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Debatte über SZ-Text:Ich bin auch müde

Carolin Emcke

Carolin Emcke ist Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Sie schreibt eine regelmäßige Kolumne für die SZ.

(Foto: Regina Schmeken)

Entgegnung auf den Artikel über Igor Levit vom 16. Oktober.

Gastbeitrag von Carolin Emcke

Am 4. Oktober, dem zweiten Tag des Laubhüttenfests, Sukkot, wird ein 26-jähriger jüdischer Student vor der Synagoge in der Hohen Weide in Hamburg mit einem Klappspaten angegriffen und verletzt. Wieder einmal wird ein antisemitischer Anschlag verübt, wieder einmal wird ein Mensch in der Öffentlichkeit angegriffen, nur weil er Kippa trägt, wird ein Jude verachtet und verletzt, nur weil er Jude ist. Wieder einmal in einem Land, das sich auf ein "Nie wieder" hatte verständigen wollen. Wieder einmal in einem Land, das in allen Staatsakten verspricht, jüdisches Leben vor Antisemitismus schützen zu wollen, aber gleichzeitig so tut, als sei Antisemitismus etwas, das immer nur woanders zu finden ist, in irgendeinem Gestern oder bei irgendwelchen Anderen. Überall, nur nicht da, wo der Antisemitismus existiert: in unserer Mitte, im Hier und heute. Als gäbe es nicht eine Partei im Bundestag, die revisionistische, völkische, antisemitische Überzeugungen propagiert, als habe es nicht den rechtsradikalen Terror des NSU gegeben, nicht den rechtsradikalen Anschlag auf die Synagoge von Halle, bei dem zwei Menschen getötet wurden, als gäbe es nicht immer wieder für Jüdinnen und Juden Grund zu trauern.

Der jüdische Pianist Igor Levit schreibt an jenem 4. Oktober, nach dem Anschlag auf den Studenten in Hamburg, auf Twitter: "so müde. so, so müde und wütend." Am 5. Oktober schreibt Levit: "Gestern: Hamburg. Heute: Phrasen. Nie-wieder-Hashtags. Wie immer. Einfach ermüdend. Ermattend." Am 9. Oktober schreibt er noch einmal: "Wie sehr sehr müde diese Zeit doch macht." Im Deutschen bestehen etymologische Verbindungen zwischen den Wörtern "trauern" und "langsam", "träge", aber auch "sinken", "durchsickern". So klingt in den Worten "ich bin müde, so müde", die wieder und wieder auftauchen, als sickerten sie langsam durch ihn hindurch, auch eine tiefe Trauer an. Da schreibt nun Levit also von seiner Müdigkeit - nur um dafür in einem Text in der Süddeutschen Zeitung wenige Tage später verhöhnt zu werden.

Was darin nicht erwähnt wird, aber erwähnt werden muss: Igor Levit wird selbst von rechtsradikalen Morddrohungen überzogen, nicht nur so allgemein, sondern sehr konkret, mit präziser Angabe, bei welchem Konzert er getötet werden soll. Um es noch einmal zu wiederholen: Da schreibt ein jüdischer Deutscher von seiner Erschöpfung, als Jude wieder und wieder antisemitischer Verachtung und Gewalt ausgesetzt zu sein, immer wieder reagieren zu müssen auf die Nachrichten von antisemitischen Übergriffen - und diese Sätze dienen in der SZ als diffamierende Schlusspointe eines Textes, der Levit als Musiker, als politischen Bürger und als Menschen polemisch in Stücke reißt. Ist es wirklich möglich, dass Juden in deutschen Zeitungen dafür verspottet werden, wenn sie ihre Angst, ihre Verzagtheit, ihre Wut ausdrücken? Dass ihnen nahegelegt wird, sich in anderen Worten zu beklagen, höflicher, weniger echauffiert, oder noch besser: sie würden sich still verhalten und auf anderes konzentrieren? Das zumindest insinuiert der Text durch den Verweis auf einen professionell-informativen Tweet des Pianisten Daniil Trifonov, der denen von Levit gegenübergestellt wird.

Unsere Äußerungen, Begriffe und Bilder haben einen Resonanzraum

In einem Brief an Sebastian Haffner vom 31. Juli 1978 schrieb der Essayist und Holocaust-Überlebende Jean Améry: "Meine Verletzung deckt keine neue, festverwachsene Haut, und wo eine sich schließen will, reisse ich sie auf, da ich doch weiss, dass unter ihr der Eiterungsprozess weitergeht (...) ich glaube, Sie kommen zu früh mit ihrer Objektivität." So ist das auch bei Levit: Seine Verletzung deckt keine neue, festverwachsene Haut, und wo sich eine schließen will, reißt er sie wieder auf. So spricht und schreibt er, so reagiert er auf die soziale und politische Welt um ihn herum, in der rechtsradikale, rassistische, menschenverachtende Bewegungen immer hemmungsloser, immer raumgreifender, immer gewaltbereiter werden. Darauf antwortet Levit so subjektiv wie wund. Das mag manchmal kurzatmig, manchmal zornig, manchmal müde klingen. Aber wer da nüchterne Objektivität einfordert, hat womöglich nie erlebt, wie das ist: permanent angefeindet zu werden für einen bestimmten Glauben, einen bestimmten Körper, eine bestimmte Hautfarbe. Wer das kritisiert, sollte sich fragen, wie das ist, immer als Außenseiter behandelt zu werden, wie das ist, diese Briefe oder Kommentare im Netz zu erhalten, die einen deportiert sehen wollen oder vergewaltigt oder vergast.

In einer Stellungnahme der Redaktion, die auf die Leserkritik reagiert, heißt es: Die "Verunglimpfung des Judentums" sei nicht das Ziel des Autors gewesen. Das mag stimmen. Es geht hier auch nicht um eine Person, sondern einzig um einen Text. Und da reicht diese Erklärung nicht aus. Auch ahnungslos transportierte Ressentiments sind Ressentiments. Auch unwissend geäußerte Vorurteile reproduzieren Vorurteile mit einer eigenen Geschichte der Ausgrenzung und Verletzung. Das müssen wir, die wir in der Öffentlichkeit sprechen oder schreiben, bedenken: Unsere Äußerungen, Begriffe und Bilder haben einen Resonanzraum, sie werden verstanden und gedeutet in historischen und intertextuellen Bezügen, sie wiederholen oder bestreiten, was andere, vor uns oder gleichzeitig, artikuliert haben. Niemand spricht oder schreibt in einem erfahrungsleeren Raum. Wir müssen fragen, bei jedem Satz, den wir schreiben, jedem Bild, das wir evozieren, was wir darin zitieren, welche Erinnerungen damit für wen verkoppelt sind, welche Stimmen so legitimiert oder delegitimiert werden.

Liest man die krawallige Polemik gegen Levit in diesen historischen Bezügen, dann fallen einem Formulierungen auf, die klassisch antisemitische Zuschreibungen und Klischees aufrufen. Das muss nicht direkt geschehen. Es genügt, Assoziationen zu triggern, indem angedeutet wird, was dann das lesende Publikum vervollständigt. Das ist wie antisemitisches Malen nach Zahlen: Es braucht nur ein paar Punkte, die miteinander verbunden werden, das fertige Bild entsteht dann imaginär von allein. Das diffuse Insinuieren, das vage Andeuten hat zudem den taktischen Vorzug, nachträglich immer bestreiten zu können, etwas Antisemitisches gesagt zu haben - schließlich war es das eingeübte Ressentiment des Publikums, das erfüllt, was selbst nicht explizit ausgesprochen ist.

Was hat ihren Schmerz, ihre Wut, ihre Angst und ihre Melancholie verursacht?

Es ist gleich, ob es um den Musiker oder den Bürger Levit geht - dem einen wie dem anderen wird manipulative Unwahrhaftigkeit unterstellt. Der Text bemängelt "spielerisch Unverbindliches", dann "theatralisch vorgetragenes Pathos", aus dem Lob, das der Gegenfigur, Daniil Trifonov, zugedacht wird, lässt sich entnehmen, dass Levit "echte" Emotion und "echte" Kunst abgesprochen wird. Dieser Topos des "Uneigentlichen", "Inauthentischen" ist in der Geschichte antisemitischer Ressentiments vertraut (auch und gerade durch Richard Wagner). Auch die raunende Art, wie Levits Freundschaft "mit den richtigen Journalisten und Multiplikatoren" in Berlin beschrieben wird, führt unterschwellig das alte Motiv der "mächtigen, jüdischen Lobby" an.

Gewiss, es ist nicht immer hermeneutisch unstrittig, ob ein Sprachbild oder eine Formulierung als antisemitisch gedeutet werden muss oder nicht. Das bleibt manchmal kontrovers. Aber dieser Text ist leider voll davon. Da wird kritischen Stimmen in den sozialen Medien eine "Opferanspruchsideologie" vorgeworfen, ein ganz offensichtlicher Zwilling zu dem Vokabular des rechtsradikalen Diskurses, der den angeblichen "Schuld-Kult" der nicht-jüdischen Deutschen anprangert. Hier: die deutsche Gesellschaft, die sich mutmaßlich zu viel mit den Verbrechen des Nationalsozialismus beschäftigte, die wieder stolz auf ihre Geschichte sein sollte, und dort: die Opfer, die nicht still sein wollen, die sich ungebührlich beklagten und vermeintlich in "emotionalen Exzessen" ergingen. Da wird in Zweifel gezogen, ob Levit das Bundesverdienstkreuz verdient habe, ein Zweifel, den Alice Weidel in einer öffentlichen Kampagne geschürt hat, die so in der SZ normalisiert und geadelt wird.

Es geht nicht darum, jede Kritik an dem Musiker Igor Levit zu verunmöglichen. Selbstverständlich können seine Konzerte oder Einspielungen mit musikalischen Gründen auseinandergenommen werden. Jederzeit. Ästhetische Kritik darf scharf sein, solange sie präzise und respektvoll argumentiert. Es geht auch nicht darum, jede Reflexion über die Frage, wie sich der Humanismus human verteidigen lässt, zu verhindern. Ich halte es ethisch und politisch für existenziell zu überlegen, wie sich rassistischen, antisemitischen Bewegungen begegnen lässt, ohne sich von ihrem Hass anstecken und deformieren zu lassen. Aber das gelingt nur, wenn man die Menschen, die diesem Hass unterworfen sind, nicht allein lässt. Das gelingt nur, wenn man empathisch versteht, was ihren Schmerz und ihre Melancholie, ihre Angst und ihre Wut verursacht hat. Das gelingt nur, wenn man sich bewusst macht, in welche Geschichte(n) der Gewalt sich das eigene Sprechen und Handeln einreiht. Antisemitismus und Rassismus lassen sich nicht bekämpfen, wenn man nicht erkennt, wie sie sich zeigen und was sie anrichten bei denen, die ihnen ausgeliefert sind. Rassismus und Antisemitismus werden nicht nur gefühlig empfunden, sie sind strukturelle Diskriminierungen und reale Gefahren. Es ist nicht zuletzt die SZ mit ihrer exzellenten Berichterstattung über den NSU, die das aufgezeigt hat. Die Auseinandersetzung mit Auschwitz ist nicht ein einzelner Akt oder ein sich wiederholendes Ritual, sondern eine unabgeschlossene Aufgabe, für uns individuell, aber auch als demokratische Gemeinschaft.

Ich bin befangen. Ich kenne Igor Levit und bin mit ihm aufgetreten. Aber ich hoffe und vermute, dass ich denselben Text geschrieben hätte, wenn ich ihn nicht kennte. Ich bin auch müde.

Die Autorin ist Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Sie schreibt eine regelmäßige Kolumne für die SZ .

© SZ vom 22.10.2020
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