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Historische Irrtümer:Als sich Goethe umsonst betrunken hat

Goethe

Goethe-Büsten im Goethe-Nationalmuseum in Weimar.

(Foto: dpa)

Vor 200 Jahren hat sich Johann Wolfgang von Goethe beim Urlaub in böhmischen Karlsbad entscheidend geirrt.

Von Gustav Seibt

Am Vormittag des 27. August 1818, einem Donnerstag, spielte sich in Goethes Karlsbader Urlaubsquartier eine seltsame Komödie ab. Wie gewohnt besuchte Wilhelm Rehbein, der Weimarer Hofmedicus, Goethes Leibarzt, seinen kurenden Patienten, um sich nach dem Befinden zu erkunden.

Dieses war glänzend, der Dichter war in high spirits. Er hatte nämlich schon getrunken. Goethe wollte seinen Arzt sogar nötigen, auf seine Gesundheit zu trinken. Rehbein ist verwirrt: Erlaubt Goethe sich einen Spaß?

"Endlich merkt' ich, wo es hinaus sollte: er hatte sich, drollig genug, selbst mystifiziert. Da platzt' ich los: ,Aber, Exzellenz, Ihr Geburtstag ist ja heute nicht!' ,Was?', ruft Goethe: ,Mein Geburtstag wäre nicht?' ,Heute nicht!' versicherte ich ihm.'" Darauf lässt sich Goethe den Kalender bringen, schaut ihn gründlich an, legt ihn still hin und kommt ernst zurück: "Nun, da sehe mir einmal einer! Da hab' ich mich heute umsonst - betrunken."

Der Minutenasket hatte einen ganzen Tag verbummelt

Die Anektdote wurde beliebt in Weimar, noch Jahrzehnte später erzählte der Schauspieler Genast sie. Wie konnte es dazu kommen? Goethe hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Kalendern. Jahrelang schrieb und diktierte er sein Tagebuch in einen vorgedruckten Kalender, den "Gothaischen verbesserter Schreib-Calender".

Da konnte es eigentlich kein Vertun geben. Über die Minuten schrieb er seinem Sohn ins Stammbuch: "Ihrer sechzig hat die Stunde/ Über tausend hat der Tag/ Söhnchen! werde dir die Kunde,/ was man alles leisten mag."

Und ein solcher Minutenasket sollte einen ganzen Tag verbummelt haben? Nun hatte Goethe seit 1817 für seine Tagebuch den "Schreib-Calender" durch in der Mitte gefaltete Folioblätter ersetzt: Rechts standen Termine, links verzeichnete man den Brief- und Paketverkehr. Das Tagebuch wurde zum Hauptbuch des Goethe-Unternehmens, geschrieben von fest angestellten Schreibern öfter als von Goethe selbst.

In den Tagen um seinem Geburtstag 1818 schrieb Goethe sein Tagebuch allerdings eigenhändig, vermutlich weil der begleitende Diener Stadelmann von den vielen fremdländischen Namen am mondänen Kurort Karlsbad, an dem Goethe in diesen Wochen italienische Sängerinnen, Diplomaten, Fürstlichkeiten und Wissenschaftler aus allen Weltteilen traf, überfordert war.

Bevor Goethe deren Namen buchstabierte, konnte er gleich selber schreiben. Die originale Handschrift zeigt in den Tagen vor dem 27. August 1818 durch Ausstreichungen und Verbesserungen schon die Datenunsicherheit, die Doktor Rehbein dann hautnah erlebte.

Mehrfach dinierte Goethe damals mit Friedrich von Gentz, Metternichs allwissender rechter Hand. Dieser mochte den politisch unzuverlässigen Dichter nicht und notierte mit Behagen, "polnische Weiber" hätten ihn mit Goethe verwechselt, und ein russischer General von Rang habe die Goethe-Verehrerin Fürstin Schwarzenberg gefragt: "Monsieur Goethe a-t-il écrit en français ou en allemand?" "Hat Goethe denn auf französisch oder auf deutsch geschrieben?" Da konnte man sich schon einmal im Datum vertun.

© SZ vom 28.08.2018/odg
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