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Julie Christie wird 80:Die Königin des Kinos

Sixties-Ikone Julie Christie wird (vermutlich) 80

Die Sechzigerjahre waren Julie Christies Zeit, da wurde sie zur Ikone, obwohl sie nie an PR-Rummel interessiert war.

(Foto: Bert Reisfeld/picture alliance/dpa)

Ob Julie Christie 80 oder doch schon 81 wird: völlig egal. Zum Geburtstag einer Ikone Hollywoods.

Von Fritz Göttler

Wenn der junge Mann die junge Frau, Julie Christie, das erste Mal aus der Nähe betrachtet, durch eine milchige Glasscheibe, ist das wie im Märchen. Sie liegt schlafend in einem Sessel, eine sleeping beauty. Er ist ein Doktor und mit einem Kollegen gekommen, um ihre Mutter zu versorgen, die einen Suizidversuch unternahm, als sie merkte, dass der Mann, den sie liebte, auch die Tochter begehrte.

Der Doktor und die junge Frau aber beginnen eine andere Liebe, Doktor Jurij Schiwago und Larissa Antipowa, genannt Lara, Julie Christie und Omar Sharif, in David Leans großem Epos aus dem russischen Bürgerkrieg. Beide heiraten - nicht einander! -, arbeiten im Lazarett zusammen, leben gemeinsam in den russischen Weiten, haben eine Tochter. Ein Liebesfilm, der ganz stark von der Evasion lebt, von Trennung und vom Verlieren, von der Abwesenheit. "Schiwago" machte Julie Christie zum Superstar, mit ihren strahlend blauen Augen, dem markanten Profil (wie eine Cocteau-Zeichnung, schwärmte Truffaut), der Film lief, auch in München, monatelang im Kino. Einen Oscar - und einen Bafta auch - hatte sie im selben Jahr 1965 für "Darling" bekommen, da war sie ein Hippiegirl in der Society-Traumwelt, auf der Suche nach Erfolg und womöglich einer erfüllenden Ehe.

In fünfzig Jahren hat sie weniger als fünfzig Filme gemacht

Jahrzehntelang hieß es, Julie Christie sei am 14. April 1941 geboren, auf einer Teeplantage in Assam, Indien, also vor achtzig Jahren. In einer Biografie über sie wurde das Jahr korrigiert, auf 1940. Dennoch, trotz der Ungewissheit über die Jahreszahl, lohnt die Erinnerung an eine Zeit, die heute ganz fern ist. Als das Kino lebendig war, seine Geschichten, seine Mythen, seine Traumfabrik.

In fünfzig Jahren, zwischen 1962 und 2012, hat Julie Christie insgesamt weniger als fünfzig Filme gemacht. Sie war am PR-Rummel nie sonderlich interessiert. Drei weitere Oscarnominierungen bekam sie, nach "Darling", für "McCabe & Mrs. Miller", 1971, "Afterglow", 1997, "An ihrer Seite", 2006. Sie spricht nicht oft über ihre Jugend, und sicher nicht über die Beziehung in Hollywood zu Warren Beatty, mit dem sie drei Filme drehte. Als sie danach zurückging nach England, kaufte sie eine Farm in Wales, ein Haus in London. Engagierte sich politisch, gegen Atommüll und Imperialismus, für Tierschutz und Frauenemanzipation. Interviews mag sie nicht, sie kann sich nur schwer erinnern an die Jugend, und weil sie sich schwertut mit dem Rollenstudium, spielt sie wenig Theater.

Sie kann die große Liebe spielen, ganz ohne Rücksicht

Die Sixties waren Julie Christies Jahre, die Zeit der Kindfrauen. Einer neuen Freiheit, in der Liebe, zumal als die Fixierung auf einen einzigen Mann aufgelöst wurde. Eine unglaubliche Wechselhaftigkeit zeichnet diese Filme aus, bei der die Männer, die gern auf ihr angeblich natürliches Recht auf Seitensprünge pochten, auf der Strecke bleiben mit ihren Obsessionen. In "Far from the Madding Crowd" ("Die Herrin von Thornhill") hält sie drei Männer gleichzeitig in Spannung und auf Distanz, einen Schäfer, einen Landedelmann, einen Sergeant der Armee. Das ist Terence Stamp, der am Strand vor ihr mit dem Säbel brilliert. Wieso, fragt er sie, machst du mich verantwortlich für dein Aussehen ... Die Fans waren der festen Überzeugung, dass dieses Traumpaar in dem Song "Waterloo Sunset" von den Kinks besungen wird. In "Away From You" (2006) von Sarah Polley ist sie eine Frau, die in einem Pflegeheim - sie hat Alzheimer - einem neuen Mann begegnet, ihr Ehemann schwindet aus ihrem Leben. Liebe ist absolut, ohne Rücksicht. Die Frau, die den "American Gigolo" Richard Gere erlöst in Paul Schraders Film, wollte sie nicht spielen, weil sie so schlecht wegkam dabei.

Radikal auch das Ende eines ihrer großen Erfolge, "Don't Look Now" ("Wenn die Gondeln Trauer tragen"), von Nicolas Roeg. Wenn der Sarg mit der Leiche ihres Mannes auf dem kleinen Motorboot durch den kleinen Kanal von Venedig tuckert, war das ziemlich klassisch geplant, die Witwe, mit Schleier, Trauer im Blick, eine Träne, die Schminke verschmiert. Aber Regisseur Roeg entschied anders. Nimm den Schleier hoch, und wenn du so im Boot stehst, möchte ich, dass du lächelst. Unbesiegt, wie Königin Christine. Mein Gott, Nic, bist du verrückt, sagte Julie. Ich glaube, das ist fantastisch. Ein starkes fuck you dem Schicksal gegenüber. Dass nichts über die Liebe, die sie beide hatten, gehen konnte. Fantastisch.

2012 wurde noch einmal der komplexe Mythos Julie belebt in "The Company You Keep" ("Die Akte Grant"), da sind sie und Robert Redford - der auch Regie führte - alte Kampfgefährten, Mitglieder der Untergrundgruppe Weathermen, die untertauchen mussten. Nach langer Zeit taucht sie, als Redford von Enthüllung bedroht wird, am Ende wieder auf. Aus einem Märchenschlaf geholt.

© SZ/clu
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