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Holocaust-Gedenken:Frei sein für einen Augenblick

Im KZ Theresienstadt sangen Kinder die Oper "Brundibár". In Pasing war sie jetzt wieder zu hören

Die Geschichte der Oper "Brundibár" ist eine einfache, die Geschichte um die Oper herum eine bedrückende. Zunächst die einfache: Pepíček und seine Schwester Aninka wollen als Straßensänger Geld auftreiben, um Medizin für ihre kranke Mutter kaufen zu können. Schließlich verdient so auch der Leierkastenmann Brundibár sein Geld. Doch dem gefällt die Konkurrenz nicht, er verscheucht die beiden. Den Geschwistern gelingt es, alle Kinder der Stadt zusammenzutrommeln, um Brundibár zu vertreiben. Anschließend singen sie ihr Lieblingslied, ein letztes Aufbäumen Brundibárs ist vergebens. Die Oper endet mit einer triumphalen Hymne auf die Freundschaft. Jetzt die bedrückende Geschichte.

Als Hans Krása die Oper im Jahr 1938 basierend auf einem Libretto von Adolf Hoffmeister komponierte, rechnete er sich gute Chancen bei einem Wettbewerb des tschechischen Schulministeriums aus. Krása, 1899 geboren, gehörte zu einer jungen, tschechischen Komponistengeneration, die bei Lehrern wie Schönberg, Janáček oder Max Reger studierten. Seine erste Oper "Verlobung im Traum" wurde 1933 unter der Leitung von George Szell uraufgeführt. Doch als die Deutschen am 15. März 1939 in der Tschechoslowakei einmarschierten und das Protektorat einrichteten, war an eine Austragung des Musikwettbewerbs nicht mehr zu denken.

Brundibar

Die Uraufführung von "Brundibár" fand 1942 heimlich in einem jüdischen Waisenhaus in Prag statt. Die Produktion in Theresienstadt, hier beworben, entstand im September 1943.

(Foto: Zuzana Dvořáková, Gedenkstätte Theresienstadt)

Auch für den Juden Krása spitzte sich die Lage in Prag zu, ein Berufsverbot folgte. Die heimliche Uraufführung von "Brundibár" Ende 1942 im Jüdischen Waisenhaus für Knaben in der Prager Belgická Straße fand ohne Krása statt. Er wurde bereits am 10. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort bekam er die Nummer 21885 und wurde zum Leiter der Musiksektion in der Abteilung für "Freizeitgestaltung" bestimmt. Die Nazis förderten das kulturelle Leben, denn sie hatten das KZ Theresienstadt als "Musterlager" auserkoren. Als Krása den Klavierauszug von "Brundibár" vom Leiter des Waisenhauses Rudolf Freudenfeld bekam, der die Noten bei seiner eigenen Deportation nach Theresienstadt geschmuggelt hatte, orchestrierte Krása die Oper neu.

Am 23. September 1943 brachte Krása "Brundibár" dann erneut mit Kindern aus dem Lager auf die Bühne. Auch im Nazi-Propagandafilm "Theresienstadt" wurde eine Aufführung der Oper gezeigt. Der Welt sollte ein menschlicher Umgang mit den KZ-Gefangenen vorgegaukelt werden. Bei der ersten Vorführung des Films 1945 war der größte Teil der Mitwirkenden bereits nach Auschwitz deportiert und ermordet worden. Gemeinsam mit Krása wurden am 16. Oktober 1944 auch die Komponisten Viktor Ullmann und Pavel Haas von Theresienstadt nach Auschwitz verlegt. Am 17. und 18. Januar kamen alle drei in den Gaskammern ums Leben. Mit dem bereits 1942 in Gefangenschaft an Tuberkulose gestorbenen Erwin Schulhoff hatte die Tschechoslowakei die wichtigsten Vertreter ihrer jungen Komponistengeneration durch die Nazis verloren.

Kinderoper 'Brundibar' neu aufgelegt

Der jüdische Komponist Hans Krása war in Theresienstadt inhaftiert und dort für "Freizeitgestaltung" zuständig.

(Foto: dpa)

In der Himmelfahrtskirche in Pasing erinnerte zum Gedenken an den 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz das Kulturforum München-West mit einer Aufführung von "Brundibár" an Krása und die Kinder von Theresienstadt, die die Oper im Lager mehr als 55 mal auf die Bühne brachten. Die halbszenische Aufführung gestalteten der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper und Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters unter der Leitung des Chordirektors Stellario Fagone. Zuvor spielte das Schalom-Ensemble München die ersten beiden Sätze von Paul Ben-Haims Serenade für Flöte und Streichtrio mit der kurzfristig eingesprungenen Flötistin Natalia Karaszewska. Der Oper stellte Fagone außerdem die 2006 von Paul Aron Sandfort komponierte Ouvertüre zu "Brundibár" voran. Hier wechseln sich Walzer- und beschwingte Marschrhythmen ab. Traurige Musik ist das nicht. Und als solche war sie auch nicht gedacht.

In der Ausstellung "Die Mädchen von Zimmer 28", die parallel in der Kinder- und Kulturwerkstatt in der Pasinger Fabrik noch bis 8. Februar läuft, erfährt man mehr über die Mädchen, die in Theresienstadt an den "Brundibár"-Vorführungen teilgenommen haben. Sie ist Teil der "Room 28 Projects", die die Autorin Hannelore Brenner in Zusammenarbeit mit den Überlebenden aus Theresienstadt konzipiert hat. Eine Überlebende ist Handa Pollak, die erzählt, dass die Geschichte der Oper für die Kinder eine hintergründige Bedeutung hatte: "Brundibár war so etwas wie unser kleiner Untergrundkrieg gegen Hitler. Wir kämpften gegen den Leierkastenmann Brundibár, aber Brundibár war nicht Brundibár, sondern Hitler." Die Musik war für alle im Lager und die Kinder im Besonderen die einzige Möglichkeit, die grausame Wirklichkeit für eine kurze Zeit zu vergessen. "Wir mussten auf der Bühne nicht den gelben Stern tragen. Wir waren in diesem Augenblick frei", sagt Ela Stein, die im Februar 1942 nach Theresienstadt kam.

Unter den Gästen in der Himmelfahrtskirche ist auch Tomáš Hanus, der zurzeit an der Staatsoper "Die verkaufte Braut" dirigiert. Auch seine Mutter war Mitwirkende bei den "Brundibár"-Aufführungen in Theresienstadt. Hass gegenüber den Nazis habe ihn seine Mutter nie gelehrt. Es sei wichtiger, zu verzeihen, als mit Hass auf Hass zu antworten: "Es ist ein moralischer Sieg, dass diese Musik wieder von einer neuen Generation gespielt wird. Damit besiegt das Leben das Böse."

© SZ vom 20.01.2020
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