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Hip Hop in Tansania:Freiheit der Wirtschaft statt Freiheit der Gesellschaft

Und Clouds kontrolliert selbstverständlich auch den Sponsorenmarkt, weil sich ohne Sponsoren Konzerte für die Veranstalter nicht lohnen. Kurz: Für alle Musiker, die nicht im Clouds-Boot sitzen, ist Clouds eine Bedrohung. Clouds hatte ein eigenes Label, Smooth Vibes, unterhält seit 2010 einen Fernsehsender, betreibt ein Printmagazin, hat Hörfunkableger in Sansibar und eine Promotionfirma in Abu Dhabi. Tansanias Musikindustrie besteht also größtenteils aus Clouds-Firmen. Es ist ein enges Geflecht.

Das ist nicht verboten, aber die politische und gesellschaftliche Entwicklung, die dazu geführt hat, ist so bedenklich wie beispielhaft, nicht nur für Tansania: Einzelne private Konzerne geben den gesellschaftlichen Takt vor. Und der Staat verwechselt die Freiheit der Wirtschaft mit der Freiheit der Gesellschaft.

Dass Künstler unter diesen Bedingungen nicht ihre eigenen Herren sind, sondern wie Facharbeiter behandelt werden, stellte sich vor einigen Jahren heraus. Eine ganze Reihe von Rap-Pionieren beschimpft die Clouds-Gruppe seit 2010 als Virus, das in die Musik eingedrungen sei. Unter dem Namen Antivirus veröffentlichten sie Mixtapes voller Protestsongs, auf denen sie Clouds als Vereinigung von Hyänen darstellen. Aus dem Slogan "redio ya watu" (Radio der Menschen) wird bei ihnen - der Kommentar zum Formatradio - "redio ya wafu" (Radio der Toten). Die Zeile "I wanna kill right now" brachte dem Wortführer von Antivirus, dem Rapper Sugu, sogar eine Verhaftung ein. Derart mit street credibility gesegnet, wurde er allerdings kurz darauf für die Oppositionspartei Chadema ins Parlament gewählt.

Sugu ist ein Kämpfer. Schon 2001, lange vor allen anderen, flog er aus den Playlists von Clouds FM, weil er sich weigerte, bei einer Veranstaltung des Senders aufzutreten. Seinerzeit dachte noch kaum ein Musiker daran, ein schlechtes Wort über Clouds zu verlieren.

Stattdessen taten viele von ihnen ihren Ärger über fliegende Händler kund, die Raubkopien ihrer Alben verscheuerten, oder über die mächtigen Musikvertriebe, die ihnen Tantiemen für 1000 Kassetten auszahlten, aber 5000 Stück verkauften. Die Privatradios entschieden auch damals schon über Künstlerexistenzen mit, wurden in erster Linie jedoch noch hoch geschätzt, weil sie Chancen eröffneten. Wer im Clouds-FM-Programm prominent gelistet wurde, nahm bald ein Album auf, gab Konzerte, was wiederum Zeitungsartikel zur Folge hatte und noch mehr Clouds-FM-Airplay. Die Musik sollte ein Auskommen bieten, das war der Traum tausender junger Leute, die in Tansania nicht wussten, wohin mit ihrer Kreativität und Arbeitskraft. Und das Radio half dabei.

Im Rückblick ist die Geschichte andersherum schlüssiger: Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, beförderte auch die Unfreiheit. Die Sender banden das jugendliche Publikum an sich und bauten so ein Geschäft auf, das nicht nur mit Musik handelte, sondern mit der Konsumfreude ihrer Kunden. In den Bongo-Flava-Songs, die heute bei Clouds FM laufen, geht es nicht wie einst um HIV-Aufklärung oder die Mängel des Gesundheitssystems, sondern um Liebe und Lifestyle.

Der Staat verwechselte die Freiheit der Wirtschaft mit der Freiheit der Gesellschaft

Clouds FM steht ganz offen für einen "musikalischen Wandel" - von Rap, auch solchem mit sozialkritischen Texten, deren Bedeutung in Tansania nicht zu unterschätzen ist, zu R'n'B-nahen Befindlichkeitssongs. Die Unterscheidung von Songs in die Kategorien "Message" und "Commercial" ist nicht neu. Neu ist aber, dass Message-Songs kaum noch eine Chance bekommen. Clouds steuert die Trends, und derzeit sieht es so aus, als müssten sich junge Künstler dieser Macht fügen - oder sie können eben gar nicht erst ins Musikgeschäft einsteigen.

Der Clouds-Manager Ruge Mutahaba, dem diverse Musiker vorwerfen, er habe den Vertrieb ihrer Musik verhindert, weil sie es gewagt hätten, andere künstlerische Ansichten zu vertreten, ist der Erzfeind der Clouds-Kritiker: Wer ihn kritisiert, meint, es gebe eine Fehlentwicklung von der Kunst zum Konsum, von Kreativität zu Marktfähigkeit. Er ist auch ein Grund für die Proteste der Antivirus-Gruppierung: Mutahaba gründete vor einigen Jahren sein eigenes Unternehmen, das "Tanzania House of Talent" (THT), eine Ausbildungs- und Fördermaßnahme.

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