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Zeitgeschichte:Unglaubliche Selbstbeherrschung

"Wir müssen der Welt zeigen, dass niemand so viel Blut vergießen kann, ohne dafür entsprechend zu zahlen": Der Partisanenführer Abba Kovner (sitzend rechts, wohl 1948 mit jungen Milizsoldaten in Israel) wollte Rache für den Mord an den Juden, doch seine Pläne scheiterten.

(Foto: mauritius images / Historic Coll)
  • In den Archiven der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem liegen etliche letzte Aufzeichnungen von Deportierten, welche die Nachwelt aufforderten, die Mörder des NS-Regimes nicht ungestraft zu lassen und die Opfer zu rächen.
  • Dennoch blieben Vergeltungsakte von Seiten der jüdischen Community eher selten.
  • Die Gründe dafür erläuterte der Historiker Mark Roseman auf einer Tagung des Münchner NS-Dokumentationszentrums über Gewalt in der Nachkriegszeit.

Im Jahr 1949 staunte Ira Hirschmann noch immer über eine Beobachtung, die er gleich nach Kriegsende vier Jahre zuvor gemacht hatte: "die unglaubliche Selbstbeherrschung" der jüdischen Holocaust-Überlebenden gegenüber ihren früheren Peinigern, den Nazis und den Mitläufern, ja der deutschen Nation an sich. Hirschmann war damals ein hoher UN-Repräsentant gewesen, der sich um jene Menschen kümmerte, die dem Genozid entkommen waren. In seinem Erinnerungsbuch "The Embers still burn" (etwa: die Glut brennt noch) bekannte er 1949, "zugleich beeindruckt, erleichtert und etwas misstrauisch" darüber zu sein, dass die Überlebenden nicht in einem Rachesturm "Deutsche buchstäblich zerrissen hätten".

"Das Bemerkenswerteste an jüdischer Rache war ihr Fehlen", sagte der amerikanische Historiker Mark Roseman auf einer Tagung des Münchner NS-Dokumentationszentrums über Gewalt in der Nachkriegszeit zu diesem bislang eher wenig behandelten Thema. Oder in diesem Fall: einer Gewalt, die selten eintrat. Tatsächlich steht das Ausmaß von Racheakten in keinem Verhältnis zu der deutschen Furcht vor ihnen. Sie ging bereits im späteren Kriegsverlauf und direkt nach der Befreiung um. 1943 schon warnte Propagandaminister Joseph Goebbels vor "blutgierigen" Rächern. Solche Propaganda erzeugte eine vage, aber verbreitete Angst, eines Tages für die deutschen Verbrechen büßen zu müssen, was immer man davon gewusst haben mochten.

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In gewisser Weise spielte diese Sorge sogar in den militärischen Widerstand des 20. Juli 1944 hinein. So warnte der Mitverschwörer Henning von Tresckow, Stabsoffizier bei der Heeresgruppe Mitte: Das Naziregime habe "dem deutschen Volk eine Schuld aufgeladen, die die Welt uns in Hunderten Jahren nicht vergessen wird". Am Ende "roch die Furcht vieler Deutscher vor der Rache nach schlechtem Gewissen", schreibt Roseman in einem Aufsatz. Doch diese Rache blieb aus: In den Erinnerungen der Überlebenden wird selten der Wille zur Rache laut.

Dabei hatten viele Opfer durchaus noch im Angesicht des Todes den Wunsch nach Vergeltung geäußert. In den Archiven der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem liegen etliche letzte Aufzeichnungen von Deportierten, welche die Nachwelt aufforderten, die Mörder nicht ungestraft zu lassen und die Opfer zu rächen. Im Konzentrationslager Chelmo schrieben die Mitglieder einer "Arbeitskolonne" vor ihrer Ermordung auf einen Zettel, gerichtet an Schicksalsgenossen: "Wenn Ihr überlebt, müsst Ihr Rache nehmen."

Hunderte SS-Männer erkrankten an vergiftetem Brot, aber es starb keiner

Aber das ist selten geschehen, und was doch geschah, liegt teilweise noch im Dunkeln. Es gab spontane Racheakte von gerade befreiten Lagerhäftlingen (und US-Soldaten) an SS-Angehörigen wie im Mai 1945 im Konzentrationslager Dachau. Bekannt ist, dass Gruppen innerhalb der in die britische Armee integrierten Jüdischen Brigade NS-Verbrecher aufspürten und exekutierten, laut Roseman möglicherweise in einer dreistelligen Zahl von Fällen. Es gab auch private Organisationen, die noch über Jahrzehnte hinweg Nazimörder und Kollaborateure suchten und töteten. So soll der frühere Kommandant des Konzentrationslagers im estnischen Jagala noch 1960 von einer solchen Rächergruppe aufgespürt worden sein; als offizielle Todesursache wurde Selbstmord genannt.

Am bekanntesten ist der Versuch des jüdischen Partisanenführers Abba Kovner, der im Ghetto von Wilna und den Wäldern Litauens zum Idol jüdischen Widerstands aufgestiegen war. Gleich nach dem Krieg, bei einem Treffen von Auschwitzüberlebende in Bukarest, schworen nicht wenige unter seiner Führung eine furchtbare Rache. Kovner sagte: "Wir müssen der Welt zeigen, dass niemand so viel Blut vergießen kann, ohne dafür entsprechend zu zahlen." Mit seiner Gruppe Nakam plante er, das Trinkwasser von Nürnberg zu vergiften, was die Briten aber schon im Ansatz vereitelten; sie verhafteten Kovner bei der Rückreise aus Palästina, bevor er zur Tat schreiten konnte. Eine zweite Nakam-Attacke galt 1946 einem Gefangenenlager für SS-Männer, deren Brot vergiftet wurde. Hunderte Gefangene erkrankten, es soll aber keine Todesfälle gegeben haben.

Vieles wird sich wohl nie klären lassen, aber ganz offenkundig steht dem Ausmaß des Zivilisationsbruchs und der Ermordung von sechs Millionen Menschen durch den deutschen Vernichtungsapparat nur eine sehr kleine Zahl tatsächlicher Racheakte gegenüber. "Die meisten Überlebenden", so Roseman, "wollten keine Rache nehmen."

Das Böse, gerade noch so präsent, schien für viele Überlebende plötzlich kaum noch zu greifen

Die Gründe dafür sind vielschichtig, vor allem aber, so argumentiert Roseman überzeugend, lagen sie "in der Natur des Holocaust selbst". Die überwiegende Mehrzahl der Todesopfer und der Überlebenden waren Menschen, welche mit Gewalt nichts im Sinn gehabt hatten, von den orthodoxen Juden in Polen bis zu jüdischen deutschen Bürgern. Anders als die schlagkräftige jüdische Brigade oder Kovners Untergrundgruppe hatten diese Menschen kaum praktische Möglichkeiten, ihre Peiniger aufzuspüren und sich zu rächen. Sie waren auch seelisch nicht bereit oder veranlagt dazu und ohnehin, so Roseman, "schlicht viel zu machtlos". Zudem schien das Böse, das eben noch so präsent gewesen war, plötzlich kaum noch zu greifen zu sein, gleich einer "bösartigen, mysteriösen Hydra, die Tausende menschliche Gesichter getragen hatte, nun aber wie über Nacht zu Staub zerfallen war". Jene zutiefst traumatisierten Menschen, die das Grauen verarbeiten, nach ihren Angehörigen suchen und irgendwie weiterleben mussten, erwarteten Gerechtigkeit und Strafe, wenn überhaupt, von der internationalen Justiz. Zeugnis abzulegen, das war fortan und bleibt, solange es noch Augenzeugen gibt, ihr wichtigstes Anliegen.

Die Siegermächte duldeten in ihren Besatzungszonen ohnehin keine privaten Vergeltungsakte und bemühten sich anfangs tatsächlich darum, Täter zu identifizieren, dingfest zu machen und anzuklagen - bis bereits ab 1948 der Kalte Krieg alles andere in den Schatten stellte. Seit den späten Fünfzigern aber, vor allem aber seit dem Jerusalemer Prozess 1961 gegen Adolf Eichmann - der israelische Geheimdienst Mossad hatte den Cheforganisator des Holocaust in Argentinien aufgespürt und entführt - wurden die Naziverbrechen, wie zögerlich und mangelhaft auch immer, von der Strafjustiz verfolgt. Auch ein Privatmann wie Simon Wiesenthal, dessen Wiener Dokumentationszentrum zahlreiche NS-Verbrecher fand und vor Gericht brachte, gab als Devise aus: "Recht, nicht Rache".

Das jüdische Palästina wiederum bereitete sich nach 1945 auf die Gründung des Staates Israel vor, der Krieg mit den arabischen Nachbarn zeichnete sich ab. Die politische Führung unter David Ben Gurion, besorgt um die internationale Unterstützung, legte Abba Kovners Racheplänen daher jeden möglichen Stein in den Weg. Die Historikerin Dina Porat hat eindrücklich beschrieben, wie sich der Rächer in seinem Furor auch unter den Überlebenden isolierte; er gründete schließlich mit anderen einen Kibbuz und kämpfte im Unabhängigkeitskrieg. Später sagte er im Eichmann-Verfahren aus und schrieb eindrucksvolle Partisanengedichte - mit denen er ein würdigeres Erbe hinterließ, als wenn er selber zum Mörder geworden wäre.

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