Götz Aly über die 68-Bewegung Der große Kater

SZ: Woran sieht man, dass die Krise begonnen hatte?

Aly: Die Regierung Erhard ist Ende 1966 abgelöst worden, weil der Wohlstand nicht mehr um sieben Prozent jährlich anstieg, sondern bloß um fünf Prozent. Und weil die Staatsschuld plötzlich zwei Milliarden Mark betrug. Es war ebenfalls klar, dass sich etwas im Bildungssystem ändern musste. Das geschah auch, und zwar bereits vor der Revolte. Was dann folgte, kennt man aus anderen Krisensituationen: Sobald staatliche Großreformen einsetzen, wird das alte System brüchig, entsteht ein Vakuum und damit der Raum für Radikalisierungen. Damals veränderten sich die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesrepublik, und es änderte sich das Verhältnis zum Staat. Dazu trug zum Beispiel Gustav Heinemann als Bundespräsident bei, der auf die Frage, ob er den Staat liebe, antwortete: Nein, ich liebe meine Frau. Nicht linksradikale Studenten veränderten die Außenpolitik gegenüber der DDR und Osteuropa; das unternahm Willy Brandt, und zwar mit Unterstützung von Leuten in der CDU, zu denen Kurt Georg Kiesinger und Richard von Weizsäcker gehörten. Zwischen 1966 und 1969 hat sich die sozialliberale Mehrheit in der Bundesrepublik entwickelt. Die 68er spielten eine exotische Rolle am Rande.

SZ: Also hätten die Studenten auf reformbereite Politiker setzen können?

Aly: Ja. Es hat mich während der Recherchen überrascht, wie viel Intelligenz und Problembewusstsein innerhalb der Regierung versammelt war. Kanzler Kiesinger etwa reiste zum damals Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, und bat ihn, den Volkszorn nicht weiter gegen die Studenten anzustacheln. Auch die Parlamente waren im Denken und Handeln der Mehrheit der Bevölkerung voraus. Das Problem der damaligen Bundesrepublik lag nicht beim Staat und seinen Repräsentanten, sondern in den Familien, im Privaten - dort wirkte das Gift des Nationalsozialismus fort. Die 68er-Studenten wichen dem privaten Konflikt aus und projizierten ihn auf einen angeblich faschistischen Staat.

SZ: Sind die 68er also doch an allem schuld?

Aly: Diese Pauschalanklagen, wie sie Kai Diekmann erhebt, sind Unfug. Wenn heute behauptet wird, die 68er seien daran schuld, dass die Familien nicht mehr intakt oder die Schulen verkommen seien, dann halte ich das als Historiker für falsch. Die Bundesrepublik hatte damals 60 Millionen Einwohner. Die 68er - das waren vielleicht 200 000 Leute. Sollten die wenigen es geschafft haben, eine ganze Bevölkerung in ihren Wertvorstellungen zu zerrütten, dann kann es mit diesen Werten nicht weit her gewesen sein.

SZ: Mit einigen Behauptungen der alten Kämpen gehen Sie hart ins Gericht. Etwa mit der Behauptung, die 68er hätten die Aufklärung über das Dritte Reich auf die Tagesordnung gesetzt.

Aly: Tatsächlich begann die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus viel früher: Bis 1954 wurden Hunderte Gerichtsverfahren auf Anordnung der Alliierten durchgeführt. Danach setzte in der Tat eine Pause ein. Sie gehörte zu der von Adenauer, aber auch von sozialdemokratischen Politikern verfolgten Strategie des Beschweigens. Doch das änderte sich durch den Eichmann-Prozess in Jerusalem und dann durch den Auschwitzprozess in Frankfurt. Dort war der wunderbare schwäbische Jude Fritz Bauer als Generalstaatsanwalt am Werk. Er nahm sich der großen NS-Verbrechenskomplexe an. Seine Tätigkeit wirkte ansteckend auf junge Staatsanwälte und Kriminalpolizisten. Ich bin bereits in der Schule mit den NS-Verbrechen systematisch konfrontiert worden. Die Jungen begannen deutlich vor der Studentenrevolte bohrende Fragen zu stellen. Der Konflikt zwischen Eltern und Kindern steigerte sich in Folge der staatlich gewollten Aufklärung und machte das intergenerationelle Zusammenleben unerträglich. 1968 war dann ein kollektives Ausweichen vor diesem Konflikt.

SZ: Wieso?

Aly: Sie werden in keiner Dutschke-Rede, in keinem Text von Bernd Rabehl oder Christian Semler etwas über den Nationalsozialismus und die Prozesse finden. Das Thema kommt im Kursbuch oder in Konkret, in den Flugschriften nicht vor. Dabei wurden 1967/68 vor bundesdeutschen Gerichten so viele Prozesse gegen NS-Mörder geführt wie nie zuvor und nie wieder danach.

SZ: Aber vom Faschismus wurde doch viel geredet.

Aly: Vom "Faschismus" in allgemeiner, global verbreiteter Form - nicht jedoch vom deutschen Nationalsozialismus. Die Faschisten wohnten plötzlich in Washington statt um die Ecke, sie gehörten dem fernen Großkapital an, nicht den eigenen Familien. Kurzum: Die Faschismustheorie der Studenten exportierte das Problem Nationalsozialismus und verdünnte es zur Unkenntlichkeit.

SZ: Wäre das anders gegangen?

Aly: Das behaupte ich nicht. Die Studenten rannten in einen scheinbaren Ausweg, sie folgten dem vermutlich notwendigen Impuls, sich von dem allzu nahen, allzu massiven Grauen abzuwenden. Die Aufklärung über die NS-Zeit, die der bundesrepublikanische Staat bis dahin geleistet hatte, so unzulänglich sie heute erscheinen mag, überschritt das für die damalige Gesellschaft und für die einzelnen Familien Erträgliche. Deshalb traten die Jungen die Flucht in eine "Faschismustheorie" an, die auf Namen und Adressen verzichtete.

Studentenrevolte 1967/68

Als Polizisten Pflastersteine warfen

SZ: Inwieweit ist Ihre Erinnerung repräsentativ? Handelte es sich 1968 nicht um eine sehr heterogene Bewegung?

Aly: Ich kann nicht verhehlen, dass mein Rückblick subjektiv ist. Aber was Rudi Dutschke schrieb, was damals im Kursbuch und in Tausenden Flugblättern stand, hatte doch einen repräsentativen Wert. Ich versuche in meinem Buch, das Geschehen mit Hilfe bisher nicht benutzter Quellen zu objektivieren. Indem ich die Akten des Bundeskanzleramtes, des Innenministeriums, des Verfassungsschutzes und die Nachlässe der an uns verzweifelnden Professoren hinzuziehe, entsteht ein klareres Bild von 1968 als kollektivem Wahn. Dieses Bild folgt eben nicht dem weitverbreiteten Drang, die eigenen Biographie schönzureden.

SZ: In einem Punkt unterscheiden sich die 68er deutlich von den 33ern. Ihnen gelang der Abschied aus der Bewegung.

Aly: Das ist die glückliche Niederlage, die uns, dank einer reformfähigen Mehrheitsgesellschaft vergönnt war.

SZ: Aber auch die Integrierten passen auf, was über ihre heroischen Jahre gesagt wird. Warum weckt '68 noch immer so viele Emotionen?

Aly: Viele Ex-Rebellen empfinden die Jahre der Revolte heute als vergeudete Lebenszeit. Da ist es natürlich schön, wenn man dieser Zeit irgendeinen Sinn beimessen und sagen kann, dass sie dem Fortschritt, der Demokratie oder der sexuellen Befreiung gedient habe.

SZ: Immerhin beherrschen die Rebellen den Vorstellungshaushalt der Öffentlichkeit. Die Namen Fraenkel, Löwenthal oder Weischedel, die in Ihrem Buch vorkommen, sagen nur noch Spezialisten etwas. Auch Kiesinger spielt im Geschichtsbild kaum eine Rolle.

Aly: Die Darstellung der 68er aus ihren eigenen Quellen blendet aus, dass auf der anderen Seite sehr vernünftige, lebenserfahrene Menschen saßen. Sie standen zwischen den über Nacht radikalisierten Studenten und Leuten wie den Berliner Polizeiführern, die zum Teil der SS angehört hatten. Die Vermittler wurden in dieser Situation zerrieben. Sie sind die wirklichen Helden von 1968, aber keiner spricht von ihnen.