Im Kino: Toy Story 3:Die Unbeugsamen

Ein gestörter Teddybär, eine traumatisierte Puppe, zerstörungswütige Kinder. In "Toy Story 3" geraten Woody, Buzz & Co. in eine Kita - es ist in Ordnung, dass Pixar-Filme die Welt nicht als keimfreie Idylle schildern.

Susan Vahabzadeh

Mit "Toy Story" begann Pixars Siegeszug um die Welt, der erste große Film, der das kleine Studio 1995 zur ersten Adresse machte für am Computer hergestellten Zeichentrick, und dann nach und nach für modernen Zeichentrick überhaupt. Das Geheimnis dieser Geschichten, hat John Lasseter, Firmenvater und Hauptinspirationsquelle in den Neunzigern mal gesagt, die Zutat, die diese Filme so magisch macht, dass kaum ein Kind ihnen widerstehen kann, das seien Erfahrungen mit seinen eigenen Kindern. Wenn dem immer noch so ist, dann scheint im Hause Lasseter - der Daddy hat auch zu "Toy Story 3" die Story geliefert - im Moment Entrümpeln angesagt zu sein. Die Kinder sind groß geworden.

Themendienst Kino: Toy Story 3

Ein Leben aus der Kiste: In "Toy Story 3" werden die Helden von ihrem Besitzer ausrangiert. Die Kinder sind groß geworden.

(Foto: ddp)

Das ist die Prämisse der neuen "Toy Story", von Lee Unkrich sehr diskret in 3D inszeniert. Was soll nun mit den ganzen Spielsachen passieren, die in einer Kiste in der Zimmerecke traurig zuhören, wie ihr Besitzer Pläne fürs College schmiedet? Andy hat entschieden, dass nur die Cowboy-Puppe Woody mit darf, wenn er auszieht, aber seine Mutter besteht darauf, dass er sein Zimmer ganz ausräumt - die kleine Schwester will dort rein. Andy macht eine Kiste fertig, die er auf den Speicher bringen will, und in die steckt er Jessie, Buzz Lightyear und das Kartoffelpaar mit seinen außerirdischen Adoptivkindern. Wir wissen aus dem zweiten "Toy Story"-Teil, wie traumatisch eine solche Erfahrung sein kann für ein Spielzeug: Stinky Pete war nach langen Jahren in der Schachtel zum bösartigen Psychopathen geworden. Aber nun kommt es noch viel, viel schlimmer. Die Puppen landen im Müll und sind fest davon überzeugt, dass Andy sie weggeworfen hat. Also wagen sie die Flucht nach vorn, sie hüpfen in die Spendenkiste für eine Kinderkrippe.

Das Schöne an dieser Geschichte ist, dass man auch als Erwachsener etwas dabei zu grübeln hat - woher genau die Westernszene im Kinderzimmer stammt, mit der der Film beginnt, oder welche Gefängnisausbruchsfilme Lasseter und Unkrich im Sinn hatten für das, was sich in der Kinderkrippe abspielt. Woody versucht nämlich, seine Freunde wieder zu befreien und wird zum Cool Hand Luke des Sunnyside Day Care Center. Ein gestörter Teddybär führt hier ein Schreckensregime, mit Hilfe einer traumatisierten Puppe verteilt er die Spielsachen - und Woodys Freunde kommen zu zerstörungswütigen Kleinkindern.

Es geht sehr lebhaft zu, nachts in der Krippe: Es gibt eine Pokerrunde im Süßigkeitenautomaten, und Ken versucht, Barbie zu überzeugen, dass sie mit ihm ins rosa Traumhaus einziehen soll. Und bevor die Spielsachen endlich wieder jemanden zum Spielen haben, der sie nicht massakriert, müssen sie erst einer Müllzerkleinerungsanlage entgehen. Es ist durchaus in Ordnung, dass die Pixar-Filme die Welt nicht als keimfreie Idylle schildern - und das Böse ist in diesen Geschichten weder unerklärbar noch unausweichlich. Man hat hier nur eine sehr kindgerechte Vorstellung von angemessenem Strafvollzug (der fiese Stinky Pete wurde seinerzeit durch eine knallharte Spieltherapie kuriert).

Das Prinzip, das in der "Toy Story" waltet, kennt man aus vielen anderen Pixarfilmen, auch "WALL-E" beispielsweise - dass die Konsumgüter, die uns umgeben und unser Leben bestimmen, beseelt sind. Die kreativen Geister bei Pixar schüren keine Fortschrittsangst, sie umarmen Technik und Konsum und finden darin etwas Wunderbares: Es gibt keine schlechten Erfindungen, es gibt nur falschen Gebrauch, den man davon macht. Kinder, seid nett zu euren Spielzeugen, denn sie haben ein Eigenleben, das war die Toy-Story-Moral, jetzt gibt es noch ein Zusatzgebot: Dass nämlich nicht nur Kinder Spielzeuge, sondern vor allem Spielzeuge Kinder brauchen.

Vielleicht setzt "Toy Story 3" ein bisschen mehr auf Action und etwas weniger auf Emotionen als seine Vorgänger, aber hey, das ist in Hollywood wohl der Trend. Und die Pixar-Leute haben sich wirklich einiges einfallen lassen für eine Drittauflage - Buzz Lightyear beispielsweise hat hinten am Batteriefach, wo es keiner je merkte, einen kleinen Schalter, mit dem man ihn in den Spanisch-Modus versetzen kann - nicht nur sprachlich, plötzlich hat er Tango in der Elektronik. Noch was zum Grübeln: Verändert die Sprache den Charakter? Und überhaupt: Wäre die Welt nicht ein schönerer Ort, wenn wir alle einen Spanisch-Modus hätten, den man an- und abschalten kann?

TOY STORY, USA 2010 - Regie: Lee Unkrich. Buch: Michael Arndt. Basierend auf einer Story von John Lasseter, Andrew Stanton, Lee Unkrich. Kamera: Jeremy Lasky, Kim White. Disney, 98 Min.

© SZ vom 29.07.2010/kar
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