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Graphic Novel "Hip Hop Family Tree":Kurtis Blow sagte nur noch "Bingo"

Als die Beastie Boys noch Armleuchter waren und Street-Art-Künstler ihre Konflikte auf der Leinwand austrugen: Ed Piskors penibel recherchierte Graphic Novel "Hip Hop Family Tree" erzählt von den Anfängen der Rapmusik, aber auch vom Verlust ihrer Unschuld. In den USA ein Bestseller, ist das Buch nun in Deutschland erschienen.

Von Julian Brimmers

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"Hip Hop Family Tree"

Quelle: Ed Piskor Metrolit

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Als die Beastie Boys noch Armleuchter waren und Street-Art-Künstler ihre Konflikte auf der Leinwand austrugen: Ed Piskors penibel recherchierte Graphic Novel "Hip Hop Family Tree" erzählt von den Anfängen der Rapmusik, aber auch vom Verlust ihrer Unschuld. In den USA ein Bestseller ist das Buch nun in Deutschland erschienen.

DJ Kool Herc, Grandmaster Flash (hier im Bild) und die Furious Five, oder Afrika Bambaataa und Run-D.M.C.: Das sind die Namen, die für den beispiellosen Siegeszug eines Musik- und Lebensstils stehen, der in der New Yorker Bronx in den späten 1970er Jahren seinen Anfang nahm. Heute steht für diesen Stil eine neue Generation von Hip-Hoppern, deren Anhängern die Gründerväter des Genres oft nicht mehr bekannt sein werden.

Denen setzt nun die Graphic Novel "Hip Hop Family Tree" des amerikanischen Cartoonisten Ed Piskor ein Denkmal. Der Sammelband, der es im vergangenen Frühjahr auf die Bestsellerliste der New York Times schaffte, zeichnet ein kurios-anarchisches Bild vom New York der späten 1970er. Vor kurzem ist er auf deutsch erschienen.

"Hip Hop Family Tree" von Ed Piskor

Quelle: Ed Piskor Metrolit

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Auf den "Block-Parties", auf denen ganze Stadtviertel feiern und sich die DJs den Strom für ihre Musikanlagen illegal aus den Straßenlaternen zapfen, ist die Gewalt allgegenwärtig. Die Territorialkämpfe der Gangs erreichen einen vorläufigen Höhepunkt.

In dieser ausweglos erscheinenden Situation sieht der Gangleader Afrika Bambaataa (hier mit dem Rücken im Bild), einst gefürchteter Anführer der Black Spades, in der aufkommenden Hip-Hop-Bewegung einen Ausweg aus der Gewaltspirale. Feinde sollten ihre Konflikte nunmehr im kreativen Wettstreit mit Reimen, tanzend oder sprühend austragen.

Die von Bambaataa begründete "Zulu Nation", eine Art Musik-, Sozialdienst- und Kunst-Organisation, wird zum Sinnbild diesen neuen Ansatzes, soziale Verantwortung zu übernehmen, und etabliert Ableger in mehreren Ländern, die sogenannten "Zulu Chapter". Deren pädagogische Mission wurde vor allem vom deutschen Ableger der "Zulu Nation" mit heiligem Ernst verwaltet - so sehr, dass sogar Alkoholgenuss auf Parties abschätzig beäugt wurde. Im Ruhrgebiet bildete sich mit der bewusst prolligen "Silo Nation" eine Gegenbewegung.

Hip Hop Family Tree

Quelle: Ed Piskor, Metrolit

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Piskor bezeichnet sich selbst als Nostalgiker. Die Liebe zum Detail ist eine der großen Stärken seiner Cartoons und zieht sich durch das gesamte Buch. Von der inhaltlichen Recherche, über die Beschriftung der Sprechblasen (das sogenannte Lettering) und die Kolorierung, bis hin zur Wahl des Papiers wird sie erkennbar.

Mit seinem ganz eigenen Stil stellt Piskor beispielsweise Lautstärke dar: Der Bass der "Brothers Disco" dringt so vehement durch die Boxen, dass das gesamte Panel zu vibrieren scheint.

Hip Hop Family Tree

Quelle: Ed Piskor, Metrolit

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Ein Bild zum Einrahmen für jedes Postmoderne-Proseminar: Fab Five Freddy, der spätere MTV-Moderator, der die New-Wave-Band Blondie zu ihrer ersten Block Party brachte, hat einen Zug mit Campbell-Konservendosen besprüht - frei nach Andy Warhol.

Die Kunst fährt fortan durch die Innenstadt, anstatt bloß im Museum zu vergilben. Im Comic erfährt man, wie sehr u. a. Keith Haring von Freddys "Wholecar" inspiriert wurde.

Hip Hop Family Tree

Quelle: Ed Piskor, Metrolit

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Mit dem Ruhm kam oft auch das schnelle Geld: Hier zeigt Piskor, welche Vehikel sich die Furious Five, die Rap-Gruppe des legendären DJs "Grandmaster Flash", von ihrem ersten Vorschuss gönnten. Gemessen an dem, was manche Rapper heutzutage spazieren fahren, ein fast schon vernünftiges Investment.

Denn so vernünftig und bedacht die meisten Hip-Hop-Pioniere bei ihren Platten-Aufnahmen und Live-Auftritten zu Werke gingen, so impulsiv wurde mit dem Geld verfahren, das der Plattenindustrie unverhofft entlockt wurde.

Hip Hop Family Tree

Quelle: Ed Piskor, Metrolit

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"Ich könnte weinen, wenn ich daran denke, dass jeder dieser Songs für seine Interpreten so etwas wie die einzige Chance war. Es liegt so viel Optimismus und Hoffnung in diesen Stücken", sagt Piskor.

Diese Sentimentalität könnte der Grund dafür sein, dass der Zeichner für die Manager der Musikindustrie wenig Sympathie empfindet - er zeigt sie mit all ihren Schwächen. Egal ob Sylvia Robinson, Entdeckerin der "Sugarhill Gang" und Chefin der Plattenfirma Sugarhill Records, oder Russell Simmons, seines Zeichens Manager von Kurtis Blow und Mitbegründer von Def Jam Records.

Während Sylvia Robinson als eiskalt kalkulierende Geschäftsfrau noch vergleichsweise glimpflich davonkommt, zeichnet Piskor Russel Simmons als geschäftstüchtigen Junkie mit deutlichen Defiziten im Sozialverhalten und einer Sprachstörung. "Russell Simmons war ein verrückter Kerl und zugegebenermaßen auf jeder Droge, die es gab. Heutzutage ist er Buddhist und eine nahezu erleuchtete Erscheinung."

In den kommenden Sammelbänden zu "Hip Hop Family Tree" - die zweite Folge soll im August erscheinen - wird nicht nur Russell Simmons eine solche Entwicklung durchmachen, erklärt Piskor ...

Hip Hop Family Tree

Quelle: Ed Piskor, Metrolit

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..., sondern auch der Produzent Rick Rubin. Heutzutage vor allem für seine Ausgeglichenheit bekannt, die an einen Zen-Buddhisten erinnert, und für geerdete Produktionen, mit denen Jay Z, Johnny Cash, Adele und andere Erfolge feierten, machte er Anfang der 1980er Jahre noch ganz anders auf sich aufmerksam.

Piskor zeigt ihn hier nach dem ersten Auftritt der Punkband "The Pricks" im Club CBGB - als mit allen Privilegien ausgestatteten Halbstarken aus gutem Hause, der mithilfe eines inszenierten Skandals in die Schlagzeilen zu kommen versucht. Eine Taktik, die später viele Rapper anwenden sollten.

Hip Hop Family Tree

Quelle: Ed Piskor, Metrolit

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Der nun auf Deutsch erschienene erste Band von "Hip Hop Family Tree" umfasst die Jahre 1977-1981. Auf Boingboing.com hat Piskors Chronik der frühen Jahre des Hip-Hop bereits die Mitte der 80er Jahre erreicht.

Da begann erst gerade die große Zeit der Beastie Boys, weswegen diese frühe Hip-Hop-Band noch nicht in "Hip Hop Family Tree, Teil 1" auftaucht, bei Boingboing.com aber schon. Nach Piskors Wahrnehmung waren die "Beastie Boys" damals noch nicht die einzig wahren Hipster-Rapper und Crossover-Pioniere mit Hang zum Weltverbesserertum, als die sie sich später gerierten. Sondern: unreife Armleuchter.

Gruppenintern habe es beispielsweise Überlegungen gegeben, das inzwischen legendäre Debüt-Album "Licensed To Ill" lieber "Don't Be A Faggot" ("Sei keine Tunte") zu nennen.

Inzwischen hat sich die einflussreiche New Yorker Band aus traurigem Anlass aufgelöst: Adam "MCA" Yauch (rechts im Bild) erlag 2012 einem längeren Krebsleiden. Die verbliebenen Gründungsmitglieder Adam "Ad Rock" Horovitz und Michael "Mike D" Diamond versprachen Yauch, keine neuen Songs unter dem Banner Beastie Boys zu veröffentlichen.

Hip Hop Family Tree

Quelle: Ed Piskor, Metrolit

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"Hip Hop Family Tree" arbeitet deutlich heraus, wie eine Subkultur ihre Unschuld verliert. Von den anarchischen Anfängen der "Block Parties" hin zu einem Multi-Millionen-Dollar-Geschäft waren es nur wenige Jahre.

Kurtis Blow schaffte es 1980 als Erster, für einen Rapsong mit einer "Goldenen Schallplatte" ausgezeichnet zu werden. Im Bild feiern er und sein Manager Russell Simmons die Auszeichnung für "The Breaks". Das Lied war in Deutschland ähnlich erfolgreich wie in den USA und fand dank seiner Disco-Anleihen und der häufig zitierten Funk-Gitarre unzählige Nachahmer.

Hip Hop Family Tree

Quelle: Ed Piskor, Metrolit

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Von ähnlich großer Bedeutung für das noch junge Genre war Blondies "Rapture". Debbie Harry und Chris Stein, Blondies kongeniales Songwriter-Duo, bildeten dabei eine wichtige Schnittstelle zwischen der Punk- und New-Wave-Szene der Lower East Side und den Hip-Hop-Zirkeln der South Bronx.

Fab Five Freddy, hier hinten rechts im Bild, mit umgedrehter Schiebermütze und Sprühdose, nahm Harry und Stein mit zu deren erster Block Party. Kurz darauf sorgte Harry dafür, dass mit "Funky Four + 1" eine Hip-Hop-Gruppe bei Saturday Night Live auftreten durfte - Hip-Hop hatte es endlich ins Fernsehen geschafft.

"Rapture" war nicht nur ein internationaler Hit, sondern vor allem eine Verbeugung vor dem gemeinsamen Freund Freddy und der noch unverfälschten Kreativität des frühen Hip-Hop. Für ihre etwas holprigen Nonsens-Reime schämt Debbie Harry sich heutzutage allerdings so sehr, dass sie den Raum verlässt, sobald ihr damaliger Nummer-eins-Hit die Rap-Passage in der zweiten Hälfte des Liedes erreicht.

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Quelle: Ed Piskor, Metrolit

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Eine bestimmte Anekdote der Hip-Hop-Geschichtsschreibung hat es Piskor ganz besonders angetan: Das Zusammentreffen des Graffiti-Künstlers und Hip-Hoppers Rammellzee (hier in dem für ihn typischen afro-futuristischen Outfit) und des weitgehend etablierten Künstlers und Andy Warhol-Intimus Jean-Michel Basquiat.

Gemeinsam mit dem damals fünfzehnjährigen K-Rob nahmen die beiden 1983 die Single "Beat Bop" auf, die aufgrund des von Basquiat gestalteten Covers bald zu den wertvollsten Schallplatten des Genres zählte. Bevor sie mit den Aufnahmen starteten, lieferten sich Basquiat und Rammellzee einen Maler-Wettstreit auf der Leinwand sowie im Zugdepot. Rammellzee verstarb 2010 nach langer Krankheit im Alter von nur 49 Jahren. Sein umfangreiches Werk erfuhr bis heute nicht die Würdigung, die es fraglos verdient.

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Quelle: SZ

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Ed Piskor, wie er sich selbst sieht: ein junger Mann in sechs Variationen - stets mit Hut: "Ich bin doch bloß ein großer, weißer Nerd."

"Hip Hop Family Tree: Die frühen Jahre des Hip Hop", Ed Piskor (Autor), Stefan Pannor (Übersetzer), Metrolit, 120 Seiten.

"Hip Hop Family Tree 2" erscheint am 18. August auf Deutsch. Auf Englisch ist die gesamte Geschichte im Internet bereits zu finden (hier).

© SZ.de/pak/ihe

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