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Im Gespräch: Peter Handke:Die Frage nach der Schuld

SZ: Ihre Sympathie für die Serben, genauer: Ihr Verlangen nach "Gerechtigkeit für Serbien" wirkte dann aber wie eine Rechtfertigung für Tyrannen und Kriegsverbrecher.

Handke: Ach, Unsinn, man muss nur Ivo Andric lesen, die "Brücke über die Drina", und man erfährt, was man über Jugoslawien, seine Völkerschaften und seine inneren Gegensätze wissen muss, und auch, was ein großer Staat für diese Regionen bedeuten konnte. Und man lernt nicht nur daraus, dass es eine Heimat nur im Buch geben kann, sondern auch, wie falsch die Frage nach der Schuld oft ist, vor allem, wenn es um so komplizierte Dinge geht wie um das Zusammenleben von Völkern.

SZ: Was ist falsch an der Frage nach der Schuld?

Handke: Die Frage nach der Schuld teilt die Welt, sie lässt keinen Platz mehr für das Fragen nach Gründen, für das Land, für die Leute, sie löst alles auf in einen Reiz und eine Reaktion und kennt nichts dazwischen, sie weiß nichts vom Recht im Unrecht und vom Unrecht im Recht. Das ist so schwierig, dem kann man nur durch die Fiktion gerecht werden, es geht nicht historisch oder journalistisch. Ich habe so schöne Sachen geschrieben, die "Morawische Nacht", und dann kommt irgendein politisches Ereignis, und das Buch ist weg. Stattdessen taucht so eine absurde Geschichte wieder auf wie die neulich, von meinem Besuch bei Radovan Karadzic im Dezember 1996, und alles bekommt einen falschen Schein.

SZ: Nun haben Sie gesagt, Sie seien bei ihm gewesen, um sich selber ein Bild zu machen, um dem Gerede der Medien den eigenen Augenschein entgegenzusetzen. Und ist deswegen nicht auch Ihr Lektor mitgekommen, weil Sie ihm zeigen wollten, dass die Wirklichkeit manchmal anders ist als das, was man sich so denkt? Aber wenn man Milosevic oder Karadzic besucht, dann begegnet man doch Politikern, also Staatsmännern und Kriegsherren, und nicht Landsleuten.

Handke: Selbstverständlich sind das Politiker, und sie führen Krieg, doch nicht einmal für sie gelten einfache Bestimmungen. Denn als ich sie traf, war ihre Macht ja schon im Schwinden, oder sie war gar nicht mehr da. Mich zieht das an, das hat etwas von Shakespeare, der Anblick von Macht im Augenblick ihrer Auflösung oder ihres Nicht-Mehr-Vorhandenseins. Dann befindet man sich da oben in Pale, in dieser hohen Landschaft, zwischen den verfallenden Einrichtungen der Olympischen Spiele von 1984, und in einer windschiefen Baracke, unter einem serbischen Adler, steht Radovan Karadzic. Er war ja die graue Eminenz der bosnischen Serben, aber es gab schon den Haftbefehl des Internationalen Gerichtshofes.

Getroffen habe ich ihn nach einer Vermittlung von Valentin Inzko, damals österreichischer Botschafter in Sarajewo und heute Sonderbeauftragter der Europäischen Union für Bosnien. Bei ihm habe ich während dieser Tage auch gewohnt, er half mir mit Passierscheinen. Und nicht nur Karadzic traf ich, sondern auch den serbischen General Jovan Divjak, der auf der Seite der Muslime, von Bosnien-Herzegowina, kämpfte. Der hielt mir, als er hörte, ich sei vorher in Pale gewesen, wütend die Faust vor die Nase.

SZ: Sie waren also nicht nur bei Karadzic, sondern haben eine Rundreise gemacht, von einer kriegführenden Seite zur anderen?

Handke: Ja. Eigentlich sollte ich auch noch den Großmufti von Sarajewo treffen, aber der hatte dann keine Zeit, weil er nach Brüssel musste. Der Großmufti schickte mir aber einen Koran. Wissen Sie, wenn Sie wirklich interessiert sind an einem Land, dann wollen Sie alles wissen. Deswegen will man den Augenschein, weil man hofft, auf ein Herz zu stoßen. Und es kommt noch etwas hinzu: der Wunsch nach einem höheren Maß an Wahrhaftigkeit, über die Schuldzuweisungen hinaus, und das schließt den Politiker ein. Bei all den "Experten", die über das zerfallene Jugoslawien reden, kann ich diese Wahrhaftigkeit nicht finden - schon im Wort "Balkanexperte" rieche ich die Tendenz und Ideologie. Das Wort gehört zu meiner Schimpfwörterlitanei.

SZ: Und?

Handke: Na ja, es wurde dann nicht so. Denn wenn ein Politiker sich bereit erklärt, einen Schriftsteller zu treffen, dann tut er das ja weniger, um mit ihm zu reden, sondern weil er sein Bild für die Nachwelt organisieren will. Das war bei Bruno Kreisky, einem anderen Politiker, den ich getroffen habe, als er keine Macht mehr hatte, nicht anders als bei Radovan Karadzic - oder bei Slobodan Milosevic, als ich ihn im Gefängnis in Den Haag besuchte. Ich wollte mit Milosevic über seine Familie sprechen, aber das hat ihn nicht interessiert, er wollte nur erklären, wer er selber eigentlich ist. So sind sie, sie wollen eine Chronik, und ich sollte der Chronist sein. Ich wurde nicht als der wahrgenommen, der ich bin, ich durfte nicht ich sein. Aber ich muss noch eines dazu sagen: Die Wahrnehmung dieser Leute ist manchmal schon sehr merkwürdig.

Da gab es zum Beispiel einmal einen bosnienserbischen Philosophen, einen Fachmann für den deutschen Idealismus, der dann zu einem scharfen Patrioten und Politiker wurde, im Krieg. Und wonach fragt er mich, als wir uns begegnen - ob ich ihm nicht helfen könne, den Wiener Herder-Preis zu erhalten, der ja für die Ehrung des europäischen Kulturerbes verliehen wird. Und dann denke ich mir: Ich will ja gar nichts erklären, dieses Jugoslawien ist eine unendliche Kettengeschichte, und keiner vermag sie ganz zu erzählen. Es sei denn, er verharmlost.