Helma Sanders-Brahms ist tot Mutter der Archetypen

Helma Sanders-Brahms (Archivbild von 2005)

(Foto: dpa)

In "Geliebte Clara" oder "Shirins Hochzeit" wollte sie Probleme verhandeln, die die Zeit bewegten. Aber gefallen wollte Helma Sanders-Brahms nie. Nun ist die Filmemacherin im Alter von 73 Jahren gestorben.

Von Susan Vahabzadeh

Es wurde ja nicht von ungefähr Papas Kino für tot erklärt in den Sechzigern - Mama machte keine Filme. Als der Neue Deutsche Film dann die Macht übernahm, war vieles anders, eines nicht: Filmemachen blieb Männerdomäne. Regisseurinnen waren selten, Helma Sanders-Brahms war eine der wenigen, und sie wollte Geschichten erzählen, die von Frauen handelten und von Emanzipation. Dieser Devise blieb sie treu, bis hin zu ihrem letzten Film, "Geliebte Clara" (2008), über Robert Schumanns Frau, die Pianistin Clara Schumann, die Martina Gedeck für sie spielte.

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Helma Sanders-Brahms wurde 1940 in Emden geboren, arbeitete nach dem Studium beim Rundfunk, als man sie nach Italien schickte für ein Interview mit Pier Paolo Pasolini. Dort blieb sie hängen, hospitierte bei "Medea" (1969). Sie lernte auch Sergio Corbucci kennen: "Corbucci als überzeugter Kommunist machte Filme fürs Volk, mit den entsprechenden Genres, Italowestern, Komödien. Er war das absolute Gegenteil von Pasolini, aber sie verstanden sich sehr gut, und die Schauspielerin Laura Betti war das Bindeglied zwischen ihnen: Sie lud oft zum Essen in ihre Wohnung in Rom ein, da saßen dann Bernardo Bertolucci, Marco Bellocchio, Jean-Marie Straub und Alberto Moravia. "Und ich habe dort erlebt, was Kino ist."

Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit, das war die Losung des Neuen Deutschen Films, der immer gesellschaftspolitisch sein wollte - Helma Sanders-Brahms hatte ihr Thema gefunden. "Unter dem Pflaster liegt der Strand" (1974) war ein feministischer Spielfilm unter besonderer Berücksichtigung des umkämpften Paragraphen 218. Sie hat dann erstaunlich früh Gespür bewiesen für Probleme, die auch heute noch aktuell sind - 1975 drehte sie "Shirins Hochzeit", über eine junge Türkin, die nach Deutschland kommt, um den Mann zu suchen, dem sie versprochen ist. Sie findet nur den Tod - einer der ersten Filme über Türken in Deutschland. Helma Sanders-Brahms wollte Archetypen des Lebens schaffen, an denen sie verhandeln konnte, was die Zeit bewegte.

Irgendwann hat sie die Gegenwart links liegen lassen, hat sich mit Heinrich von Kleists Leben beschäftigt, und natürlich ihren Kriegsfilm "Deutschland bleiche Mutter" (1980) gedreht, der ihr größter Erfolg blieb. Eva Mattes spielte Lene, die sich allein durchschlagen muss mit ihrem Kind, die der Tochter das Märchen vom Räuberbräutigam erzählt, der ein Mädchen in sein Haus lockt, um es zu zerhacken und aufzuessen . . .

Ich will nicht gefallen, sagte sie über ihre Filme. Aber in einem Brief in den "Cahiers du Cinéma" schrieb Alain Bergala ihr zurück, zu Zeiten von "Deutschland, bleiche Mutter": "Was du verweigerst, ist nicht die Verführung, es gibt eine große Verführung der morbiden Verzweiflung in deinen Filmen, sondern die gewöhnliche Verführerstimme des Kinos, die die Stimme fetischistischen Begehrens ist." Eine Art Ritterschlag aus dem Geburtsland der Cinephilie. Am Dienstag ist Helma Sanders-Brahms nach langer, schwerer Krankheit gestorben.