Im Gespräch: Ferdinand von Schirach Jemand muss büßen

"Literatur ist immer wahrer als eine fünf Meter lange Akte": Der Anwalt und Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach über das Schreiben, Menschenkenntnis - und das perfekte Verbrechen.

Interview: Rebecca Casati

Ein italienisches Nepp-Lokal in Berlin-Charlottenburg; draußen sitzt ein Herr und trotzt den Erwartungen. Ferdinand von Schirach, Anwalt und Bestsellerautor, raucht viel, doch die Stimme ist klar. Bei 30 Grad trägt er einen grauen Wollanzug. Seine Sätze sind gültig und auf Genauigkeit bedacht; aber er hat offenkundig großes Vergnügen an Sprache.

Von wegen Tatort oder CSI: "Die perfekten Tötungen sind unspektakulär, unauffällig", sagt der Anwalt und Autor Ferdinand von Schirach.

(Foto: AP)

Lesen Sie hier Auszüge aus der SZ am Wochenende vom 31.7./01.08.2010.

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Süddeutsche Zeitung: Ihr zweites Buch heißt "Schuld". Die Geschichten verschlagen einem den Atem, nicht weniger. Wie in Ihrem ersten Buch schildern Sie Morde, Gefolterte, Liebe, menschliche Abgründe. Wie viel davon hat sich in Ihrer Praxis so ereignet?

Ferdinand von Schirach: Diese Fälle sind wahr, aber nicht in dem Sinne, dass alle so passiert sind. Sie sind wie diese schönen alten Drucker-Setzkästen, wo 38 mal das "A" drinnen ist. Wenn man lange Strafverteidiger war, hat man einen großen Setzkasten von Personal, Ereignissen und Szenen.

SZ: Figuren und Handlungen gab es so nie?

Schirach: Es ist eine große Mixtur. Das Einzige, was ich nicht austausche, ist die Motivation für eine Tat, oder besser gesagt - den Grundton eines Falles. Dieser Ton ist wohl auch das, was uns berührt.

SZ: Als Leser denkt man natürlich schon, das alles seien Ihre Fälle.Weil Sie die Geschichten aus der Ich-Perspektive und als Strafverteidiger erzählen.Und weil auf dem ersten Einband stand: Die Wahrheit. Und nichts als die Wahrheit.

Schirach: Es ist ja auch die Wahrheit, Literatur ist immer wahrer als eine fünf Meter lange Akte.

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SZ: In Ihren Geschichten sitzen Sie in den Köpfen Ihrer Personen und wissen, was die denken oder gerade riechen.

Schirach: Das ist übrigens auch etwas, was Sie als Anwalt machen: Sie müssen sich vorstellen können, was der Zeuge sich vorstellt, um etwas von ihm zu erfahren.

SZ: Sie müssen auch fühlen, was der Angeklagte fühlt?

Schirach: Ja. Und Sie brauchen so etwas Altertümliches wie Menschenkenntnis. Junge Anwälte, die einen Mandanten im Gefängnis besuchen, sind oft empört, dass dieser Mann eingesperrt ist, weil er doch die Wahrheit sagt und ganz unschuldig ist. Derselbe junge Anwalt weiß zehn Jahre später, dass der Mandant vollkommen verlogen ist, ein Schlitzohr. Das trainiert sich mit der Zeit, es ist zwar kein Geheimnis, aber man kann es nicht lernen.

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SZ: Das perfekte Verbrechen - gibt es das in Wahrheit viel häufiger oder viel seltener als in den Detektivgeschichten?

Schirach: Etwa genauso häufig wie das entdeckte. In Deutschland gibt es keine Obduktionspflicht. Wenn Sie Ihre 94-jährige Erbtante mit dem Kissen ersticken, würde das einem Studenten der Gerichtsmedizin sofort auffallen, denn so eine erstickte Tante hätte kleine Punkte in den Augen, Unterblutungen. Aber der Hausarzt, der wusste, dass die Tante bald sterben würde, stellt den Totenschein aus. Damit ist die Sache erledigt, die alte Dame wird begraben, Sie erben, der Mord war perfekt.

SZ: Ergo gibt es beim perfekten Mord gar nicht erst Detektive, die daran scheitern?

Schirach: Ganz richtig, Mord ist dann perfekt, wenn es gar kein Ermittlungsverfahren dazu gibt. Und genau das ist ja auch der Irrtum von Tatort, CSI und so weiter. Die perfekten Tötungen sind unspektakulär, unauffällig. Ein anderes Szenario: Wir haben eine Affäre, ich mache mir im Stillen Sorgen, dass sie auffliegt. Wir gehen zusammen wandern. Wir kommen an einen Abgrund, ich gebe Ihnen einen ganz leichten Stoß, Sie fallen 480 Meter tief.

SZ: Es würde nie ermittelt werden, weil niemand ein Motiv erkennt?

Schirach: Kein Motiv, ja, aber vor allem wäre kein Nachweis möglich. Sie könnten ausgerutscht sein, wer kann denn ernsthaft etwas anderes behaupten? Oder: Ihr Mann steht in Ihrer Altbauwohnung auf der langen Leiter, dieser alten, die sowieso schon ein wenig wacklig ist. Er will eine Birne ersetzen. Sie treten gegen die Leiter, Ihr Mann fällt und bricht sich das Genick. Sie würden weinend die Polizei rufen Ihre Freunde würden Sie trösten und in ein paar Jahren würden Sie selbst an ein Versehen glauben. Und wenn Sie sich nun noch überlegen, dass es in den Statistiken immer heißt, dass die meisten tödlichen Unfälle im Haushalt passieren, kann man darüber lange nachdenken.

SZ: Stimmt. Beunruhigend.

Schirach: Der dritte perfekte Mord: Wir sprechen jetzt hier seit einer Stunde, und was Sie nicht merken, ist, dass ich mich wahnsinnig über dieses Gespräch ärgere. Ich habe längst das Messer zur Hand, weil ich so wütend auf Sie bin, spiele ich die ganze Zeit unbemerkt damit. Auf dem Heimweg kommt mir eine alte Dame entgegen. Ich denke mir: Die Journalistin kann ich nicht umbringen, zu viele wissen von dem Termin. Aber jemand muss büßen für diese Stunde im Café. Ich schneide der alten Dame die Kehle durch und gehe weiter. Natürlich würde das nicht aufgeklärt, niemals, völlig unmöglich.

SZ: Das ist eigentlich das Unheimlichste, was Sie hier erzählt haben.

Schirach: Aber es betrifft doch nicht Sie. Sondern die alte Dame.

SZ: Eben, deswegen ja.

Schirach: Es ist selten. Aber es kommt vor. Und ich gehe jetzt.

Ferdinand von Schirach wurde 1964 in München mit einem schwierigen Erbe geboren; er ist der Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach. Er schlug die juristische Laufbahn ein und ist seit 1994 in Berlin als Strafverteidiger tätig, vertrat den BND-Spion Norbert Juretzko und den ehemaligen SED-Spitzenfunktionär Günter Schabowski. Im August 2009 veröffentlichte Schirach den Erzählband "Verbrechen", für den er den Kleist-Preis erhielt. Am 2. August 2010 erscheint bei Piper sein neues Buch "Schuld"; wieder mit Geschichten, die auf seiner Praxis als Anwalt beruhen. Es wird, wie Schirach selber sagt, sein letztes Buch dieser Art sein.

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