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"In Sarmatien" im Kino:Ein bisschen Blues

"In Sarmatien"

Alle Erinnerung ist Gegenwart - eine Szene aus "In Sarmatien".

(Foto: Volker Koepp / Salzgeber)

Sarmatien, das Land zwischen Weichsel und Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer, ist Volker Koepps Sehnsuchtsland. Sein neuer Film ist eine melancholische und politisch hellwache Kinofahrt in den Osten Europas.

Vom Weggehen wird in diesem Film erzählt, vom Verlust der Heimat und von dem was bleibt. Die alten Auswanderermythen, die Männer wollen nach Deutschland, Arbeit suchen, oder weiter nach Amerika, in den Dörfern bleiben die Alten allein zurück. Es sind junge Frauen, die sich vor die Kamera placieren, sie sind ganz gegenwärtig, ganz von heute, und haben doch etwas Zeitloses in ihrer nymphischen Schönheit. Alle Erinnerung ist Gegenwart, wird Novalis zitiert, und der Film macht noch einmal deutlich, wie dieser Satz sich veränderte, seit es das Kino gibt.

Sarmatien, Volker Koepps Sehnsuchtsland, das Land zwischen Weichsel und Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer. Seit den Siebzigern sucht er diese Region am Rande von Europa immer wieder auf, man sieht hier Ausschnitte wieder aus seinen Filmen "Grüße aus Sarmatien" oder "Kalte Heimat", und natürlich aus "Herr Zwilling und Frau Zuckermann", den er 1999 in Czernowitz drehte. Die beiden Titelhelden sind inzwischen gestorben, aber die Leute, die den Film sahen, kommen an ihr Grab und legen Steinchen auf die Grabplatte.

Volker Koepp hat dieses Land über die Lyrik von Johannes Bobrowski entdeckt, "Sarmatische Zeit", ihr schmerzlich kühles "Du wirst ein Fremder sein. Bald"-Gefühl. Dies ist Koepps schönster Film, in dem alle früheren aufzugehen scheinen, in einer Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit. Ganz verschiedenen Staaten wurden die Landschaften und Orte Sarmatiens im letzten halben Jahrhundert subsumiert, Österreich, Rumänien, Russland, Ukraine.

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Es gibt Leute, die haben die Hitlerzeit erlebt und die Stalinzeit, den Terror, die Unterdrückung, die Auslöschung der Identität. Immer wieder wird von der forcierten Anpassung an Russland bis auf den heutigen Tag erzählt, in Sprache oder Schrift, das macht die Aktualität des Films aus. Auch nach der orangenen Revolution, heißt es, wollte die Lethargie nicht verschwinden. Die jungen Frauen sind eins mit der Natur, sie vertrauen sich ihr an. Tanja steht am Fluss, der Wind spielt in ihrem Haar, ich hab ein bisschen Blues, sagt sie, mit verspielter Traurigkeit. Und: Es ist schön an solchen Tagen am Wasser zu sein. das Wasser nimmt alles mit und, ja, bringt es irgendwie weiter.

Der Film spielt meistens im Freien, mit Blick auf die weiten Ebenen, die Windungen der Flüsse, auch die Straßen der Städte. Einmal sieht man Männer, die ein Holzhaus bauen, noch stehen nur die Wände, nach oben ist es noch offen. Auch das Kino, in das uns Elena führt, das Scala in Kaliningrad, vielleicht das schönste in Europa, wirkt mit seinem weißen Rundbau wie ein Observatorium, und seine Sessel sind so tiefblau wie der Nachthimmel. Der Film hält die Menschen beim Erzählen fest, in ihren Bemühungen, mit den Erinnerungen sich zu wappnen gegen die Gegenwart, durch die Gegenwart die Schrecken der erinnerten Vergangenheit zu verdrängen.

In Sarmatien, Deutschland 2013 - Regie, Buch: Volker Koepp. Kamera: Thomas Plenert. Schnitt: Beatrice Babin. Edition Salzgeber, 122 Minuten.

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