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Im Kino: The Fighter:White Trash Champion

Boxer im Kino sind Einzelkämpfer, Micky aber ist voll ins Familiengeschäft integriert: Der furiose Film "The Fighter" verlegt das Drama aus dem Ring nach Hause. Es ist die Geschichte einer niederträchtigen Welt.

Warum hast du mich bloß in diesen Film mitgenommen, wundert sich das Mädchen Charlene, als sie mit dem Boxer Micky aus dem Kino kommt. Da war nicht mal guter Sex drin. "Belle Epoque" aus dem Jahr 1992, von Fernando Trueba, spanisches Original mit Untertiteln, und Micky hat die meiste Zeit geschlafen. Es ist der kläglichste Kino-Rendezvous-Versuch, seit Robert de Niro in "Taxi Driver" Cybill Sheperd beim ersten Date in ein Pornokino führte.

Im Kino: Mark Wahlberg

Straßenkämpfer

Das Kino als Rückzugsort, als Zuflucht der Verlierer. Der ewige Herausforderer Micky (Mark Wahlberg) ist müde, es zog ihn ins Dunkel, er ist bei seinem letzten Kampf in Atlanta verladen und schlimm verprügelt worden, und er wollte sich mit seinem zerschlagenen, bepflasterten Gesicht nicht sehen lassen in seiner Heimatstadt Lowell. "The Fighter" ist ein Boxerdrama, aber auch eine Familienkomödie, und durch die Vernetzung werden beide Genres aufs schönste und reinste verwirklicht. Es ist die amerikanische Familie, die den alten amerikanischen Traum verfolgt, eine Familie, die an den "white trash" erinnert, die heruntergekommenen Sippen des Südens, aber veredelt durch Traditionen der neuenglischen Provinz. Lowell ist ein schönes Städtchen ein paar Meilen entfernt von Boston, in seinen bunten Holzhäuschen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

"Irish" Micky Ward hat es wirklich gegeben, und seinen Halbbruder auch, Dicky Eklund, und dessen famosen Kampf gegen Sugar Ray Leonard im Juli '78. Nach dem Ende seiner eigenen Karriere hat Dicky den Bruder trainiert. Er selber hat da schon in einer versifften Kommune gehaust und war dem Crack verfallen. Zu Beginn des Films hat ihn ein Fernsehteam aufgespürt, das einen Film für die HBO-Serie "America Undercover" über ihn drehen will: "High on Crack Street: Lost Lives in Lowell". Dicky denkt, es geht um ein Comeback im Ring, erst später merkt er, dass er ein Beispiel abgeben soll für die Verzweiflung des Lebens mit der Sucht, da sitzt er aber schon wieder im Gefängnis.

Doch als er noch an sich und sein Comeback glaubt, holt Dicky seinen Bruder Micky vor die Kamera, als sie durch die Straßen von Lowell ziehen. Ihn zieht es gern in die Mitte, sagt er vom Bruder, ich bleibe auf der Außenseite. Die zwei fangen zu laufen an, es ist, als würden sie vor irgendwas davonlaufen, aber vielleicht haben sie ja doch auch ein Ziel vor sich. Es ist jene irre Entschlossenheit in dieser Szene, die man aus David O. Russells bisherigen Filmen kennt, "Three Kings" und "I Heart Huckabees". Auch wenn Russell erst spät zu dem Film gekommen ist, der von Anfang an Mark Wahlbergs Projekt war, mit verschiedenen Partnern, Brad Pitt oder Matt Damon, und Regisseuren, zuletzt auch Darren Aronofsky, der zugleich mit Mickey Rourke "The Wrestler" drehte.

Groß ist die Einsamkeit der Boxer im Kino. Boxer sind Einzelgänger, Belmondo bei Melville, Kirk Douglas bei Robson, Robert Ryan bei Wise, de Niro bei Scorsese. Der Kämpfer Micky ist dagegen voll ins Familiengeschäft integriert. Der Bruder trainiert, die Mutter managt ihn, die sieben Schwestern sind an vorderster Front dabei als furchterregend aufgedonnerte Cheerleadertruppe. Eine Großfamilie, wenn man diverse Geschiedene und deren Partner mitzählt und die Kinder. Es ist eine aufregende Mischung von Ausbeutung und Zuneigung, Dominanz und Zärtlichkeit, Egozentrik und Loyalität, die nichts von falscher heiler Welt hat.

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