Im Kino: "Geliebte Clara" Kuschelkomponisten in Moll

Der Wenn-Frauen-zu-sehr-lieben-Blick: Die Dreiecksbeziehung zwischen Clara und Robert Schumann und Johannes Brahms gerät im Kino mit Martina Gedeck auf die falsche Tonleiter.

Von Tobias Kniebe

Mal angenommen, es gäbe da eine Dreiecksgeschichte zu erzählen, zwischen einer faszinierenden Frau, ihrem Ehemann - und einem jüngeren Rivalen. Wie könnte man das nun filmisch in einem Bild verdichten?

Das muss keine Liebe sein: Clara (Martina Gedeck) und Robert Schumann (Pascal Greggory).

(Foto: Foto: ddp)

Hier die Idee: Der Ehemann nestelt an seinem Ehering, dieser fällt auf den Boden, schnell hebt ihn der Rivale auf, spielt versonnen damit herum, während die Frau ihm suggestive Blicke zuwirft, dann reißt der Ehemann den Ring wieder an sich. Alles klar? Nein? Klingt eher haarsträubend blöde? Tja, das hätte ein mutiger Mensch mal der Regisseurin Helma Sanders-Brahms sagen sollen, die zehn Jahre an diesem Film laborierte, bis sie schließlich mit dieser Eröffnungsszene niederkam.

Aparte Konstellation

Es geht natürlich um Clara Schumann, die multitalentierte Klaviervirtuosin des neunzehnten Jahrhunderts, um ihren Mann Robert, den schon recht berühmten Komponisten, und um Johannes Brahms, das jüngere, noch nicht ganz so berühmte Nachwuchsgenie. Eine zugegeben aparte, historisch auch hinlänglich verbürgte Konstellation, die schon weidlich vom Kino ausgeschlachtet wurde.

Von der Ufa zum Beispiel zur Zeit des ausbleibenden Endsiegs, wenig später auch von Hollywood, wo in "Song of Love" keine Geringere als Katharine Hepburn am Flügel sitzen durfte - schließlich folgten dann noch Verirrungen der achtziger Jahre wie Herbert Grönemeyer als Robert Schumann.

"Geliebte Clara" will nun hingegen - ja was eigentlich? Auf jeden Fall nicht zu kleinlich an den bekannten Fakten entlangerzählen: Die erste Begegnung in der Dreierkonstellation wird gleich mal ein paar Jahre nach vorne verlegt, an einem neuen Ort angesiedelt und mit einer frei erfundenen Dramaturgie unterfüttert - man muss ja den Menschen auch mal was Neues bieten.

Außerdem räumt der Film konsequent mit der Vorstellung auf, zwischen Clara und Robert Schumann könne es eine große Liebe gegeben haben. Robert, gespielt von dem eigentlich sehr guten, hier aber wild chargierenden Franzosen Pascal Greggory, ist ein eifersüchtiger, egomaner, lebensuntüchtiger Hypochonder, der die aufopferungsvolle Fürsorge seiner Frau mit böser Herablassung quittiert. Sympathietechnisch ist er eindeutig der Loser.

Der junge Brahms (Malik Zidi) dagegen kommt wesentlich besser weg. Seine Verehrung für Clara ist tief und kindlich rein, und zum offensichtlichen musikalischen Genie bringt er auch noch tolle clowneske Qualitäten mit: Wenn er auf den Händen geht oder wie Tarzan am Treppengeländer der Schumanns baumelt, kommt er bei Claras ausufernder Kinderschar prima an.

Der Wenn-Frauen-zu-sehr-lieben-Blick

Ein etwas einseitiger Kampf der Genies, könnte man sagen - aber wenn man hört, wie Helma Sanders-Brahms betont, "selbst Nachfahrin von Johannes Brahms" zu sein, wundert einen eher nichts mehr. Verwandtschaftliche Bande sind manchmal eben doch stärker als dramaturgische Überlegungen.

Martina Gedeck als Clara Schumann steht nun aber vor dem Problem, der ehelichen Beziehung überhaupt einen Hauch von Glaubwürdigkeit zu verleihen - historisch gesehen bleibt Clara ihrem Robert nämlich treu, über seine Einweisung in die Heilanstalt und seinen frühen Syphilistod hinaus wird sie als unermüdliche Botschafterin seines Werks um die Welt touren.

Dazu fällt Gedeck nicht viel mehr ein als ihr schon sattsam bekannter, leicht irrer Wenn-Frauen-zu-sehr-lieben-Blick, der aber inzwischen nicht mehr als Ausdruck eines echten Gefühls durchgeht. Neben diesem Modus stehen ihr schauspielerisch noch zwei weitere Register zur Verfügung: der Eine-Frau-geht-ihren-Weg-Habitus, indem sie patriarchale Trottel schon mal schneidend scharf auf die Plätze verweist, und das tief verhangene Großmimentum, in dem sie sich vor allem an ihrer eigenen, vorgeblichen Subtilität berauscht. Hier kann man dann gar nicht mehr unterscheiden, wo Clara Schumann endet und Ulrike Meinhof beginnt.

Die ganze Aura der Virtuosität, die der Film in seinen Musikszenen anstrebt, ist leider auch nicht ernstzunehmen. Katharine Hepburn zeigte 1947 schon wesentlich komplexere Sequenzen, in denen sie ihre eigenen Finger über die Tasten rasen ließ, unglaublich schon ihre Eröffnungsszene mit Liszts Es-Dur-Konzert. Arthur Rubinstein, der tontechnisch damals für sie doubelte, zollte ihr höchstes Lob: "Ich bin der einzige Mensch, der sagen kann, wo Hepburn endet und ich beginne." Die Zeiten, sie werden halt leider dann doch nicht besser.

Helma Sanders-Brahms sieht sich in Deutschland gern als die große Unverstandene, in Frankreich dagegen fühlt sie sich geliebt. Eigentlich wollte sie deswegen auch mit Isabelle Huppert drehen - aber die war dann offenbar klug genug, ein paar Dinge rechtzeitig zu erkennen: wie sehr diesem Projekt eine Inspiration fehlt - und ein Interesse, das über verkorkste Geschlechterbeziehungen hinausginge.

Geliebte Clara, D/F/Ungarn 2008 - Regie und Buch: Helma Sanders-Brahms. Kamera: Jürgen Jürges. Mit Martina Gedeck, Pascal Greggory, Malik Zidi. Verleih: Kinowelt, 104 Minuten.