihnen herum.

Womit wir bei der viel wichtigeren Referenz wären, nämlich dem jüngeren computergenerierten Spektakelkino. In ihm gibt es immer wieder Sequenzen, die zeigen, wie in Zeitkrümmung talentierte Superhelden durch statische - beziehungsweise extrem verlangsamte und deswegen statisch wirkende - Endzeit-Szenarios flitzen. Zum Beispiel, um Menschen, die noch nichts Böses ahnen, vor einer in Zeitlupe gerade beginnenden Explosion zu retten. Im jüngsten Film der X-Men-Reihe, "Apocalypse", gab es so eine Szene: Quicksilver, der Sohn von Magneto, trägt die Schüler der Mutantenschule in Salem Country in aller Seelenruhe aus dem bereits auseinanderfetzenden Gebäude heraus und richtet einigen dabei sogar noch die Frisur. Oder trinkt ihre Cola aus.

Es besteht die diffuse Hoffnung, ein Superheld käme - um die Welt zu retten

"Bullet time" wird diese cinematografische Darstellungsform der Doppelzeitlichkeit genannt: Kugelzeit. Der Filmkonzern Warner Bros. hat sich den Begriff schützen lassen, er tauchte 1999 zum ersten Mal im Drehbuch zu "The Matrix" auf. In dem Film folgte die Kamera in Zeitlupe einer Pistolenkugel, die auf Keanu Reeves zuflog. Der beugte sich elegant unter ihr hinweg - womit er selbst in Zeitlauf und Schicksal eingriff.

Dramatische Szenen wie diese, in denen also ein drohendes Unheil gleichzeitig ausgekostet und abgewendet wird, schwingen in den Mannequin-Challenge-Videos mit - auch wenn einfach ein Sporttraining oder eine Country-Party dargestellt wird. Und ist es nicht interessant, dass die Menschen gerade in diesen Tagen so eine große Lust am kollektiven Stillhalten entwickeln, während sie das Gefühl haben, live dem Weltuntergang zuschauen zu können, und es vielleicht tatsächlich nicht schlecht wäre, wenn einfach mal alles anhielte oder sich zumindest extrem verlangsamte?

Allerdings würde das auch bedeuten, dass sich in den Mannequin-Challenge-Videos eine diffuse Hoffnung ausdrückt. Nämlich die, man könne vielleicht einfach alles einfrieren, um sich - ohne selbst etwas tun zu müssen - von irgendeiner in ihrer eigenen Zeit wirkenden Macht, die einem im Vorbeigehen vielleicht sogar noch grinsend auf die Schulter tippt (Mutant, Superheld, Gott?), retten zu lassen. Das mag hochgegriffen sein, wäre aber zumindest interessanter, als zu behaupten, dass sich im Mannequin-Challenge-Hype eine Sehnsucht nach Entschleunigung in der ach so schnellen Internet-Ära ausdrückt. Gelegentlich war das schon zu hören.

Vorschlag: Die Mannequin Challenge wird mit sofortiger Wirkung verbindlich, und zwar für die nächsten vier Jahre. Wer sich bewegt, hat verloren. Trump, Putin, alle halten still. Viel Zeit zum Reflektieren bliebe dann, und wenn die vier Jahre um sind, könnten die Amerikaner noch mal wählen gehen. Auf geht's - freeze!

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