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Hip Hop:Drakes "Scorpion" ist das bisher beste Album des Sommers

Drake - ´Scorpion"

Geht es bei hier noch um die Musik oder ist die Kontroverse um Drake eher eine von Socialmedia aufgeblasene Rap-Daily-Soap?

(Foto: dpa)

Aber Hip-Hop-Fans interessiert eigentlich nur, ob Drake wirklich ein geheimes Kind mit einer ehemaligen Pornodarstellerin hat, wie der Rapper Pusha T behauptet.

Von Juliane Liebert

Drakes neues Album, "Scorpion", ist einer Menge Leute wahnsinnig wichtig. Das hat verschiedene Gründe. Es ist 2018, Hiphop und R'n'B sind die Musik der Stunde (des Jahres, Jahrzehnts). Überall ist Autotune, Beyoncé und Jay Z ziehen auf Tournee durchs Land wie König und Königin, und Drake ist Drake, der traurige, aber sympathische Typ, der aussieht wie eine Nebenfigur in einem B-Movie.

Wenn Drake ein Album herausbringt, gibt es Liveblogs. Nicht weil das Album live wäre, es gibt Liveblogs, in denen Menschen die einzelnen Songs einzeln kommentieren, denn wenn sie sich erst das ganze Album anhören und ihre Meinung dazu aufschreiben würden, würden sie Zeit und Klicks verlieren und damit Aufmerksamkeit. Also gibt es Liveblogs zu einem Studioalbum, ferner kleine Revolten, wenn es, wie diesmal geschehen, drei Stunden zu spät auf Spotify ist. Menschen kündigen ihre Spotify-Abos, weil sie drei Stunden länger als Apple Music Nutzer auf Drakes neues Album warten müssen. Wutentbrannt.

Denn sie warten schon lange auf eine Ansage von Drake. Am 29. Mai veröffentlichte der Rapper Pusha T "The Story of Adidon.", auf dem Cover Drake in Blackface. In dem Track werden Drakes Eltern beschimpft und auf die multiple Sklerose seines Producers Noah "40" Shebibs angespielt. Außerdem behauptete Pusha, Drake hätte ein geheimes Kind mit einer ehemaligen Pornodarstellerin namens Sophie Brussaux. Seitdem wartet das Internet auf eine Antwort, und das heute erschienene Doppelalbum wird diskutiert bis in die letzte Zeile.

Die A-Seite wurde als eher Hiphop-lastig und die B-Seite als R'n'B angekündigt, die zweischneidige Klinge des Status Quo. Es gibt ein Michael Jackson-Feature, die Singles "Good for what" "I'm upset" und "God's Plan" wurden schon lange vorab veröffentlicht, aber die entscheidende Frage ist gar nicht, wie die Singles heißen, sondern: Hat Drake ein geheimes Kind? Wird er zurück-öh-pushen? Geht es noch um die Musik oder ist das alles eher eine von Socialmedia aufgeblasene Rap-Daily-Soap?

"Scorpion" ist sehr anders angelegt als noch der Vorgänger, "Views". Auf "Views" war jeder Track eine eigene Welt, ein Urlaubsort, eine Sehnsucht für sich. Die Tracks auf Scorpion wirken eher wie Sperrfeuer. Gute Grooves, aber kein besonders außergewöhnlicher Sound. Für Drakes Verhältnisse gibt es verhältnismäßig wenig Gesang.

Es wirkt, als ob er sich einen neuen Arbeitsprozess angeeignet hat: "Is there more" ist beispielsweise sehr konkret, vier oder fünf scheinbar direkte Berichte aus seinem Leben, als sähe man ihm zu, wie er Tag für Tag ins Studio geht und ablädt. Dabei wiederholen sich die Themen oft. Das Album ist weniger ein Album als eine Playlist, 25 Lieder, drei Features, keine weitere Orientierung. Begleitmusik zur vorbeiziehenden Stadt. Alleine mit Drake. Aber nicht im Kinderzimmer wie in den Neunzigern, sondern in der Öffentlichkeit, in der digitalen Einsamkeit.

Drake verhandelt sich glaubhaft in seinen Songs - das macht sonst keiner

Drake hat sich den Raum genommen, wirklich von sich zu reden. Die meisten Rapper machen das in Plattitüden, er verhandelt sich glaubhaft in seinen Songs. Das macht sonst keiner. Sonst konstituiert sich die Szene oft aus Posern oder Aktivisten oder Gangstern oder Reimern oder Absurden wie Kanye. Drake ist konsistent in seiner Sonderrolle, erlaubt sich kaum Fehler, entwickelt sich fortlaufend weiter. Das spiegelt sich gerade in seiner Musik, er artikuliert meist ziemlich klar, seine Stimme ist in der Regel stark in den Vordergrund gemischt.

Er setzt den Effektschnickschnack wie Autotune nicht nur zum Rumalbern ein, sondern um gezielt Stimmungen zu evozieren, Lebenssituationen emotional zu beglaubigen. Wenn er ohne Autotune rappt, dann oft sehr gleichmäßig auf einem Ton, aber trotzdem mit Drive. Musikalisch ist das Album ziemlich transparent, wenig heavy Trapshit. Eher emotionales Synthglissando wie Klagegesänge von Aliens. Er schafft es, eine besondere Glaubwürdigkeit und Lebensnähe herzustellen, indem er einerseits perfekt auf der Klaviatur der Emo-Effekte seines Genres spielt, aber das mit einer speziellen Beiläufigkeit tut.

Hat er jetzt einen geheimen Sohn, den er vernachlässigt? Who cares, er hat ein Album abgeliefert, das bisher das beste des Sommers ist. Darüber kann man schonmal ein paar Kleinkinder vergessen.

© SZ.de/khil/liv

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