Im Kino: Für immer Shrek Zwergenaufstand

Auf der vierten Reise ins Königreich "Weit Weit Weg" begegnet der Zuschauer aufrührerischen Orger-Amazonen und einem technobegeisterten Rumpelstilzchen. Der Abstecher lohnt sich.

Von S. Vahabzadeh

Das Grimmsche Märchen hat Rumpelstilzchen zwar zum berühmtesten aller Alchemisten gemacht, aber im Kern ist die ganze Geschichte natürlich eine ganz miese Diskriminierung: immer gegen die Zwerge. Eine ideale Figur für die "Shrek"-Reihe ist der fiese kleine Kerl aber dennoch, denn wenn die irgendwas kann, dann die Fabelwelt mit den Plagen der Moderne kombinieren und daraus ein paar wirklich gute Gags spinnen. Irgendwie ist Rumpelstiltskin, der sich gern als "Mr. Stiltskin, Sir" titulieren lässt, natürlich ein Anwalt - eine Gattung, die in Hollywood benötigt und verachtet wird, gleichermaßen, und da das Königreich Far Far Away sich ja sogar den Schriftzug auf den Hügeln geliehen hat, ist "Für immer Shrek" auch immer wieder eine Parabel auf die Unterhaltungsindustrie, die von der Traumfabrik zu einem von Anwälten kontrollierten Horrormoloch verkam.

Ein Kuss seiner Liebsten könnte Shrek erlösen. Dumm nur, dass die inzwischen zu den Feministinnen übergelaufen ist.

(Foto: ap)

Die "Shrek"-Reihe hält sich recht gut - immerhin ist das schon der vierte Teil, und es sind dem Regisseur Mike Mitchell und den Drehbuchautoren Darren Lemke und Josh Klausner (der als einziger vorher schon mal an einem "Shrek"-Film mitgearbeitet hat) tatsächlch noch ein paar neue Wendungen, Anspielungen und Figuren eingefallen. Die Assoziationskette Agent-Anwalt-Rumpelstilzchen ist ja schon mal sehr hübsch: Denn in Wirklichkeit spinnen die ja für die meisten Hollywoodianer tatsächlich Gold.

Ein Orger-Kindergeburtstag zu viel

Shrek ist an dem Elend in Far Far Away selber schuld. Wir finden ihn am Anfang des Films in seinem gleichförmigen Familienalltag wieder, mit Ogerkindern spielen, die Freunde empfangen, für die Gattin Fiona auftischt. Er findet das langweilig - sein Leben war schon mal aufregender, und auf einem Kindergeburtstag fühlt er sich schließlich so als Witzfigur behandelt, dass ihm der Kragen platzt. Er haut ab und fällt Rumpelstiltskin in die Hände, mager klein, hyperaktiv, es wird schon irgendeinen Agenten auf Koks mit juristischer Vorbildung in Los Angeles geben, der da Pate gestanden hat.

Rumpelstiltskin (sehr hübsch synchronisiert von Bernhard Hoëcker) serviert sofort Drinks in seiner stretchlimogleichen Kutsche und unterbreitet ein Angebot: Shrek darf noch mal ein junger Wilder sein, im Tausch gegen einen Tag aus seiner Vergangenheit, an den er sich nicht einmal erinnern kann. Shrek fällt drauf rein, und Rumpelstiltskin tilgt den Tag von Shreks Geburt - langsam verschwindet er, und wenn es Abend wird, wird Far Far Away so sein, als habe er nie gelebt. Solang kann er schon mal - "It's a Wonderful Life" lässt schön grüßen - einen Blick werfen auf die Welt ohne ihn: Rumpelstiltskin hat sich das gesamte Märchenland unter den Nagel gerissen und residiert als dessen König in der Rave-Version eines Palastes, von technoberauschten Hexen umgeben, die er genauso mies behandelt wie alle anderen Märchenfiguren.

Grüne Amazonen

Der gestiefelte Kater, der immer noch Antonio Banderas in den Augen hat (der spricht ihn im englischen Original), ist verfettet und faul. Der Esel zieht wieder Karren. Und Prinzessin Fiona hat, weil sonst niemand das getan hat, sich selbst gerettet und ist zu einer Oger-Amazone geworden, grüne Anführerin der Oger-Guerilla, die dem Diktator Rumpelstilzchen das Handwerk zu legen versucht. Diese kleine feministische Einlage macht es Shrek besonders schwer, den Vertrag anzufechten - nur ein Kuss der wahren Liebe könnte ihm sein altes Leben, Fiona und die Kinder zurückbringen, aber Fiona braucht ihn nun nicht mehr. Noch so eine Plage der modernen Welt.

Das ist alles irgendwie ganz lustig, für Erwachsene sowieso, auch niedlich genug für Kinder - nur in 3D, als die größte Attraktion an diesem vierten Teil beworben, entwickelt sich Shrek zu einer kapitalen Nervensäge. In einem fort zappelt irgendetwas - vornehmlich die gefühlten zweitausend Hexen - aus der Leinwand heraus. Das ist tauglich für eine zwanzigminütige Jahrmarktsattraktion. In einem abendfüllenden Spielfilm aber kommt man sich irgendwann vor, als wäre man Tippi Hedren in "Die Vögel". Es gibt eben Dinge, die nur aus der sicheren Distanz des Kinosessels ihren Reiz haben.

SHREK, USA 2010 - Regie: Mike Mitchell. Drehbuch: Josh Klausner, Darren Lemke. Schnitt: Nick Fletcher. Musik: Harry Gregson-Williams. Sychronstimmen: Sascha Hehn, Esther Schweins, Bernhard Hoëcker. Paramount, 93 Min.