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47. Filmfestival Karlovy Vary:Riskantes Kalkül

Orhan Yildirim, Lale Yavas und Yüsa Durak beim Festival Karlovy Vary

Die Schauspieler Orhan Yildirim, Lale Yavas und Yüsa Durak (von links nach rechts) bei der Vorstellung des Karlsbader Wettbewerbsfilms "Deine Schönheit ist nichts wert ...".

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Der Hauptpreis des Festivals ging in diesem Jahr schließlich an einen Film, der leichter verdaulich ist und beim breiten Publikum größere Chancen hat: Für seine Komödie "Mer eller mindre mann - Fast ein Mann" über einen 35-Jährigen, dem es schwer fällt, erwachsen zu werden und sich den Pflichten eines werdenden Vaters zu stellen, erhielt der Norweger Martin Lund den mit 25.000 Dollar dotierten Kristallglobus.

Das aktuelle norwegische Kino produziert im Augenblick auffällig viele Filme über junge Menschen mit Identitätsproblemen (z. B. Bent Hammers "Home for Christmas", 2010) und entsprechend begründete Lund seine Themenwahl in Karlsbad mit den vielen Möglichkeiten, die Norwegen jungen Menschen biete, lange im Leben "herumzuspinnen". "Wir kennen viele solche Männer in Oslo", sagte auch Hauptdarstellerin Janne Haarseth.

Die Entscheidung der Jury unter dem amerikanischen Programmdirektor Richard Peňa ging in Ordnung, denn "Fast ein Mann" erwies sich zwar als zu schematisch geraten und wiederholt sich etwas zu häufig, doch in einem insgesamt schwachen Wettbewerb zählte der Film neben "Deine Schönheit ist nichts wert..." zu den Lichtblicken. Die offensichtliche Strategie Ochs, seinen Wettbewerb mit Erst- und Zweitfilmen (auch "Fast ein Mann" war erst der zweite Spielfilm Martin Lunds) von Regisseuren aus dem Umfeld erfolgreicher Filmmacher aufzuwerten, ging in diesem Jahr somit nicht auf.

Bereits 2011, in seinem ersten Jahr als Karlsbader Programmdirektor, hatte Och auffallend viele Debütanten in den Wettbewerb gehievt, was da noch überraschend gut funktionierte.

Doch wie riskant dieses Kalkül ist, zeigte sich in diesem Jahr in Karlsbad nicht nur im Wettbewerb, sondern auch in der Reihe "East of the West". Diese zweite wichtige Sektion des Festivals steht seit jeher ausschließlich Filmen aus dem Kulturkreis Mittel- und Osteuropas offen, doch nun wurde der Zugang noch weiter eingeschränkt - seit diesem Jahr werden nur noch erste und zweite Spielfilme eines Regisseurs zugelassen.

Die Strategie, die hinter dieser Vorgehensweise steht, ist klar. Sie verhindert erstens, dass erfolgreiche Regisseure die Sektion als bloße weitere Abspielfläche ihrer Filme nutzen, wie etwa Sergej Dvortesevoj, der 2008 für "Tulpan" mit dem East-of-the-West-Award ausgezeichnet wurde, oder wie Cristi Puiu, der den Preis 2010 für "Aurora" bekam - zuvor waren beide Regisseure mit ihren Filmen schon in Cannes gewesen. Zweitens bietet sie die Chance, mit Überraschungserfolgen auf Karlsbad aufmerksam zu machen. Doch sie birgt drittens die Gefahr eines Qualitätsverlustes, und dieser trat in diesem Jahr leider ein.

Positiv herausragend

Allerdings fällte die Jury unter dem mazedonischen Regisseur Wladimir Blazevski die richtige Entscheidung, indem sie Eva Neymann den East-of-the-West-Award für ihren Film "Dom s baschenkoj - Haus mit Türmchen" zuerkannte. Der Film nach der gleichnamigen autobiografischen Romanvorlage des russischen Schriftstellers und Drehbuchautors Friedrich Naumowitsch Gorenstein ragte unter den vielen durchschnittlichen Produktionen der Reihe deutlich positiv heraus.

Der Zuschauer blickt durch die Augen eines achtjährigen Jungen auf das Leben im geschundenen Russland während des vorletzten Kriegsjahres. In ruhigen Schwarz-Weiß-Bildern fängt der litauische Kameramann Rimmvydas Leipus das alltägliche Drama um Menschen ein, die vom ständigen Hunger und der Omnipräsenz des Todes so abgestumpft sind, dass sie dem Leid um sie herum nur noch mit Gleichgültigkeit begegnen können.

In ihrem Nachruf auf den 2002 verstorbenen Gorenstein ehrte die Frankfurter Allgemeine Zeitung den nach Berlin emigrierten Russen als Meister des episodischen Erzählens - eine Kunst die Regisseurin Neymann in ihrem Film gekonnt umzusetzen vermochte. Auch die Ukrainerin lebt in Deutschland - die Chancen, das "Haus mit Türmchen" in hiesigen Kinos sehen zu können, stehen also gar nicht schlecht.

Der Autor dieses Artikel war während des Festivals Juror und Filmkritiker der Karlsbader Festivalzeitung Festivalový Denník .

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